Unverhofft kommt oft

Zum Duschen ging ins ins Vagabundencafe, blieb jedoch nicht lange, da mir die Leute zu unangenehm waren. Ich schaute bei der Kleiderkammer fuer die Armen vorbei und erstand einen kunterbunten Poncho. Als ich zurueck zum Parkplatz fuhr, traf ich Jay.

„Ich habe seit einer Woche aufgehoert zu Rauchen, doch mir geht es so schlecht. Die Sinusitis ist so stark; ich kann langsam nicht mehr.“

„Ich hatte letzt auch drei Tage aufgehoert zu rauchen und dann ging es mir so schlecht, dass ich dachte, da rauche ich lieber. Ich hatte grosse Attacken von Langeweile. Das Rauchen hat auch grossen Einfluss auf die Gefuehle. Jedes Mal, wenn ich aufhoere zu Rauchen, weine ich erstmal zwei, drei Stunden. Und ob es jetzt fuer laenger ist, dass ich aufhoere, weiss ich noch nicht. Ich sprach letzt mit einer Frau, die fuer drei Wochen aufgehoert hat. Ich bin noch nicht bei drei Wochen. Kann gut sein, dass ich dann wieder anfange. Es kommt auch darauf an, wie man aufhoert. Wenn man mit Gewalt aufhoert, funktioniert das nur fuer einen kurzen Zeitraum, aber nicht auf lange Sicht.“

„Aber ich muss aufhoeren!“

Ich versuchte ihn zu ueberreden, mit mir zum Bus zu kommen, um ihm ein wunderschoenes Kissen fuer seine neue Wohnung zu geben, das ich gefunden und repariert hatte, aber er wollte nicht.

„Ich bin heute keine gute Begleitung“, gab er mir zur Antwort.

„Du redest wie ich.“

„Nein, ich komme heute abend oder morgen vorbei. Du bist doch sicher morgen noch da.“

„Morgen gibt es fuer mich nicht. Es gibt nur heute.“

Nichts zu machen. Es kam dann einer dazwischen, der uns um einen Euro anbettelte, um sich einen Kaese zu kaufen.

„Ich habe Kaese gefunden. Ich kann dir welchen geben. Ich gehe ihn holen.“

Ich packte ihm noch zwei Tomaten mit ein und er bedankte sich vielmals.

„Ich bin seit 32 Jahren am Reisen. Eigentlich bin ich Italiener. Ich habe fuenf Kinder. Eines davon habe ich heute gesehen. Der Aelteste ist sechsundzwanzig, der Juengste sieben. Ich habe mein Leben gelebt. Jetzt mache ich Strassentheater mit Feuer. Heute Abend, wenn es dunkel wird, mache ich eine Auffuehrung auf dem Boulevard, falls du kommen willst…“

Er quatschte dann andere Leute an und verschwand.

Ich begann in jeder freien Minute Dan Millmanns „Way of the peaceful warrior“ zu lesen. Als ich auf der Wiese vor der Bibliothek in der Sonne sass, kam ein Mann vorbei und fragte, ob die Wiese nicht nass waere. Ich zeigte ihm, dass die Unterseite meiner Decke aus Plastik war und wir kamen ins Gespraech.

„Ich bin gerade angekommen nach zweieinhalbstuendiger Fahrt. Mein Sohn ist hier im Gefaengnis und ich gehe ihn nachher besuchen. Wenigstens habe ich es schon gefunden. Er hat zehn Monate bekommen, weil er mit einem Gewehr auf Zigeuner geschossen hat. Obwohl er niemand verletzt hat. Und in seiner Wohnung haben sie das Wasser und den Strom abgestellt.“

„Wenn Sie etwas brauchen oder ich Ihnen irgendwie helfen kann…“

„Ich werde erstmal was Essen und Tabak fuer ihn holen. Dann komme ich wieder. Falls Sie dann noch da sind…“

Als er weg war, dachte ich staendig daran, dass er vielleicht jemanden zum Haushueten braeuchte. Als er zurueckkam, bot ich ihm dies an.

„Ja, das koennte interessant sein, denn er hat niemand im Moment, der sich um seine Sachen kuemmern kann. Mit seiner Freundin ging es auseinander, die kann er auch um nichts mehr bitten. Ich gehe auf jeden Fall jetzt mal zu ihm. Wo kann ich dich nachher treffen?“

„Ich bin wahrscheinlich hier nebenan im Internet und wenn nicht in meinem Bus, der auf dem Parkplatz dort hinten steht.“

In der Sonne war es direkt noch zu warm. Ausserdem gab es Laermquellen von zwei Seiten: einer Baustelle und den Laubsaugern. So ging ich ins Internet bis er vorbeikam.

