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Ein Malheur nach dem andern

Es war herrliches Wetter und so fuhr ich mit dem Fahrrad zur Quelle, von der mir Chris  erzaehlt hatte.

« Es gibt eine Madonna-Statue dort und eine Kapelle. Das Wasser kann Wunder wirken. Mir ist, als ich dort Wasser geholt habe, Jesus erschienen. »

Da ich mit dem Fahrrad nicht viel Wasser mitnehmen konnte, aber eine grossen Bedarf an Quellwasser hatte, fuhr ich am naechsten Tag gleich mit meinem Bus hin, um eventuell dort zu uebernachten, aber als ich fast all meine Flaschen gefuellt hatte und die Nacht hereinbrach, wurde es mir unheimlich. Ich fuhr lieber auf einen anderen Parkplatz nicht weit davon entfernt.

Beim naechsten Markt schaute ich am Stand von den Hare Krishna vorbei.

« Es hat mich sehr beeindruckt, als ich letzte Woche bei Euch war. Ich habe die Woche sogar aufgehoert zu Rauchen. »

« Ich habe damals zu Trinken aufgehoert, als ich Krishna kennengelernt habe. Ich habe vorher viel getrunken. »

« Aber du rauchst noch… »

« Wir wollen ja keine Gurus werden. Wir leben auch noch mit der Materie. Aber es gibt Krishna-Anhaenger, die von einem auf den anderen Tag ihre Frau und ihre Familie verlassen und ohne alles losziehen. Ich habe auch mehrmals auf der Strasse gelebt.»

« Ich war letzte Woche nicht so sehr offen, aber es hat mir so gut gefallen, dass ich gerne mehr lesen wuerde. »

« Es gibt hier zum Einstieg diese Buecher von Swami Prabhupada : eines mit Vortraegen zu allen moeglichen Themen unserer Zeit, eines ueber Inkarnation… »

« Ach ja, das mit den Vortraegen interessiert mich. Das ueber Reinkarnation weniger.»

Ich nahm es mit, gluecklich, was Neues zum Lesen zu haben.

Mit ein paar Leuten sprach ich ueber den Englaender, der ich letzt kennengelernt hatte. Er war eine zu aussergewoehnliche Figur, als dass man seine Bekanntschaft verschweigen konnte.

« Sein Nachbar meinte, er selbst sei verrueckt, aber als er Jack kennenlernte, merkte er, der ist ja zehn Mal schlimmer ! » hoerte ich von einem und Isolde brachte zum Thema : « Ich rede schon gar nicht mehr mit ihm. Er redet viel zu viel ! »

Sie kam nach dem Markt noch mit mir zu dem kleinen See, an dem ich stand. Wir setzten uns auf die Wiese. Ich zeigte ihr meinen Ausdruck vom Vagabundenblog, aber wie ich richtig vermutet hatte, war es fuer sie zum derzeitigen Zeitpunkt nicht die adaequate Lektuere.

« Hier habe ich noch ein Buch von Marko Pogacnik: ueber die dreifaeltige Goettin. Ich habe letzt darin gelesen. Es ist aeusserst interessant.“

Ich drueckte es ihr in die Hand.

„Ja, ich habe auch eins ueber Landschaftsgeomantie. Das gefaellt mir sehr.“

„Er hat ziemlich viel geschrieben. Ich habe ihn mal bei einem Festival erlebt. Er ist hervorragend.»

 Ich traf Manuel noch kurz vor seiner Abreise.

« Es wird Zeit, dass ich nach Hause fahre. Doch dort werde ich nicht so viele nette Leute um mich haben wie hier. »

« Du wirst hier fehlen. Du bist doch schon Teil von dem Ganzen.»

« Das sagen die anderen Leute auch. Viele meinen, ich soll doch hierherziehen. Es war echt schoen, dich immer wieder zu treffen. »

« Fuer mich auch. »

Wir verabschiedeten uns.

 Ich fuhr in die naechste Stadt, die einen Schrotthaendler fuer Autoteile hatte, denn mein Fahrerrueckspiegel war vor geraumer Zeit kaputtgegangen. Aber es gab keinen Ersatz.

« Fuer Busse habe ich gar nichts », sagte er lapidar.

Den schoensten Platz der Stadt am Fluss fand ich mit einem Eisengitter versperrt. Letztes Jahr war ich an dieser paradiesischen Idylle Baden gegangen. Ich fand zwar einen schmalen Pfad, der zum Fluss herunter fuehrte, aber hier war es laengst nicht so schoen wie ein Stueck weiter. Die Toiletten am Parkplatz waren geschlossen und das Vereinscafé ebenso, das mir ein Freund empfohlen hatte. Dafuer prangte folgender Spruch an der Wand:

Es sind nicht die Leute, die Boeses tun, die die Welt zerstoeren,

sondern diejenigen, die zuschauen und nichts tun

Ich wollte in die Bibliothek gehen, um wie letztes Jahr kostenlos im Internet zu surfen.

„Sie muessen eingeschriebener Leser sein“, erfuhr ich vom Bibliothekspersonal. „Wir haben ein neues Softwareprogramm. Laut neuestem Gesetz duerfen in Frankreich in oeffentlichen Einrichtungen nur noch Menschen zum Internet Zugang haben, die eindeutig identifiziert wurden. Tut mir leid. Gehen Sie doch ins kommunale Cybercafé.“

Da kam ich her. Man konnte kostenlos im Internet surfen, wenn man sich mit seinem Ausweis anmeldete. Hatte ich irgendwie keine Lust drauf. War mir viel zu uncool.

Mitten in der Nacht wurde ich von elendlauter Musik geweckt. Im Wohnmobil neben mir schien ein Verrueckter zu sein. Ich fuehlte mich terrorisiert, wusste erstmal nicht was tun. Ob ich ihm was sagen sollte? Ich entschied mich, Ohrstoepsel zu benutzen und das Problem war geloest. Mitten in der Nacht mit Verrueckten zu Reden, schien mir dann doch keine so gute Idee.

Zum Duschen und Haare waschen ging ich zu einem an ein Heim angeschlossenes Vagabundencafé. Draussen fragte ich jemand, der aus einem Wohnwagen kam nach der Dusche.

„Hier gibt es keine Dusche“, antwortete der Mann missmutig.

Eine Schwarze, die mich von sich aus fragte, was ich suche war so freundlich mir den richtigen Weg zu weisen. Als mir am Empfang ein Handtuch und Shampoo ausgehaendigt wurde, kam ein farbiger Mann weinend in Begleitung zweier Damen die Treppe herunter. Ich duschte und verschwand so schnell ich konnte. Irgendwie stand mein Aufenthalt in dieser Stadt unter keinem guten Stern.

 So trampte ich kurzerhand in Richtung der Stadt, in der ich letzt den netten Jay kennen gelernt hatte. Ich wollte ihn gerne wiedersehen. Erst schaute ich in dem Dorf vorbei, wo er in einem Garten gezeltet hatte und erfuhr von der Nachbarin, dass er nun in der Stadt wohnte, aber keiner wusste wo.

„Er hat uns verlassen ohne uns seine Adresse zu hinterlassen. Aber geh doch zum Fluss wo du ihn kennen gelernt hast, vielleicht triffst du ihn dort“, ermunterte sie mich.

Nach zweiwoechiger Internetpause war ich zwei Stunden im Internet. Als ich aus dem Café herauskam und ein paar Schritte gegangen war, stellte ich fest, dass ich meine Tasche mit gedumpstertem Zeug vergessen hatte. Als ich zurueck zum Eingang ging, sah ich an einem Tisch auf der Terrasse das gelbe Hemd von Jay, den ich zuvor gar nicht gesehen hatte. Die Freude war gross.

„Ich habe mich entschieden, jetzt doch nicht nach Indien zu gehen, weil ich zu viele gesundheitliche Probleme habe zur Zeit. Und zwei Tage nachdem ich die Entscheidung getroffen hatte, hatte ich eine Wohnung. Erst war sie total leer, aber ich habe sie schon ein wenig eingerichtet. Und in ein paar Tagen habe ich einen Computer, dann schicke ich dir eine Mail. Bis zur Tag- und Nachtgleiche bin ich beschaeftigt, aber danach lade ich Euch alle ein.“

Er hatte nicht viel Zeit, denn er musste noch seine Brille holen, wegen der er ueberhaupt in der Bar sass, denn sie wurde gerade repariert.

„Ohne Brille sehe ich ueberhaupt nichts.“

Danach hatte er einen Zahnarzttermin, aber ich musste sowieso langsam zurueck, wollte ich trampen und nicht mit dem Bus oder Zug fahren.

Die erste Frau, die mich mitnahm, war eine aeltere Dame.

„Ihr Wagen ist aber alt!“ rief ich erstaunt, als ich einstieg.

