You’ll never walk alone

Auf dem Weg stand in einem Tunnel „You’ll never Walk alone“. Es regnete dann stark am nächsten Morgen, so dass ich erstmal langsam machte. Ein Kanadier kam als Letzter aus der Tür der Herberge und meinte, er wolle erst einmal einen Kaffee trinken gehen. Ich begleitete ihn und half ihm mit ein paar Plastiktüten aus, denn er hatte nicht einmal einen Regenschutz für seinen Rucksack. Er war gerade einmal vier Tage unterwegs und hatte nicht mehr sehr viel Geld.
„In Kanada habe ich alles verbockt. Ich habe das Gefühl, mein Leben ist zuende.“
„Dann ist der Jakobsweg genau das Richtige. Der kann Leben retten. Das war bei mir auch so.“ Es ging ihm dann besser und er lief dankbar weiter, während ich noch sitzen blieb und überlegte, was tun. Es kam dann ein Finne vorbei und erzählte, dass von drei Uhr nachmittags bis zum Abend das Wetter besser sein soll. Er würde auch noch warten. Ich erzählte ihm von der nächsten Herberge in etwa acht Kilometern Entfernung und er mir von der Bibliothek. So ging ich dorthin und entdeckte ein äußerst interessantes Buch über die verschiedenen griechischen Göttinnen, von dem ich ein paar Seiten las. Demnach trägt jede Frau eine oder mehrere Göttinnen in sich…

Ich unterhielt mich am Abend in der nächsten Pilgerherberge in einem Kloster nach dem gemeinsamen Abendessen noch ziemlich lange mit einer stark behinderten Frau, die auf dem Rückweg nach Frankreich war. Sie war von ihr Zuhause in der Mitte von Frankreich bis Santiago gelaufen und zurück. Sie erzählte mir, dass sie Schwierigkeiten mit der Art der Deutschen hätte. „Ich will nicht, dass man mir sagt, was ich machen soll,“ meinte sie.

Ich blieb mit ihr am nächsten Morgen noch in der Herberge und wir machten alles sauber. Danach erzählte ich ihr, dass ich den Eindruck hatte, dass manches Geld, das ich geschenkt bekam, mir immer wieder Unheil brachte.
„Du kannst dich entscheiden, nicht mehr daran zu glauben. Auch das, was wir glauben, können wir aufgeben. Denn was wir glauben, prägt unsere Realität. Du kannst dich jetzt entscheiden, an das Positive anstatt an das Negative zu glauben. Ich lasse manchmal Geld, das meine Mutter mir schenkt, einfach irgendwo liegen. Oder ich wasche es mit Spülmittel. Man muss nur aufpassen, dass es nicht wegweht beim Trocknen. Das Geld kommt ja vom Staat und ist dreckig. Man muss es erstmal säubern. Die Leute wollen manchmal einen Zaun um einen bauen. Es geht aber darum, ihn aufzulösen.“
Interessanterweise hatte ich genau dieses Bild in einem Traum, den ich in der Nacht hatte, nämlich, dass bestimmte Menschen eine Mauer um mich bauen wollten. Ich konnte gar nicht gut schlafen. Nicht nur wegen des intensiven Gesprächs mit ihr, sondern auch wegen des Lichtes, das den Notausgang markierte. Ihre letzten Worte bevor wir uns trennte waren:
„Es geht auch darum, dass wir in unsere Kraft kommen. Dass unser Stern in uns zum Leuchten kommt. Darum geht es.“

Ich lief dann bis zur Herberge, von der sie mir erzählt hatte. Sie war erst seit einem Monat geöffnet und von alternativ aussehenden Menschen geführt. Wir waren nur zu dritt: eine Französin im Rentenalter, eine Baskin, die an einer weiterführenden Schule arbeitete und ich. Die Baskin lud mich zum Abendessen ein und wir hatten eine nette Runde zusammen.

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Als ich  am nächsten Tag loslief, lief gerade ein Pärchen vorüber, dann traf ich auf zwei junge Lettländerinnen. In Gernika blieb ich in der Jugendherberge, was ich ursprünglich gar nicht beabsichtigt hatte, aber so konnte ich erkunden, um was es bei dem berühmten gleichnamigen Gemälde von Picasso ging. Ich fragte kurzerhand im Touristoffice, was es damit auf sich hatte und die Dame erzählte mir, dass damals Franco Hitler und Mussolini eingeladen hatte, um ihm im Bürgerkrieg beim Kampf gegen die Republikaner zu helfen. In Gernika wurden sozusagen seit Jahrhunderten die Gesetze fürs Baskenland gemacht und es war damit Symbol für die Demokratie, das Hitler damals vernichtet hatte.