„Ich habe den Wohnungsschluessel nicht bekommen, weil der Zustaendige nicht da war. Ich muss morgen frueh wiederkommen. Das heisst, ich muss hier etwas zum Uebernachten suchen. Man hat mir eine Herberge empfohlen.“

Ich bot ihm sogar an, im Bus zu uebernachten und ich im Zelt, aber das wollte er nicht so recht annehmen.

„Ich bin behindert. Ich wurde zweiunddreissig Mal am Ruecken operiert und nehme Morphium jede Stunde; acht bis zehn Stueck pro Tag. Eine Packung kostet ueber dreissig Euro. Ich nehme fuenf am Tag mit je drei Stueck. Ich hatte einen Unfall mit vierundzwanzig Jahren. Seitdem bin ich behindert. Und ich habe nicht gerade viel Geld. Wenn dann mit meinen Kindern etwas ist, kann ich ihnen nicht mal helfen. Wenn es regnet, kann ich gar nichts machen. Die letzten zwei Tage hat es bei mir geregnet, da lag ich nur im Bett.

Normal bin ich sehr schuechtern. Ich rede mit kaum jemandem. Erstaunlich, dass ich dich angesprochen habe. Und ich bin immer zuhause. Heute habe ich viel gemacht.“

Ich begleitete ihn zur Herberge. Sie hatten jedoch nur noch ein Zimmer ohne Fernseher.

„Ohne Fernseher will ich es nicht. Ohne Fernseher kann ich nicht sein. Ich schlafe nachts nicht lange, vielleicht eine dreiviertel Stunde, dann wache ich auf.“

Am Ende nahm er ein teureres Studio mit Fernseher. Wir gingen noch etwas trinken, aber am naechsten Tag merkte ich, dass das zu viel des Guten gewesen war.

Ich wollte von all dem nichts mehr wissen und nachdem ich meine Flaschen mit Wasser gefuellt hatte, fuhr ich weg. In den Ort, in dem am Wochenende das Fest der Medizinalpflanzensammler stattfinden sollte.

Ich stellte mich auf einen der vorgesehenen Parkplaetze, auf dem noch andere Wohnmobile standen. An dem ganzen naechsten Tag lernte ich nur einen Menschen kennen, der mich nicht sonderlich interessierte und traf nur einen, den ich kannte: den schwarzen Eisverkaeufer. Er erzaehlte mir genauer wie es sich mit dem Nachbar von Dominique verhielt.

„Er war sauer, weil ich ueber sein Grundstueck gefahren bin.“

Am naechsten Tag traf ich immerhin noch den pendelnden Automechaniker und eine Spanierin, die mir Dominique einmal vorgestellt hatte. Pierre erklaerte mir genau wie viel Azeton ich in den Tank fuellen soll, um etas weniger Sprit zu verbrauchen und abgasfreundlicher zu fahren: zwei Zentiliter auf 10 Liter Diesel. Die Spanierin unternahm mit mir einen kleinen Spaziergang. Nachher schenkte sie mir Gemuese, das ihr Ex-Freund ihr gegeben hatte.

„Er arbeitet im Oekomuseum hier in der Naehe in einer Reintegrationsmassnahme. Sie lernen dort wie man auf einem Bauernhof arbeitet, um spaeter in der Landwirtschaft Arbeit finden zu koennen. Es ist sympathisch dort. Da koenntest du auch mal hinfahren. Es ist allerdings schon bergig. Es geht ziemlich bergauf von hier aus.“

Mir hatte letztes Jahr schon jemand von diesem Oekomuseum erzaehlt. Und eine Frau auf einem der Staende liess verlauten, dass letztes Jahr ein Campingbus fuer zwei Wochen dort auf dem Parkplatz stand. Ich konnte naemlich einen Abstellplatz gebrauchen, um meine Post holen zu gehen, die immerhin etwa 125 Kilometer weit entfernt war, zu weit, um mit meinem Bus hin-und wieder zurueckfahren.

Am Ende der Veranstaltung bekam ich von einem Autor noch ein Maengelexemplar ueber essbare Wildpflanzen geschenkt, worueber ich mich sehr freute. Und danach fuhr ich zum Oekomuseum. Ich fragte am Morgen, ob ich meinen Bus dort alleine stehen lassen duerfe.

„Gar kein Problem“, gab mir die Frau am Empfang freundlich zurueck.