„Fuenfzig Jahre! Ein Citroen. Mein Mann schimpft mich, wenn ich jemanden mitnehme, aber ich tue es trotzdem. Ich setze Sie am Ortsausgang ab.“

So konnte ich mich beim Supermarkt noch mit entsorgten Yoghurts und Pfirsichen versorgen.

 Am naechsten Tag wachte ich sehr frueh auf, was mir recht war, denn ich gedachte in die naechste Metropole zu fahren. Ich ueberlegte erst, zu trampen, aber da es nach Regen aussah, fuhr ich doch mit meinem Bus. Um dann doch zu spaet zu den Aerzten der Armen zu kommen. Ich solle am Freitag frueh wiederkommen. Ich fuhr auch noch bei meinem frueheren Zahnarzt vorbei, aber die Assistentinnen empfingen mich mit einem dermassen bescheuerten Blick, dass ich keine Lust hatte, sie noch einmal zu sehen.

Ein Stueck weiter fand ich an einem Supermarkt Brot, Guacamole, Trauben und Tomaten, was ich erstmal zum Picknicken im Park hernahm.

In der Nacht wurde ich mit mehreren Schlaegen geweckt, woraufhin ich aus vier Reifen die Luft herausstroemen hoerte. Es war halb vier und ich hatte das Gefuehl, die Leute waren noch eine ganze Zeitlang in der Naehe, denn ich sah ein Auto mit angeschaltetem Licht unweit stehen. Aus Angst ging ich nicht heraus, um nach den kaputten Reifen zu schauen, sondern wartete bis sie wegfuhren und es hell wurde.

 Am Morgen klapperte ein Algerier, der direkt im Haus neben mir wohnte mit mir alle moeglichen Werkstaetten ab, ohne jedoch auf Anhieb eine geeignete Loesung zu finden. Die erste Werkstatt fand nicht die geeigneten Reifen, da sie zu alt waren; eine auf Reifen spezialisierte Werkstatt war zu weit weg, um mit platten Reifen dorthin zu fahren; die Versicherung wollte, dass ich zur Polizei gehe, um mich kostenlos abzuschleppen…

„Wenn du die Rechnung nicht bezahlst, musst du hierbleiben“, informierte mich mein Begleiter. Schliesslich kehrte ich zur ersten Werkstatt ganz in der Naehe zurueck, nachdem er zur Arbeit gegangen war.

„Wir haben nicht genug Daten, um die richtigen Reifen ausfindig zu machen. Wir schauen nach dem Mittagessen mal, ob wir nicht noch andere Informationen auf dem Reifen finden. Kommen sie um zwei Uhr wieder vorbei“, sagte die Dame, die sich der Sache angenommen hatte.

Als ich um die gewuenschte Zeit wieder zu ihr kam, war sie keinen Schritt weiter und auch nicht sehr grossen Willens, sich mit dem schwierigen Fall zu beschaeftigen. Doch irgendwie kamen wir naeher ins Gespraech, bei dem ich ihr mehrmals sagte, sie soll es ruhig lassen, aber dann fand sie doch eine Loesung. Bloss war diese exorbitant teuer und ich haette zwei Wochen warten duerfen. Erst als sie meine Notlage sah und dass ich Angst hatte, noch eine Nacht an der Stelle zu uebernachten, kam sie auf die Idee, den Autohersteller anzurufen und zu fragen, mit welchen Reifen ich noch fahren koennte. Ich solle spaeter noch mal vorbeischauen.

Inzwischen war ich im Internet und fand den Schrotthaendler, wegen dem ich unter anderem  hierher gefahren war, aber auch bei ihnen fand ich weder meine Reifen noch einen Rueckspiegel, um meinen kaputten zu ersetzen.

Als ich wieder bei der Werkstatt vorbeischaute, ging ploetzlich alles ganz schnell. Sie hatte zwei Reifen gefunden, die sofort zu haben waren. Die Mechaniker holten die Vorderreifen und meinen Bus, montierten sie in Windeseile kurz vor Dienstschluss, so dass ich wenigstens auf einen anderen Parkplatz fahren konnte, auf dem ich weitere Wohnmobile und Campingbusse gesehen hatte. Denn hinten hatte ich vier Reifen und konnte gut auch nur mit Zweien fahren.

 Ich schlief direkt nach dem Abendessen ein, so muede war ich von der Nacht zuvor. Dafuer wachte ich fruehzeitig auf und kam noch vor Oeffnung bei den Aerzten der Armen an, um mir ein Stueck Baumwolle aus dem Ohr holen zu lassen, das mir von einem Wattestaebchen abgefallen war. Mein Ohr hatte sich naemlich oefter so angefuehlt, als waere ich im Schwimmbad.

Aus einem Fahrradladen nahm ich ein Bremskabel mit und zwei neue Lenkergriffe. Einer der beiden Alten war am kaputtgehen. Was fuer eine Erloesung, denn bei den alten hatte ich staendig schwarze klebrige Finger, weil sich wegen Altersschwaeche permanent der Gummi abloeste!

 Schliesslich fuhr ich zur Reifenwerkstatt, von der ich in einer der vielen Werkstaetten vom Vortag gehoert hatte, wo mich ein grosser Bodybuilder ganz in schwarz empfing.

„Ihre Reifen habe ich nicht“, meinte er nur und als ich mich erinnerte, dass man doch irgendwie auch nur die Luftkammer erneuern kann, schob er: „das ist kompliziert“ hinterher.

„Wo fahren sie denn nachher hin?“

„Erstmal will ich die Sache mit dem Reifen erledigen bevor ich irgendwohin fahre“.

„Ich verstehe. Warten sie!“

Er verschwand. Um wieder aufzutauchen mit:

„Fahren sie Ihren Bus in die Werkstatt. Ich werde Ihnen die Kammern erneuern, um Ihnen auszuhelfen.“

Ich wartete eine Stunde und schaute mir die herumliegenden Zeitschriften an. So sah ich, mit wem Brad Pitt nun zusammen ist und anderen mehr oder weniger interessanten Klatsch. Danach bekam ich die Rechnung: 78 Euro und das fuer zwei Reifen, die noch dazu aussahen, als waeren sie neu, denn sie waren in viel besserem Zustand als zuvor.

 Eigentlich gedachte ich, die Stadt so schnell wie moeglich zu verlassen nach dem ganzen Malheur. Doch als ich den naechsten ausgeschilderten Supermarkt ansteuerte, bei dem ich nach etwas Essbarem schauen wollte, kamen zwei junge Typen in einem alten Bus angefahren.

„Wir wollen auf’s Strassenkuenstlerfestival hier in der Naehe und wo willst du hin?“

„Keine Ahnung. Ich komme gerade dorther wo das Festival stattfinden soll; ich habe ein Hinweisschild gesehen. Es ist nicht weit, gerade zwei Doerfer weiter.“

„Wir verkaufen dort Getraenke, um ein bisschen Geld zu machen. Wir wollen nach Spanien und Marokko fahren.“

„Ich glaube, ich folge Euch.“

Wir fuhren im Konvoi. So kam es, dass ich vollkommen unverhofft auf einem Strassenkuensterfestival landete.

The power of now

Ich spazierte zum See und kam von der anderen Seite her, eigentlich um André aus dem Weg zu gehen, aber er sass ausgerechnet heute an dieser Uferseite. Er redete wieder ohne Unterlass.

Mir geht es heute nicht besonders. Ich soll am 18. September nochmal ins Krankenhaus. Ich habe mit der Aerztin telefoniert. Meine Blutwerte sind nicht in Ordnung. Da war ich zur Operation schon im Krankenhaus und es war alles andere als angenehm. Und jetzt soll ich nochmal hin. Keine rosigen Aussichten…

Ich habe nie Zeit gehabt, um mich zu amuesieren oder auf Feste zu gehen wie die anderen Leute. Ich habe immer gearbeitet. Ich habe mein Haus gebaut und meine Tochter grossgezogen, habe gemalt und geschrieben. Ich habe bestimmt 2000 Zeichnungen.

Erst jetzt habe ich Zeit, jetzt. Eigentlich wollte ich schon ganz woanders sein, in einer anderen Region, aber die Erkrankung kam mir dazwischen. Und dabei war ich vorher nie bei einem Arzt, war nie krank.”

Dann fing er an, von seinen Nachbarn zu erzaehlen.

Die Frau hat sich noch gar nicht richtig von ihrem Freund getrennt; sie leben noch zusammen und schon hat sie den naechsten, mit dem sie ausgeht und der sie zuhause abholt. Das kann man doch nicht machen. Ihr alter Freund leidet doch darunter.”

Ich kann mir kein Urteil ueber andere erlauben. Vielleicht braucht sie den Neuen, um ueber die Trennung hinwegzukommen. Klar, dass es nicht ideal ist…”

Die Frauen sind fuer mich auf dem falschen Weg. Sie folgen den Maennern nach, die den falschen Weg gegangen sind.”