„Die Deutschen haben damals schon von einem weiteren Krieg gesprochen und haben ihre Waffen und ihr Kriegsmaterial sozusagen ausprobiert. Heute ist der Tag der Museen, da sind alle Museen kostenlos und das Baskenmuseum hat bis zwölf Uhr nachts geöffnet.“ Ich zog los und schaute mir zwei von den drei empfohlenen Plätzen an. Das Parlamentsgebäude mit der berühmten 2015 neu gepflanzten Eiche und das Baskenmuseum. In ihm traf ich drei Brasilianerinnen, denen ich vom Jakobsweg und von meinem Leben erzählte und auch, an was ich heute gedacht hatte: „Mich haben als Kind schon die Straßenkinder in der Welt angesprochen, die ich in einem Buch sah, das meine Eltern hatten. Ich hatte schon als Kind ein Herz für sie. Als ich nach Brasilien ging, da habe ich mich immer gewundert, dass die Brasilianer zum Großteil arm sind, aber dennoch glücklich, während wir Deutschen alles haben, was man sich nur vorstellen kann und nicht glücklich sind. Ich habe sozusagen das eine gegen das andere getauscht und bin nun glücklich ohne viel zu haben.“ Sie gaben mir zum Abschied alle ihre Telefonnummern und e-Mails und luden mich zu sich ein, falls ich mal wieder nach Brasilien komme. Eine von ihnen wohnte in Bilbao, war aber erst wieder ab Mittwoch dort zu erreichen. Als ich zurück in die Herberge kam, wurde ich von  Franzosen zum Abendessen eingeladen. Es wurde ein netter Abend.
Am Morgen wachte ich auf mit den Worten „passez fuego or run“ – „Brenne alles ab oder renne“. Ich stand auf, frühstückte rasch und verschwand. Nach circa fünf Kilometern kam eine Privatherberge mit einem zweiten Frühstück, wo viele wie auch ich Halt machten. Eine Deutsche saß bei mir am Tisch und regte sich auf, dass der Platz nicht in ihrem Reiseführer stand, obwohl er doch nur ein Jahr alt war.
Ich traf dann wieder die Franzosen vom vorherigen Abend und eine davon setzte sich in den Bus, der gerade an der Haltestelle stand, da ihr Fuß sie zu sehr schmerzte. Sie würde dann nach Hause fahren.
Im nächsten Ort saßen die beiden Franzosen vor der Herberge, die mich gestern zum Essen eingeladen hatten. Die Unterkünfte einen Ort weiter wären voll und so blieben sie hier. Ich wollte sowieso bleiben, hatte mir die Pilgerin im Kloster  letzthin von dieser Herberge erzählt. Ich redete viel mit den Leuten, vor allem auch lange mit dem Hospitaleiro. Bei einem Gang durch den Ort containerte ich Brot und Obst. Es lief mir unter anderem „be you“ über den Weg.

„No excuse“ kam mir auf einem Pulli entgegen, dann stand „Black Magic “ vor mir am Bahnübergang, an dem gerade die Schranken runtergingen, als ich ankam.

Was mir sonst noch über den Weg lief war: „Dime que si“ – „sag ja“, „be a voice not an echo“- „sei eine Stimme und kein Echo“, „shoes speak louder than words“ – „Schuhe sprechen lauter wie Worte“, „live free,  die young“ – „lebe frei, sterbe jung“, „desobedece“ – „sei ungehorsam“, „stay original and true“ – „bleibe originell und wahr“, „Peace“ – „Frieden“, „work on it“ – „arbeite daran“.

Dann sah ich ein ganz finsteres und furchteinflößendes Plakat.
Ich sprach, als ich mich einen Moment auf einer Bank ausruhte, mit einem Achtzigjährigen, der mir erzählte, dass er nicht gläubig sei. „Mein Vater war sehr katholisch gewesen und ihn hatten sie zur Zeit Frankos eingezogen und als Soldat im Bürgerkrieg eingesetzt. Meine Mutter war nicht religiös und ich bin es auch nicht. Hast du Angst, in die Hölle zu kommen?“ fragte er und danach „Bist du gläubig?““Eigentlich schon“. Er sprach weiter: “ Es gibt so viele Götter.“ Er zählte einige auf. Als ich ihm sagte, ich wisse jetzt gerade gar nicht genau, was tun, da sagte er: „Du bist im Zweifel! Das ist ganz schlecht. Das ist der Teufel, der einen im Zweifel sein lässt.“


Ich schloss mich zwei jungen Engländern an, um weiter zu gehen. So in der Nähe einer Großstadt war mir das sicherer, zumal ich am Vortag einmal alleine im Wald war und drei männliche Fahrradfahrer gekommen waren. Es war nichts passiert, aber mir war doch etwas unheimlich gewesen. Außerdem lagen überall in den Pilgerherbergen Flyer  herum, was man tun solle im Falle eines Problems…
In Bilbao angekommen, gab es Plakate mit „El rey solo“ – „Der König allein“ und  überall an den Laternenmasten prangte „El circo de los Horrores“ – „Der Horrorzirkus“, außerdem „don’t run, fly“ – „renne nicht, fliege“und „öffne dich der Welt“.

Im Hostal hatte ich schlecht geschlafen. Ich merkte, der Jakobsweg war für mich hier zuende. Um sechs Uhr morgens machte ich mich fertig und ging. Stieg in den Bus zum Bahnhof. Löste schnell ein Ticket und sprang in den nächsten Zug, der fünf Minuten später abfuhr. Dann fuhr ich zum Teil durch die Orte, durch die ich gelaufen bin. Ich sah Menschen mit schwarzen T-Shirts und Feuer darauf.

Weitere Worte des Tages:
„De vuelta en tu casa“ – „Zurück in deinem Zuhause“, „compatible“ – „kompatibel“, „Move on“ – „geh weiter“, „madness“ – „Wahnsinn“, „small steps“ – „kleine Schritte“, „apaga la luz y Enceinde tu Ahorra“ – „mach das Licht aus und entzünde deines jetzt“, ein T-Shirt mit einem Dinosaurier und den Worten „all my friends are dead“ – „alle meine Freunde sind tot“, „dernières opportunités“ – „letzte Gelegenheiten“,  „Agissez sans attendre“ – „Handeln Sie ohne zu warten“.

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Leute, die anders sind machen das Leben lustiger. Magisches Herz damit du für immer glücklich bist.

 

 

 

 

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