So packte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg, um meine Post zu holen. Ich lief die ganze Strecke bis zur naechsten Ortschaft zu Fuss, etwa sechs Kilometer weit. Es kamen drei Wagen an mir vorbei, die mich jedoch nicht mitnahmen. Alle anderen fuhren in die Gegenrichtung. Ueber Umwege landete ich an einem See, an dem ich noch nie zuvor gewesen war. Ich spazierte mit meinem Rucksack bepackt ein Stueck am Ufer entlang bis mich ein Hund ansprang und anklaeffte. Sein Herrchen kam gleich hinterher.

Es handelte sich um einen deutschen Angler aus Bayern, der mich einlud, bei ihm Platz zu nehmen und einen Tee zu trinken. Ich erfuhr, dass er am Ende der Woche zurueck nach Deutschland fuhr und bereit war, mich mitzunehmen. Ich wollte naemlich eigentlich schon den ganzen Sommer ueber nach Deutschland, aber mangels eines gescheiten Abstellplatzes fuer den Bus war ich dann doch nicht gefahren. Es war recht spaet geworden und so trampte ich zurueck, um am naechsten Tag einen erneuten Anlauf zu unternehmen. Diesmal gelangte ich ohne Probleme, aber auf groesseren Umwegen an den Ort, an dem ich schliess- und endlich die viel zu teure Autoversicherung meines Ex-Freundes kuendigte, was seit einem Jahr auf dem Plan stand, aber in Frankreich nur einmal pro Jahr, zum Stichtag eben, moeglich ist. Es war eine Unterschrift im Wert von fast tausend Euro, die ich leistete. Tausend Euro, die nun nicht mehr bezahlt zu werden brauchten.

In der Stadt meiner Postadresse traf ich einen entfernten Bekannten mit einer Dose Bier in der Hand. Ich dachte, er sei unter die Menschen ohne Zuhause gegangen, doch nein.

„Ich wohne jetzt hier in der Stadt. Das Haus, indem ich wohnte ist letztes Jahr durch den Schnee kaputtgegangen. Da war ich gezwungen, hierher zu gehen. Aber es gefaellt mir nicht. Ich wuerde lieber auf dem Land wohnen.“

Ein Typ mit ziemlichem Bauch, um nicht zu sagen Wanst gesellte sich zu uns.

„Und du bist auf der Reise?“ sprach er mich an.

Ich erfuhr, dass er im gleichen Dorf wie Raphael wohnte, bei einer Frau mit einer 26-jaehrigen und einer 18-jaehrigenTochter und das in einer Sozialwohnung.

„Im Dezember gehe ich weg. Vielleicht kannst du dann bei ihr wohnen. Du kannst heute bei mir schlafen, dann lernst du sie kennen. Ich uebernachte im Wohnzimmer auf einer Couch.“

Nachdem ich ein wenig aus meinem Leben erzaehlte, meinte er:

„Ich bin auch Nomade, aber mit fixen Orten. Ich habe zwei feste Orte in der Stadt, beides Squats und hier bin ich wegen meiner Tochter. Sie ist sechzehn und lebt in einer Gastfamilie bei einer Ballettaenzerin mit deren 18-jaehrigen Tochter. Mit der Mutter meiner Tochter bin ich noch locker befreundet. Uebrigens, wir koennen mit dem Zug fuer einen Euro zurueckfahren. Er faehrt um halb acht.“

Wir hatten noch eineinhalb Stunden Zeit und ich zeigte ihm den Park am Flussufer, der ihn jedoch nicht sonderlich interessierte. Im Zug trafen wir seine Mitbewohnerin, die, wie wir erst nach einiger Zeit feststellten, direkt neben uns sass. Es wurde ein netter Abend, bloss am naechsten Morgen rastete er aus. Erstens weckte er mich um viertel nach acht. Dann fragte er mich schon im Bett tausend Fragen, wie wann ich gehen wuerde und so. Was weiterging, nachdem er mit dem Hund zurueckkam. Als ich ihn bat, mit seinen bloeden Fragen aufzuhoeren, bekam er einen Totalausraster. Er hoerte gar nicht mehr auf zu reden: dass er in Brasilien zu fuenfzehn Jahren verurteilt waere, in Mexiko zu zehn und ich weiss nicht wo noch alles zu wie vielen Jahren, dass er ein famoeser Hausbesetzer sei, schon riesige Feuersaeulen gegen die Polizei errichtet hatte, wenn ich was mit ihm machen wuerde, dann auch Probleme mit der Polizei kriegen wuerde und und und. Er war aggressiv bis zum Anschlag, respektlos uns Frauen gegenueber, grenzueberschreitend und fast schon verletzend. Und er machte einem angst.