Dann wurde es wieder allgemeiner:

Der Mensch ist die Summe der Entscheidungen, die er getroffen hat. Denn durch die Entscheidungen entscheidet sich, wie es weitergeht. Es gibt so viele Loser, Trinker und Schizophrene ueberall hier. Zum Glueck bin ich keiner von denen…”

Ich dachte spaeter darueber nach und mir wurde klar, dass mir die Loser und Schizophrenen fast lieber sind als er, denn sie sind da mit ihrem Herz und Schmerz. Er hingegen scheint gar nicht wirklich da zu sein. Es ist, als haette er gar kein Herz. Aber er analysiert jede menschliche Regung anderer bis ins kleinste Detail. Ist perfekter Beobachter und tut alles sowieso viel besser als alle anderen.

 Am nachmittag fuhr ich zum mir empfohlenen Automechaniker. Er war gerade am Reparieren eines Autos. Ich machte fuer ihn und seinen Klienten einen Getreidekaffee. Dann kochte ich eine Ratatouille, um sie ihm zu geben dafuer, dass er nachschaut, ob ich mit Oel fahren kann oder nicht. Entgegen vielen Stimmen, die behaupteten, ich koenne direkt ohne Probleme mit Oel fahren mit meinem Dieselmotor, meinten andere kuerzlich, ich solle Pierre fragen. Er wisse ganz genau bescheid.

Er schaute sich die Einspritzpumpe an und meinte enttaeuscht:

Tut mir leid. Du kannst nicht mit Oel fahren. Keine Chance. Dir geht sonst der Motor kaputt. Ich habe schon andere Leute erlebt, die einfach mit Oel gefahren sind und nach einem Monat hatten sie Probleme und kamen zu mir. Du braeuchtest eine andere Einspritzpumpe, aber das lohnt sich fuer dich nicht. Nachdem, was du erzaehlt hast, faehrst du auf der einen Seite nicht genug und auf der anderen bist du zu viel unterwegs, da wird es mit dem Auffinden von Altoel zu schwierig. Uebrigens: Ich bin kein normaler Automechaniker”, sagte er und holte ein Pendel aus der Tasche. “Nicht viele Mechaniker arbeiten mit einem Pendel. Bei der Frau, die vorhin vorbeikam sagte das Pendel, ich solle ihr nicht helfen. Bei dir sagte es ‘ja’.”

 Ich reichte ihm die Ratatouille und einen Tomatensalat.

Willst du nicht mit mir zusammen essen heute abend?”

« O.k., ich mache nur noch einen kleinen Spaziergang. « 

Ich lief bis ins naechste Dorf und kam mit zwei schweren Taschen gedumpstertem Zeug wieder.

Komm doch rein”.

Es war sehr sauber in seinem Holzhaus und aufgeraeumt. Ganz anders als in anderen Junggesellenhaushalten.

Was fuer eine Freude, dass sich so unverhofft dieser Abend mit dir ergibt.”

Ja, erstaunlich. Das haette ich auch nicht gedacht. Ein Freund aus meinem Dorf hat mir zuerst von dir erzaehlt. Hat mir gezeigt wo sein Automechaniker ist.”

Ich begann, Daniel zu beschreiben.

Ich kenne ihn. Er ist einer von drei Leuten, die mir bekannt sind, die aus Indien zurueckkamen und nicht mehr waren wie vorher. Einer drei Jahre, einer 15 Jahre und einer 18 Jahre.”

Bei ihm sind es 18 Jahre. »

Ich halte es gar nicht fuer so gut, in die Ferne zu reisen. Kennst du die Geschichte?

Da kam ein Globetrotter in ein Dorf und fragte:

‚Und wie sind die Leute hier?‘

Da fragten die Leute zurueck:

‚Wie sind die Leute da wo du herkommst?‘

‚Sehr nett‘, antwortete er.

‚Siehst du, hier auch‘, sagten die Leute.

Da kam am naechsten Tag ein neuer Globetrotter und fragte:

‚Wie sind die Leute hier?‘

‚Da fragte man ihn zurueck:

‚Wie sind die Leute, da wo du herkommst?‘

‚Schrecklich.‘

‚Siehst du, hier sind sie genauso wie da wo du herkommst‘.”

Ich schaute auf ein Foto an der Wand.

Das ist ein indischer Meister. Er hat sich in sechs Monaten verwirklicht.”

Er stand ploetzlich auf, ging hinter mich und massierte mir das Genick.

Wo du so schwer bepackt warst…”

Dann blies er mir mit einem heftigen Atemzug an verschiedene Stellen auf dem Ruecken und auf mein Herzchakra. Danach war ich erstmal platt. Mir war, als waere ich in einen vollkommen anderen Bewusstseinszustand eingetaucht. Ich musste mich erstmal hinlegen. In diesem Zustand hatte ich gar keine Lust zu Rauchen und als ich nach dem Essen aus Gewohnheit doch eine Zigarette ansteckte, hatte ich ein dermassen starkes Stechen in der Brust, dass ich das Rauchen lieber sein liess.

Manche benutzen die Sachen auch gegen sich”, war sein Kommentar.

Man tut gut daran, Mitgefuehl mit diesen Leuten zu haben, denn es gibt von ihnen eine ganze Menge,” entgegnete ich.

Wir assen Ratatouille mit Kartoffeln und zum Schluss bot ich ihm noch Yoghurts zum Dessert an.

Nein, danke. Ich esse kaum noch Milchprodukte.”

Nach einer Pause sagte er:

Du kannst die Nacht hier stehenbleiben, kein Problem.”

Oh, fein.”

 So blieb ich die Nacht bei ihm auf dem Parkplatz.

Am naechsten Tag schien die Sonne und um die Mittagszeit wurde es im Bus ziemlich warm. Ich waere gerne zu ihm ins Haus gegangen, aber er wollte sich ausruhen und aus Respekt fuhr ich lieber mit dem Fahrrad ins naechste Dorf.

Als ich zurueckkam, erzaehlte er mir eine Geschichte:

Ich habe von den Tieren viel gelernt. Einmal war ich Hirte und Hunde hatten zwei kleine Laemmer angefallen und die Beine aufgefressen. Da holte ich ein Messer und sprach mit dem Lamm, dass ich es nicht gerne toeten wuerde, aber dass es sehr leiden wuerde, wenn es am Leben blieb. Ich legte das Messer neben das Lamm und – es legte seine Kopf selbst darauf. Erstaunlich, nicht? Ich weiss nicht, ob wir Menschen dazu faehig waeren. “

Es wird gerade ausgesondert bei den Menschen”, sagte er zum Abschied, “die meisten Menschen tun, als waeren sie froehlich, doch innerlich haben sie Angst.”

 Am Abend kam ich am See vorbei, wo ein paar Leute zusammen sassen. Sie lebten auch in einem Campingbus. Der Aelteste von ihnen sagte zu mir:

Vergiss die Vergangenheit. Lebe den Moment. Vergiss alles, was passiert ist. Es ist nicht zufaellig, dass wir hier sind. Und hoer einfach auf zu Denken. Wenn du denkst, kreierst du dir deine Zukunft.”

Er stand auf und holte ein Buch aus seinem Bus: Eckhart Tolles ‚The power of now‘, zu deutsch ‘Jetzt – Die Kraft der Gegenwart’.

Das ist, was ich gerade lese.”

Ich kenne es vom Titel her, habe es aber noch nicht gelesen.”

Es ist echt gut. Geh in den Bus und lies, was dort steht. Schreibe es auf und haenge es dir ueberall in deinen Bus.”

Ich schaute nach. Es stand dort:

Liebe & Dankbarkeit

Dankbarkeit & Anerkennung in unserem Herzen

das ist unser Terrain

 

Hare Krishna

Liebe Freunde,

nach ewiglanger kreativer Pause habe ich mich dazu entschlossen, mal wieder nicht nur fuer mich allein oder die Schublade zu schreiben, sondern fuer Euch… So ganz wie frueher

Den gestrigen Tag verbrachte ich am See und wie immer dort tat ich nichts ausser Reden. Erst mit André, der wie so oft von der Alchemie erzaehlte, dann mit Leuten, mit denen ich schliesslich zu abend ass. Eine Frau war Deutsche.

“Ich bin in Frankreich aufgewachsen, habe dann 15 Jahre in Deutschland gelebt und bin jetzt wieder zurueckgekommen.”

“Dann leben Deine Eltern noch hier…”

“Nein, meine Mutter wohnt in Deutschland und mein Vater blieb hier, ist jedoch gestorben und so leben wir in dem Haus, das wir geerbt haben.”

Ihr Freund kam aus Nicaragua.

“In Nicaragua gibt es total verschiedene Welten.: die Welt der Indios, die ohne Geld leben und bei denen man mit Geld nichts machen kann; die Welt der spanischen Eroberer auf der einen Seite des Landes und die der englischen gewalttaetigen Eroberer auf der anderen Seite. Bei beiden stirbt man Hungers, wenn man kein Geld hat.

Ich war ein Strassenkind bis mich eine reiche spanische Familie adoptiert hat. Nicaragua blickt auf 500 Jahre Revolution und Buergerkrieg zurueck. Ich bin die letzte Generation der Rebellen. Die gefaehrlichsten Menschen in Nicaragua sind derzeit die Intellektuellen. Sie haben alles Wissen studiert und jeder hat sich jetzt eine eigene Welt zurechtgelegt.”

Er ging noch naeher darauf ein, aber sein Franzoesisch war nicht so gut, dass ich alles verstand, was er sagte.

Heute auf dem Markt schaute ich in ein Buch ueber die Wicca-Religion. Es war dort klar gesagt, dass sich die Anhaenger des Wicca-Kultes vom Teufel distanzieren, da dieser eine Erfindung der Christen sei, die ihren gehoernten Fruchtbarkeitsgott Pan zu ihrem Teufel gemacht haben.

Ich probierte an einem Stand mit Second-hand-Klamotten eine lilane Nepalihose mit tuerkisgruenem Rock darueber an, die mir die Besitzerin schenkte, weil der Reissverschluss kaputt war. Meine Freude war gross.

Dann traf ich Isolde, die mir einen gruenen Stein gab. Ein Typ mit sonnegebleichten Rastaloeckchen kam vorbei und lud uns zu einer Feier am naechsten Mittwochabend ein. Er gab Isolde einen Flyer mit dem Angebot eines Workshops in Teppichweben.

“Letztes Jahr habe ich zwei Tage an seinem Workshop teilgenommen und an jedem Tag einen Teppich gemacht. Er hat alle Farben an Stoffen. Er bekommt sie von einer Recyclingfabrik. Sie suchen ihm schon die entsprechenden Stoffe raus, die fuer ihn interessant sind. Er zeigt auch, wie man aus einem Fensterrahmen einen Webrahmen herstellen kann.”

Schliesslich lief mir François ueber den Weg, der mich nun zum zweiten Mal zum Bhajan-Singen zu sich einlud. Diesmal ging ich mit. Es waren noch ein paar Maenner und Frauen bei ihm versammelt, die mich freudig begruessten. Es tat gut, bei ihnen zu sein, auch wenn ich erstmal nicht mitsang. Ich dekorierte lieber die Kommode mit Krishnabildern mit dem Schmuck, der auf ihr rumlag bevor ich den Garten mit seinen Bananenstauden und sonstigen tropischen Pflanzen bestaunte.

Doch dann hoerte ich doch ein wenig den Teachings zu.

“Selbst der zutiefst Gefallene kann wieder zum Herrn zurueckkehren”, hiess es da. Klang gut.

Nachher fasste ich meinen Eindruck zusammen: “Alles, was du vorgelesen hast, scheint wahr zu sein. Ich glaube, Christus war auch eine Inkarnation von Krishna. Chris-tus, Krish-na…”

“ Christus und Krishna waren zusammen in einer Inkarnation.”

“Wie Jesus sagte: ‘Der Vater und ich sind eins’. Aber ich dachte immer, Brahma sei der Schoepfer und Krishna sei von ihm geschaffen worden.”

“Nein. Krishna ist der hoechste Gott. Brahma ist der Schoepfer unseres Universums, aber er wurde selbst erschaffen.”

“Und wir sind wie die Funken eines Feuers, die sich vom Feuer entfernen. Doch das Ziel unseres Daseins ist, wieder zurueck zum Feuer zu finden, zu unserem Ursprung – zu Gott,” warf ein anderer Devotee ein. “Und Krishna ist vor etwa 500 Jahren in Indien wieder auf die Erde gekommen und hat uns einen spirituellen Weg gezeigt, wie wir wieder zurueckfinden koennen: indem wir die tausend Namen Gottes rezitieren durch das singen des Mantras Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna Krishna Hare Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama Rama, Hare Hare. Hast du schon die BhagavadGītā gelesen?“

„Ja, vor ein paar Jahren. Ich habe alles gelesen, aber nichts verstanden. Nur, dass man kaempfen muss.“

„Nein, das ist nicht richtig. Beim Bakhti-Yoga geht es darum, sich hinzugeben, um devotion. Bei anderen Wegen wie dem Hatha-Yoga geht es darum, sich selbst zu finden. Und du brauchst einen Meister. Swami Prabhupada ist einer. Er hat die vedischen Schriften fuer uns Westler ins Englische uebersetzt und die Bewegung des Krishna Bewusstseins gegruendet.“

Er zeigte mir dessen Foto aus dem Buch. Als wir assen erklaerte mir mein Nachbar:

“Wir haben fuenf Regeln: Wir essen kein Fleisch und keinen Fisch; wir nehmen keine berauschenden Drogen zu uns, auch keinen Tee oder Kaffee, wir praktizieren Sexualitaet nur innerhalb der Ehe, wir spielen keine Gluecksspiele und wir treiben keinen Wettkampfsport, weil es nicht unser Ziel ist, miteinander zu konkurrieren. Cannabis konsumieren wir nicht, weil es uns in einer noch groesseren Illusion leben laesst, in der wir eh schon sind.”

“Und wir kochen ohne Zwiebeln und Knoblauch”, schob François hinterher, “weil sie zu sehr anregen.”

Ich erwachte am naechsten Morgen mit einem unglaublich starken, nicht enden wollenden Juckreiz rund um den Bauch und an den Beinen. Zum Glueck sah ich Manuel in der Naehe und ging zu ihm, um ihm mein Leid zu klagen.

“Du, wir gehen gleich mal mit den Leuten reden, die hier wohnen. Ich raeume nur noch meine Sachen zurueck ins Auto.”

Die erste Person, die wir trafen und die er kannte meinte gleich: “Das habe ich auch und ganz viele Leute hier haben das. Das kommt, wenn man in derNatur ist. Es ist ein uebles Tier und heisst Augusta. Wenn man sich kratzt, dann geht es noch tiefer unter die Haut und breitet sich weiter aus. Es ist an allen Stellen, die warm sind: an den Ellenbogen, am Bauch, unter den Achseln… Aber es ist nicht schlimm. Nach ein paar Tagen hoert es auf. Man kann nur eine juckreizstillende Salbe benutzen und sich zur Vorbeugung mit Lavendeloel einreiben. Ich tue auch ein paar Tropfen davon ins Bett.”

Manuel ging mit mir zusammen in die Apotheke, um uns zu versichern und wir wurden besteatigt. Am Ende lud ich ihn zur Ratatouille ein, die ich noch vom Vortag uebrig hatte und er schenkte mir zwei Flaschen Olivenoel!

“Ich hoere, was die Leute mir sagen. Und du sagtest letzt, fast das einzige, was du zum Essen kaufst ist Oel…”

Ich nahm es gleich fuer den Salat, denn mein altes Oel war fast alle.

Am Abend entdeckte ich in der Gîte (eine franzoesische Art von Pension) die Dusche, von der mir jemand erzaehlt hatte und nutzte die Gelegenheit, da gerade keiner da war, meine Haare zu waschen. Bloss hatten sich drei alte Campingbusse auf das Grundstueck der Gîte gestellt und genau in dem Augenblick, in dem ich ging, kam einer mit einer Taschenlampe angelaufen. Mir sackte das Herz in die Hose und raschen Schrittes verliess ich das Terrain.

Suelo

Suelo

Suelo und andere Kameraden ohne Geld

 

Als ich zu Raphael kam, empfing er mich mit : « Ich habe etwas fuer dich gefunden. Gerade eben, genau im Augenblick, als du kamst. Wir sind sowieso synchron die letzte Zeit.“

„Du hast etwas gefunden fuer mich?“

„Ja, im Internet. Aber lass uns erstmal essen. Ich habe gekocht. Ich zeige es dir spaeter.“

„Und ich habe frisches Gemuese gefunden. Und ganz viele Erdbeeren.“

Waehrend des Essens fragte er dann: „Kennst du Suelo?“

„Suelo? Nein.“

„Er ist ein Mann in den USA, der seit zwoelf Jahren ohne Geld lebt. Ich kam ganz zufaellig auf ihn. Ein Artikel ueber ihn ist heute bei yahoo auf der Startseite. Ich weiss nicht, ob er auch dumpstert. Er nimmt jedenfalls keine Lebensmittel von staatlichen Einrichtungen an.“

„Das hoert sich interessant an.“

Nach dem Essen stuerzte ich mich auf den Compter.