So machte ich mich lieber auf, um meine Post zu holen und trampte zurueck zu meinem Bus. Ich stellte mich auf den Wohnmobilparkplatz in die Stadt. Eine Frau in einem Kleinbus stand ebenfalls dort und ich kam mit ihr ins Gespraech. Sie brachte mich allerdings schon innerhalb von fuenf Minuten auf die Palme, indem sie ebenfalls lauter bloede Fragen stellte. Wie zum Beispiel, ob der Bus meine Zweitwohnung waere… Sie habe jetzt eine Wohnung hier gemietet.

„Ich finde alle Leute in unserem Alter sollten eine Wohnung haben.“

Ja, das fand ich auch.

„Ach, das soll man gar nicht sagen, oder doch? Gerade erst recht, um etwas zu veraendern,“ schob sie hinterher.

Dann ging es um Spanien, das im Winter waermer ist. Aber sie sah nicht einmal ein, dass Spanien wesentlich gefaehrlicher als Frankreich ist. Sie hatte einfach ueberhaupt keine Ahnung. Zum Glueck kam ein Auto angefahren und blieb mit laufendem Motor stehen. Der  Laerm stoerte sie derart, dass sie Tuer zumachte. Ich nutzte die Gelegenheit, abzuhauen, obwohl sie mich eingeladen hatte, in ihren Wagen zu kommen.

Dann sah sie mich, als ich mit dem Fahrrad wegfuhr.

„Faehrst du spazieren?“ fragte sie in einem dermassen bloeden Tonfall, dass es mir schon wieder reichte. Und als ich wiederkam und ihr ein Brot anbot:

„Brot, nein danke, ich esse nur bio, aber das ist nett. Klapperst du die ganzen Geschaefte ab und schaust in die Muelltonnen?“

Ich hatte keine Lust, auch nur noch einen weiteren Satz mit ihr zu wechseln und dampfte ab, um mir etwas zu Essen zu machen.

Am naechsten Tag begann ich zu packen bevor ich ins Internet ging und die Fotos von indischen Goettern ausdruckte, die mir Jay zugemailt hatte. Das Bild von Krishna und seiner Frau Radha hatte eine Groesse von exakt 66,6 Kilobyte, was mir nicht gerade Vertrauen einfloesste.

Am Abend schaute ich noch bei Tom vorbei, der sich offenbar ueber meinen Besuch freute.

„Ich habe seit gestern einen neuen Fernseher, schau.“

„Der ist aber interessant; ein Flachbildschirm. Er stoert mich gar nicht. Alle anderen Fernseher stoeren mich ungemein, wenn sie angeschaltet sind wegen der enorm negativen Energien, die sie ausstrahlen. Dieser jedoch ueberhaupt nicht.“

Ich fand die Bedienungsanleitung.

„Es ist ein LCD-Bildschirm, deshalb.“

„LCD? Genau. Mein Nachbar hat ihn gestern eingestellt.“

Tom schaute viel besser aus als zuvor.

„Wie geht’s dir?“

„Besser. Ich habe eine Siesta gemacht und sogar gegessen.“ Er laechelte.

Dann schaute ich mir wieder ein Buch ueber Drachen an. Auch hier stand die Geschichte von Tristan und Isolde und auch, dass in der westlichen Welt Drachen durchweg als boese angesehen werden, waehrend sie in China als Gluecksbringer gelten.

„Ich finde bloss ein Buch nicht,“ sagte er, „‘Der Pfad des friedvollen Kriegers‘.“

„Von Dan Millmann. Das habe ich. Das hast du mir gegeben. Ich habe es schon zu zwei Dritteln gelesen. Wenn ich es fertig habe, gebe ich es dir zurueck.“

Er gab mir Schokolade und ich ass fast die ganze Tafel.

„Ich selbst habe aufgehoert, Schokolade zu essen,“ berichtete er. „Meine fruehere Freundin hat mir ganz viele Tafeln gekauft. Sie sind alle noch da. Das ist sie, da auf dem Foto. Neben dem Tipi aus Plastik. In dem hat sie ihr letztes Kind zur Welt gebracht. Es ist auf einer Insel im Fluss, wo man nur durch ein Seil hinkommt. Kein Arzt wollte zu ihr kommen, als sie entbunden hat. Dann habe ich sie die naechsten Tage nach der Geburt jeden Tag ins Krankenhaus gefahren. Jetzt hat sie ein Haus gemietet, aber sie lebt kaum darin. Sie hasst es. Sie schlaeft mit ihren beiden Kindern in ihrem Bus. Der Grosse ist jetzt fuenf, die Kleine ein Jahr alt. Und sie kuemmert sich um die Beiden ganz allein. Sie hat sich vom Vater, einem Freund von mir, getrennt.“

„Sie sieht symphatisch aus. Ich wuerde sie gerne kennenlernen. Ja, mir scheint fast, ich wuerde sie kennen.“

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