„Oh, er lebt in einer Hoehle! Und er dumpstert auch.“

 

Der Artikel war nur kurz, aber er lieferte den Link zu Suelos Homepage  https://sites.google.com/site/living-without-money, die aeusserst interessant ist. Vor allem, weil er viele Fragen beantwortet, die Leute bezueglich des Lebens ohne Geld oft an ihn stellen. Und weil Links zu anderen Menschen da sind, die ohne Geld leben.

 

Darunter Raphael Fellmer, ein Deutscher, der mit seiner Freundin geldlos um die Welt reiste und mitlerweile zwei Jahre kostenfrei lebt. Seine Website http://de.forwardtherevolution.net ist sehr informativ und gibt viel Hintergrundwissen und Philosophisches ueber die Entscheidung ohne Geld zu leben weiter.

Im Sommer hat er eine Vortragsreihe zum Thema „Postoekonomie – eine Welt ohne Geld in Harmonie mit der Erde“ in Deutschland, Italien und Spanien geplant und er hat sogar bei www.dialog-ueber-deutschland.de eine Eingabe an die Bundeskanzlerin gemacht, alle Supermarktabfaelle der Allgemeinheit zur Verfuegung zu stellen. Diese ist leider abgelaufen, so dass man keine Kommentare mehr senden kann, aber vielleicht wird ja was daraus. Dass alle Supermaerkte dahin zu gehen haben, generell alle unverkaeuflichen Waren der Allgemeinheit zur Verfuegung zu stellen (anstatt sie ab- und wegzuschliessen bis zu ihrer endgueltigen Vernichtung wie oft geschehen) ist ein dringendes Muss. Das waere erstmal der erste Schritt.

Raphael Fellmer fordert allerdings, dass alle diese Waren auf einer Website angeboten werden sollen, was mir persoenlich etwas zu weit geht. Der Aufwand fuer die Supermaerkte ist dafuer sicher zu gross. Zum anderen will er erreichen, dass die Sachen an Verteilstellen abgegeben werden und ich bin ueberhaupt kein Freund von solchen Verteilstellen, zumindest in der Form, in der sie derzeit existieren wie die Tafel beispielsweise oder von andere humanitaeren Hilfsorganisationen.

Wenn ein Berechtigungsschein benoetigt wird, dann ist der Spass schon vorbei. Dann werden die Menschen zu Bittstellern, zu Beduerftigen, zu Bettlern. Einzig, wenn die Verteilstellen vollkommen unbuerokratisch sind und jedem freien Zugang gewaehren und wie in Umsonstlaeden beispielsweise alles kostenlos zur Verfuegung stellen – ohne nach Namen oder sonstwas zu fragen – , ist es o.k.

Natuerlich muss klar sein, dass die Produkte nur fuer den persoenlichen Gebrauch und nicht zur Weitergabe an andere (Verkauf etc.) gedacht sind, was einen Missbrauch darstellen wuerde…

Auch bei Raphael sind Links zu geldlos Lebenden zu finden neben seinen naehrenden Texten und netten Bildern – eine echte Entdeckung!

Als ich zu Raphael kam, empfing er mich mit : « Ich habe etwas fuer dich gefunden. Gerade eben, genau im Augenblick, als du kamst. Wir sind sowieso synchron die letzte Zeit.“

„Du hast etwas gefunden fuer mich?“

„Ja, im Internet. Aber lass uns erstmal essen. Ich habe gekocht. Ich zeige es dir spaeter.“

„Und ich habe frisches Gemuese gefunden. Und ganz viele Erdbeeren.“

Waehrend des Essens fragte er dann: „Kennst du Suelo?“

„Suelo? Nein.“

„Er ist ein Mann in den USA, der seit zwoelf Jahren ohne Geld lebt. Ich kam ganz zufaellig auf ihn. Ein Artikel ueber ihn ist heute bei yahoo auf der Startseite. Ich weiss nicht, ob er auch dumpstert. Er nimmt jedenfalls keine Lebensmittel von staatlichen Einrichtungen an.“

„Das hoert sich interessant an.“

Nach dem Essen stuerzte ich mich auf den Compter.

„Oh, er lebt in einer Hoehle! Und er dumpstert auch.“

Der Artikel war nur kurz, aber er lieferte den Link zu Suelos Homepage  (s. Blogroll), die aeusserst interessant ist. Vor allem, weil er viele Fragen beantwortet, die Leute bezueglich des Lebens ohne Geld oft an ihn stellen. Und weil Links zu anderen Menschen da sind, die ohne Geld leben.

Darunter Raphael Fellmer, ein Deutscher, der mit seiner Freundin geldlos um die Welt reiste und mitlerweile zwei Jahre kostenfrei lebt. Seine Website (s. Blogroll)  ist sehr informativ und gibt viel Hintergrundwissen und Philosophisches ueber die Entscheidung ohne Geld zu leben weiter.

Im Sommer hat er eine Vortragsreihe zum Thema „Postoekonomie – eine Welt ohne Geld in Harmonie mit der Erde“ in Deutschland, Italien und Spanien geplant und er hat sogar bei www.dialog-ueber-deutschland.de eine Eingabe an die Bundeskanzlerin gemacht, alle Supermarktabfaelle der Allgemeinheit zur Verfuegung zu stellen. Diese ist leider abgelaufen, so dass man keine Kommentare mehr senden kann, aber vielleicht wird ja was daraus. Dass alle Supermaerkte dahin zu gehen haben, generell alle unverkaeuflichen Waren der Allgemeinheit zur Verfuegung zu stellen (anstatt sie ab- und wegzuschliessen bis zu ihrer endgueltigen Vernichtung wie oft geschehen) ist ein dringendes Muss. Das waere erstmal der erste Schritt.

Raphael Fellmer fordert allerdings, dass alle diese Waren auf einer Website angeboten werden sollen, was mir persoenlich etwas zu weit geht. Der Aufwand fuer die Supermaerkte ist dafuer sicher zu gross. Zum anderen will er erreichen, dass die Sachen an Verteilstellen abgegeben werden und ich bin ueberhaupt kein Freund von solchen Verteilstellen, zumindest in der Form, in der sie derzeit existieren wie die Tafel beispielsweise oder von andere humanitaeren Hilfsorganisationen.

Wenn ein Berechtigungsschein benoetigt wird, dann ist der Spass schon vorbei. Dann werden die Menschen zu Bittstellern, zu Beduerftigen, zu Bettlern. Einzig, wenn die Verteilstellen vollkommen unbuerokratisch sind und jedem freien Zugang gewaehren und wie in Umsonstlaeden beispielsweise alles kostenlos zur Verfuegung stellen – ohne nach Namen oder sonstwas zu fragen – , ist es o.k.

Natuerlich muss klar sein, dass die Produkte nur fuer den persoenlichen Gebrauch und nicht zur Weitergabe an andere (Verkauf etc.) gedacht sind, was einen Missbrauch darstellen wuerde…

Auch bei Raphael sind Links zu geldlos Lebenden zu finden neben seinen naehrenden Texten und netten Bildern – eine echte Entdeckung!

Into the wild

Nach langer Zeit schaute ich mal wieder bei Raphael vorbei.

„Ich habe den Film ‚Into the wild‘ gesehen. Drei Mal. Ich habe ihn auf DVD. Ich habe dabei viel an dich gedacht. Wie du mit deinem Rucksack herumgezogen bist… Der Darsteller lebte auch ohne Geld, in der Natur in Alaska. Der Film ist phantastisch. Er ging mir monatelang im Kopf herum. Am Ende gibt es eine wunderschoene Botschaft, aber ich moechte sie dir nicht erzaehlen. Du sollst sie selber erfahren, wenn du den Film siehst, sonst ist der Effekt weg.“

„In der Tat ist es einer der wenigen Filme, die ich gerne gesehen haette. Oder vielmehr das Buch gelesen. Doch weil er am Ende stirbt, wollte ich ihn nicht wirklich anschauen.“

„Doch, es ist einer der besten Filme, den ich gesehen habe, wirklich. Er ist auch ohne Gewalt bis auf ein paar wenige Szenen am Anfang. Er ist ruhig und zeigt viele schoene Landschaften. Du musst ihn sehen.“

„Also gut.“

So sahen wir uns den Film gemeinsam an und ich war nicht enttaeuscht.

„Es ist wirklich alles so passiert. Er hat seine Erfahrungen waehrend der ganzen Zeit niedergeschrieben. Man fand sie nach seinem Tod und hat sie veroeffentlicht.“

Es ist wahr: der Film bringt wirklich das Lebensgefuehl von Menschen rueber, die auf diese Weise leben – reisend, trampend und ohne Geld. Die absolute Freiheit  – und wo sie enden kann… Er ist wirklich absolut sehenswert.

The Free World Charter

Letzthin traf ich einen englischen Freund, der meinte: „Ich bin dieser Welt muede. Ich will ins Paradies. Letzt fand ich eine Seite im Internet, dass alles kostenlos sein muesste:  Wasser, Strom, Wohnung… Das ist es! Darauf will ich hinwirken. Komm doch bei mir vorbei, da kannst du meinen Computer benutzen und ins Internet gehen.“

Gestern schaute ich bei ihm vorbei und er zeigte mir die Internetseite.

„Ich finde sie echt gut.“

Ich las sie mir durch.

„Ich auch.“

Sie deckt sich so ziemlich mit dem, was mir selbst fuer diese Welt vorschwebt: ein Leben ohne Geld mit freiem Geben und Nehmen. Die Charter fasst das ziemlich gut zusammen und ist es wert, weite Verbreitung zu finden. Hier der Link:

The Free World Charter: Read and sign the Charter.


Mark Boyle’s Buch vom Leben ohne Geld

Letzthin lernte ich auf einem Flohmarkt, auf dem ich wieder Mal ein paar gefundene Sachen an den Mann bringen wollte, einen netten Englaender kennen, der mir sofort symphatisch war.
« Ich wohne auf einem Boot nicht weit von hier. Komm doch mal vorbei. Dort kannst du auch mit deinem Bus stehen. Ein Mann in einem Wohnmobil steht auch oefters auf dem Parkplatz. Es ist ruhig und dich stoert dort niemand. »
Er malte mir die Wegbeschreibung auf einen Zettel und am Abend ging ich zu ihm.
Phil war erfreut, mich zu sehen, kochte mir ein koestliches Gericht aus Nudeln und frischem Gemuese und wir erzaehlten uns gegenseitig aus unserem Leben. Als ich ihm von meinem komplett freeganen Dasein vor zwei Jahren berichtete, drueckte er mir ein Buch in die Hand.
« Da hab ich was fuer dich. Das koennte dich interessieren. Er hat auch ein Jahr ohne Geld gelebt. Mir hat es gefallen, auch wenn ich nicht ganz ohne Geld leben moechte. Er gibt eine Reihe von guten Tips.Du kannst es behalten.»
So las in in einer der darauffolgenden Naechte, in der ich ausnahmsweise kostenlosen Strom und somit Licht und Heizung umsonst hatte, das ganze Buch bis zum Ende durch. Und nun moechte ich es weiterempfehlen fuer diejenigen, die es noch nicht (auf englisch) kennen, denn es erscheint am 20. Februar auf deutsch beim Goldmann Verlag unter dem Titel:
« Der Mann ohne Geld: Meine Erfahrungen aus einem Jahr Konsumverweigerung. »

Ich hatte schon von ihm gehoert, aber das Buch nie selbst in den Haenden. Was mir besonders daran gefiel ist, dass er einen Wohnwagen und ein Grundstueck zur Verfuegung gestellt bekam, um sein Experiment durchzufuehren. Insofern ist er ein wirklich positives Beispiel (noch mehr als ich), denn er zeigt noch mehr, dass wer geldlos leben will, wirklich alles bekommt, was er/sie dazu braucht. Mark schreibt auch ueber seine Beweggruende und spricht damit viele Probleme unserer Zeit an, die er durch seine Lebensweise geloest hat, denn er lebte kann man sagen « oekologisch korrekt ». Und gibt Hinweise, wie man ihm gleichtun kann: wie man Komposttoiletten baut, Papier aus Pilzen herstellt ,einen einfachen Herd zum Feuern mit Holz baut und und und.
Wir erfahren, welche Schwierigkeiten Mark zu ueberwinden hatte, welch schoene Momente es gab und am Ende, dass es das bisher schoenste Jahr in seinem Leben war. Eine Menge von Websites zum Gratis-Dasein sind ebenfalls zu finden, wie auch seine Website der Freeconomy Community, die unter www.justfortheloveofit.org zu finden ist. Hier koennen sich alle am geldlosen Leben Interessierten austauschen; die Seite hat allerdings ihren Fokus auf England.
Mark Boyle hatte ein riesiges Presseecho, da er das Jahr im voraus plante und die ueberaus interessierten Medien zur Berichterstattung einlud.
Sein Buch ist unbedingt lesenswert fuer alle, die Lust haben auf ein anderes Leben; es ist uneingeschraenkt empfehlenswert!

Geplante Obsoleszens oder der Weg aus der Konsumgesellschaft

Diesmal möchte ich nicht mit einer Geschichte aufwarten, sondern mit dem Link zu einer Homepage mit einem Video auf Youtube mit dem Titel „Kaufen für die Müllhalde“ (http://www.rottmeyer.de/kaufen-fur-die-mullhalde/2/) , einem Dokumentarfilm von ARTE vom 15.2.2011, der sich mit der geplanten Obsoleszens befasst und den ich für äusserst sehenswert halte, vom Anfang bis zum Schluss (und das wo ich normal gar nichts für Videos übrig habe). Geplante Obsoleszens ist der Begriff für die Produktion von Produkten mit verkürzter Lebensdauer. In dem Film wird eigentlich so ziemlich alles angesprochen, was sicher nicht nur meine Wenigkeit, sondern viele Menschen denken und dem sie fassungslos gegenüberstehen: dass Produkte angefertigt werden, die absichtlich schnell kaputt gehen. Ja, es ist sogar so, dass in manchen Ländern produzierte Dinge fast gleich nach der ersten Benutzung wegzuwerfen, weil unbrauchbar geworden sind. Und ich meine damit keine Wegwerfware.

Mir war das schon immer ein Dorn im Auge und ich habe mir jedes Mal gedacht: „Es ist doch nicht möglich, dass die Produktion von derartigen Dingen auf dieser Welt überhaupt erlaubt ist! Das gehört doch alles verboten.“ Alleine, wenn man an die Verschwendung der Ressourcen denkt. Als nächstes an die Bedingungen der Arbeiter, die diese Produkte herstellen. Unter welch menschenunwürdigen Bedinungen dies zum (grossen) Teil geschieht. Als nächstes der Transport dieser Waren, was widerum Rohstoffe noch dazu in Form fossiler Brennstoffe verbraucht, die ausserdem die Umwelt mit Schadstoffen belasten. Und dann zu allem Elend noch der Müll, die Entsorgung dieser Produkte. Unglaublich! Wie ist das möglich?

Im Grunde gehört dieser ganze Gedanke der geplanten Obsoleszens im Zeitalter der Nachhaltigkeit komplett gestrichen. Es ist dem Menschen auf dieser Erde eigentlich nicht mehr erlaubt, auf diese Weise mit Ressourcen umzugehen. Es stellt eine schlichte Fehlentwicklung durch mangelndes Bewusstsein dar.

Wie den Lesern meines bisherigen Blogs bekannt ist, ernähre ich mich hauptsächlich freegan, d. h. ich lebe vom Verfallsdatum. Ich lebe davon, dass die Produkte ein Verfallsdatum aufgedruckt bekommen haben und weiss genau, dass viele Lebensmittel noch lange danach haltbar sind, manche sogar Jahre (Trockennahrung zum Beispiel). Viele Menschen wissen dies nicht. Sie glauben tatsächlich, dass die Nahrungsmittel nach dem Verfallsdatum tatsächlich nicht mehr geniessbar sind und werfen sie zu einem mehr oder weniger grossen Teil weg. Weltweit werden 50% der produzierten Lebensmittel vernichtet, beziehungsweise landen auf dem Müll. Von Frankreich weiss ich, dass 25% der Lebensmittel in Privathaushalten weggeworfen werden. Auch das wegen des aufgedruckten Verfallsdatums. Das nur als Ergänzung zum oben angegebenen Film.

Es zieht sich ja durch alle Kreise.

Gerade heute dachte ich:

„Die Zeit, in der ich nur von dem gelebt habe, was ich gefunden habe oder was mir – ungefragt – gegeben wurde war die glücklichste Zeit meines Lebens.“

Null-Konsum, der Weg zum Glück!

Denn das ist doch, was alle Menschen suchen…

Bloss suchen sie am falschen Ort, wie die Frau, die ihren Schlüssel in der dunklen Wohnung verloren hatte und ihn auf der hellen Strasse sucht, weil in der Wohnung ja kein Licht ist…

In diesem Sinne fröhliches Dumpstern!

Von den fahrenden Leuten

Auf der Strasse traf ich Heidi.

„Dass man dich auch mal wieder sieht! Lebst du noch?“, rief ich ihr entgegen.

„Ja, klar. Ich war gerade beim Frisoer. Endlich mal wieder ein richtiger Schnitt. Das vorher war ja nichts.“

„Ich dachte, die fahrenden Leute wuerden gehen. Sie sind schon ueber zwei Wochen hier.“

„Ich rede mal mit ihnen. Aber ich bin schon zu spaet. Ich bin eingeladen.“

Am naechsten Morgen traf ich sie im Waschraum.

„Und du bist immer noch da?“

„Ja, ich schaffe es nicht, zu gehen.“

„Ich dachte, du wolltest verreisen.“

„Das wollte ich auch gerne. Aber dann sind da immer wieder Kraefte, die mich dazu bringen, zu bleiben.“

„Na ja, hier hast du jedenfalls deinen Platz. Du kannst bleiben, so lange du willst.“

„Wie schoen.“

„Ich fuehle mich immer noch wie im Urlaub.“

„Da hast du recht.“

„Meine Eltern wollen drei Monate bleiben. Sie suchen jetzt eine Unterkunft fuer diese Zeit. Sie haben in der Schweiz alles aufgegeben und verkauft. Aber vielleicht wollen sie danach wieder in die Schweiz zurueck. Sie haben sich vorher einige Wohnungen fuer alte Leute angeschaut, aber das war alles nichts. Eben sagten sie schon: ‚Vielleicht kaufen wir uns ein Wohnmobil. Dann sind wir frei und unabhaengig.“

„Das ist aber mutig, in dem Alter alles aufzugeben und auf‘s gerade Wohl loszuziehen und zu sehen, wohin es einen treibt.“

„Ja, mit achtzig ist das schon erstaunlich. Aber jetzt fahre ich erst mal zu ihnen.“

Eines Abends, als ich zum Campingplatz kam, stand ein neu aussehender schwarzer Mercedes auf einem Anhaenger vor meiner Tuer. Als ich an den Kindern vorbeikam, sagten sie entgegen sonstiger Gewohnheiten nicht mal guten Tag. Mir wurde das alles etwas komisch. Da hatten sie all die Dinge genommen, die ich im Waschraum hatte liegen lassen. Was kam als naechstes? Mir auch noch den Rest zu nehmen, den ich hatte? Ich fuehlte mich zunehmend unwohl. Als ich mit Raphael darueber sprach, wartete er mit einer Fuelle unguter Geschichten ueber die fahrenden Leute auf.

Hinzukam, dass die Sicherung des Stromkastens tagsueber staendig rausfiel. So circa alle fuenf Minuten. Als ich einen der Jungs sah, der die Sicherung wieder reinmachte, sprach ich ihn darauf an: „Es sind entweder zu viele Geraete angeschlossen oder ein Geraet ist kaputt.“

Spaeter entdeckte ich, dass in einem der Transporter eine weitere Waschmaschine roedelte. Klar, dass das zu viel war. Aber sie liessen sich nicht im geringsten davon beeindrucken.

Am Abend traf ich Henry in der Bar.

„Komm, setz dich. Was willst du trinken? Ich lade dich ein.“

„Ein Tonic Water“.

Ein Schwarzer gesellte sich zu uns.

„Das ist ein Freund von mir. Er ist wie mein Sohn“, stellte ihn mir Henry vor. „Und wie geht es dir?“

„Ach, ich fuehle mich auf dem Campingplatz gerade nicht mehr wohl.“

„Wegen der fahrenden Leute? Ich habe sie gesehen. Sie haben die Genehmigung auf dem Rathaus geholt, als ich meinen Personalausweis abgeholt habe. Es sind keine guten Leute.“

Der Schwarze stimmte ihm bei.

„Sie haben mir lauter Sachen weggenommen, nichts von grossem Wert, aber trotzdem. Seit ueber zwei Jahren habe ich keinerlei Einkuenfte und fuer mich haben diese kleinen Dinge einen grossen Wert. Ausserdem frage ich mich, wo das hinfuehrt.“

„Ich habe schon am Anfang gedacht, ich komme mal bei dir vorbei. Um ihnen zu zeigen, dass du nicht alleine bist.“

„Ich habe mir ueberlegt, morgen zu gehen.“

„Nein, du gehst nicht: Sie gehen. Ich mobilisiere meine Freunde und dann vertreiben wir sie.“

„Nein, ich will keinen Aerger. Lieber gehe ich.“

„Nein, du gehst nicht. Ich komme morgen Mittag zu dir und schaue mir die Sache mal an. Dann sehen wir weiter. Meine Mutter war auch eine von denen. Das habe ich dir schon erzaehlt. Ich kenne sie. Ein paar von ihnen sind o.k., aber andere sind es nicht. Deshalb komme ich besser vorbei.“

„O.k., dann bis morgen um zwoelf sagen wir mal.“

Tatsaechlich wachte ich gerade rechtzeitig bei Raphael auf, um zum verabredeten Zeitpunkt zum Campingplatz zu gehen. Henry sass in der Bar.

„Ist es schon zwoelf Uhr? Ich wollte gerade zu dir gehen.“

„Ja, es ist kurz vor.“

„Ich trinke nur mein Glas aus, dann gehen wir. Ich setze mich nur bei dir hin und schaue.“

„In Ordnung.“

„Es ist die Frage, wie viele Maenner es sind“, meinte er auf dem Weg. „Drei, fuenf oder mehr. Wenn es vier sind, dann ist etwas schon nicht in Ordnung.“

„Ich habe sie nicht gezaehlt, aber ich glaube, es sind mehr als vier Maenner.“

„Sie sind in der Regel alle miteinander verwandt.“

„Und die Kinder stellen lauter bloede Fragen: ‚Wem gehoert dies und wem gehoert das?’“

„Das ist ein Mist.“

„Und: ‚Hast du einen Freund? Bist du verheiratet? Und und und.“

„Das ist, weil die Frauen Angst haben, dass du ihnen die Maenner wegnimmst, wenn du alleine bist.“

„Aber mein Freund war schon da.“

„Es ist einfach, dass sie Angst haben.“

„Und ich habe langsam auch Angst, dass sie mir noch mehr wegnehmen.“

Als wir auf dem Campingplatz ankamen, sassen sie alle draussen an ihrem Campingtisch und begruessten uns.

Henry schaute in meinen Bus.

„Da hast du ja jetzt ein richtiges Zuhause!“

„Genau. Schoen, nicht?“

„Und wir haben wieder einen Winter ueberlebt!“

„Genau so sehe ich das auch. Willst du einen Getreidekaffee?“

„Ja, gerne. Ich setze mich ins Gras.“

„Willst du nichts zum Drunterlegen, einen Teppich oder eine Matte?“

„Nein, ich setze mich am liebsten direkt auf den Boden.“

Er liess die ganze Szenerie ein wenig auf sich wirken.

„Ach, ich glaube, wenn ich die Sache so betrachte, sie sind ganz in Ordnung. Sie haben uns begruesst, das ist schon ein gutes Zeichen. Und wenn sie etwas genommen haben, dann waren es sicher die Kinder zum Spielen. Du darfst einfach nichts draussen liegen lassen. Schau wie sie es machen, was sie draussen lassen. Wenn andere mehr liegen lassen, dann stoert es sie in ihrem aesthetischen Empfinden. Normal gibt man den Kindern Geld. Aber man muss die Eltern vorher fragen. Damit sie einem keine Steine vor die Raeder werfen. Ist es das erste Mal, dass du Kontakt mit den fahrenden Leuten hast?“

„In dieser Form schon. Ich kannte einige da, wo ich vorher war und sie waren auch nett, aber am Ende wollten sie alle Geld. Und ich lebte ohne Geld. Das ging mir auf die Nerven.“

„Das ist nervig mit dem Geld. Ich gebe den Erwachsenen unter ihnen nichts. Nur den Kindern. Aber du kannst unbesorgt sein. Die nehmen dir nichts mehr weg. Aber schau, sie gehen.“

In der Tat fuhr einer der Transporter mit einem der Wohnwagen an eine andere Stelle.

„Sie fahren einer nach dem anderen, sonst blockieren sie den ganzen Verkehr. Nachher treffen sie sich wieder.“

Sie fuhren jedoch nicht weg, auch nicht am naechsten Tag. Sie hatten bloss den Standort innerhalb des Campingplatzes veraendert.

Von gefallenen Engeln und frisch geborenen Babys

Anderntags traf ich Alex, wie er auf einer Bank auf dem Platz sass und ein Baguette mit Fisch aus der Dose ass.

„Hi Alex. Du, ich habe ein Sweatshirt abzugeben und da habe ich an dich gedacht.“

Er winkte dankend ab.

„Klamotten habe ich genug. Das ist nicht das, was mir fehlt. Ich vertrage Autofahren nicht mehr. Ich mag einfach nicht mehr mit einem Auto fahren.“

„Ach, das ging mir auch eine zeitlang so, da wollte ich mich in kein Auto mehr setzen. Das dauerte eine ganze Weile an, dann hat sich diese Abneigung wieder verfluechtigt.“

„Und Haeuser. Ich kann einfach nicht mehr in einem Haus sein. Ich habe frueher lange in einem Tipi gewohnt. Zwanzig Jahre. Und war frueher viel in den Bergen. Und jetzt?“

„Aber es gibt doch ein Tipi-Dorf an der Quelle des Sturzbaches.“

„Ich weiss. Ich habe oefters daran gedacht, aber ich habe den richtigen Augenblick verpasst und jetzt ist zu spaet. Auch das habe ich verpasst.“

„Manchmal duerfen wir nicht so viel denken, sondern muessen einfach handeln, sonst verpassen wir die Gelegenheiten. Sowieso ist es wichtig, sine Gedanken zu beherrschen. Das muessen wir einfach lernen.“

„Und meine Freundin ist auf den Kanarischen Inseln in einem Haus ohne Licht, das feucht ist. Ueberhaupt Beziehung. Ich habe das Gefuehl, mir sind meine Fluegel gebrochen. Ich weiss nicht mehr, was ich machen soll.“

Er wirkte aeusserst bedrueckt.

„Wir Menschen sind alle gefallene Engel. Entscheidend ist bloss, immer wieder aufzustehen. Wie ein Kind, wenn es Laufen lernt. Es faellt und steht wieder auf. So ist es auch fuer uns wichtig, immer wieder aufzustehen und sich den Staub abzuschuetteln. Und die Fluegel wachsen vielleicht irgendwann mal wieder an.“

Er lachte.

„Vielleicht.“

Am naechsten Tag traf ich ihn zusammen mit Raphael auf dem Platz.

„Und wie geht es dir?“ fragte ihn Raphael.

„Im Kopf geht es gar nicht. Aber ich wollte dir nur sagen, die Geschichte, dass ich meiner Freundin das Handgelenk gebrochen habe, stimmt ueberhaupt nicht. Niemals habe ich gegen eine Frau die Hand erhoben. Gegen einen Mann uebrigens auch nicht. Sie ist aus dem Haus gegangen und dreissig Sekunden spaeter ist sie hingefallen und hat sich die Hand gebrochen. Ich war nicht einmal dabei.“

„Deine Freundin hat es mir aber anders erzaehlt. Es war das, was sie mir erzaehlt hat.“

„Das stimmt nicht. Ich habe nie gegen eine Frau die Hand erhoben. Das wollte ich dir nur sagen.“

 Er verabschiedete sich. Beim Voruebergehen sah ich Henry in der Bar.

„Ich trinke gerade ein Glas Wein“, sagte er. „Normal trinke ich Wasser. Ich trinke viel Wasser. Ich kaufe eine Falsche fuer einen Euro. Normal sollte Wasser kostenlos sein. Ein paar Doerfer weiter gibt es gutes Wasser aus dem Wasserhahn.“

So fuhr ich am naechsten Tag mit dem Fahrrad das von ihm genannte Dorf. Der Weg war viel kuerzer als ich dachte. Zuerst sah ich im Dorf keine Menschenseele. Dann kam ein Junge auf einem Roller vorbei.

„Entschuldige, ich suche nach einem Wasserhahn.“

„Da drueben beim Spielplatz ist einer, aber ich glaube, im Winter funktioniert er nicht.“

Er funktionierte tatsaechlich nicht. Dann kam der Typ mit einer Schubkarre vorbei, den ich letzthin mitgenommen hatte.

„Hallo, wie geht’s?“

„Na, so la la und dir?“

“Ebenso. Ich bin gerade auf der Suche nach einem Wasserhahn. Man hat mir erzaehlt, hier gaebe es gutes Wasser.“

„Keine Ahnung, aber ich kann dir Wasser geben. Oder du gehst auf den Friedhof, aber das wuerde ich nicht tun.“

„O.k., dann nehme ich dein Angebot an.“

Er fuehrte mich zu einem Haus, das eine einzige Baustelle war.

„Whow, du bist alles am Isolieren.“

„Ja, zum Teil, aber sie wollten schon, dass ich aufhoere.“

„Auf jeden Fall bist du noch in Freiheit.“

„Nicht wirklich. Am besten, man ist ausserhalb des Systems.“

„Das sehe ich auch so.“

Er fuellte meine Flaschen auf.

„Ich glaube, ich gehe, bevor es dunkel wird.“

„Ja, das ist besser. Bis demnaechst.“

Als ich auf dem Campingplatz ankam, merkte ich, dass ich meinen Schluesselbund verloren hatte. Mit den Schluesseln der beiden Busse und von Raphaels Wohnung. Ich lief die Strassen im Dorf entlang, die ich gekommen war. Nichts. Ich klopfte bei Raphael, aber er machte nicht auf. Um die Ecke traf ich David, der gerade am Einparken war.

„Hallo David, ich habe meinen Schluesselbund verloren.“

„Wann?“

„Gerade eben. Ich war mit dem Fahrrad unterwegs und als ich zurueckkam, merkte ich, dass mir mein Schluesselbund aus der Tasche gefallen ist. Und dabei dachte ich vorher, das ist gefaehrlich mit dem Schluessel in der Tasche, die sich nicht schliessen laesst…“

„Willst du, dass ich den Weg mit dir abfahre?“

„Ja, gerne. Es sind alle wichtigen Schluessel an dem Bund.“

„Hast du eine Ahnung, wo du ihn verloren haben koenntest?“

„Vielleicht beim Pipi machen. Das war ein Stueck hinter dem naechsten Dorf.“

„O.k., fahren wir hin.“

„Es waren irgendwie zwei Pfosten nebeneinander, an denen ich mein Fahrrad abgestellt habe. Ein Strommast und ein Schild glaube ich.“

„Und wenn du den Schluessel auf der Strasse verloren hast, dann leuchtet er im Dunkeln. Ausser es hat ihn jemand mitgenommen. Dann gibt er ihn vielleicht irgendwann auf dem Rathaus ab.“

Wir fuhren langsam die Strasse ab bis zum ersten Schild neben einem Strommast.

„Brauchst du eine Taschenlampe?“

„Nein, ich habe meine Solartaschenlampe.“

Nichts. Bei einem Strommast mit einem Kasten daran auch nichts. Schliesslich fanden wir eine dritte Moeglichkeit. Ich leuchtete mit der Taschenlampe die Umgebung ab und wurde sofort fuendig.

„Huhuu, hier ist er.“

Ich wedelte wild mit dem Schluesselbund herum.

„Und das im Dunkeln. Zum Glueck habe ich nicht irgendeinen Strommast gewaehlt, sondern einen Besonderen. Sonst haetten wir lange suchen koennen. Und ich glaube, es war gut, dass Raphael nicht da war. Ich weiss nicht, wie er die Sache aufgenommen haette. Es waren fast alles seine Schluessel.“

„Ich bin auch froh, dass du ihn gefunden hast.“

„Dank dir und deiner Hilfe.“

„Es war mir ein Vergnuegen. Fahren wir noch zum Dumpstern am Bio-Laden vorbei? Ich war heute vielleicht vier Mal am Supermarkt, aber es gab absolut nichts.“

„Gute Idee. Ich bin die letzte Zeit fast jeden Tag dorthin gefahren. Ich bin scharf auf das Brot. Aber sie werfen es nicht an einem bestimmten Tag weg, sondern irgendwann zwischen Samstag und Mittwoch. Und so muss ich oefters hinfahren. Aber ich merke, es tut mir nicht wirklich gut, immer im Dunkeln mit dem Fahrrad herumzufahren.“

Wir fanden aber nur drei Packungen Babybrei.

„Ah, die esse ich,“ begeisterte sich David.

„Und hier ist ein kleines Flaeschchen Spuelmittel. Genau so eines wollte ich wieder haben. Eines haben sie mir naemlich geklaut.“

„Na, dann sind wir wenigstens nicht umsonst gefahren.“

Einmal wollte ich eigentlich nur eine Tour ins Nachbardorf machen. Als ich jedoch dort ankam und es noch mehr als zwei Stunden hell war, entschloss ich mich kurzerhand, zu versuchen, zu Jocelyne zu trampen. Der erste, der anhielt, fuhr genau dorthin. Ich kannte ihre neue Wohnung noch nicht und so fragte ich in der Strasse, die sie mir genannt hatte, nach einer frisch zugezogenen Frau mit einem Baby.

„Dort im ersten Haus ist eine Frau mit einem Baby.“

Richtig, ich fand ihren Namen auf der Klingel.

„Oh, wie schoen, dich zu sehen!“ empfing sie mich.

„Ja, endlich habe ich es geschafft, aus meinem Dorf herauszukommen und dich zu besuchen.“

„Ich weiss wie schwer es ist, sich von dort zu entfernen. Ich habe lange genug dort gewohnt. Schau, das ist mein neues Zuhause.“

Ich trat in einen riesigen Wohnraum mit integrierter Kueche.

„Whow, das ist ja superschoen und so geraeumig!“

„Und es kostet nur 13 Euro mehr wie ich vorher bezahlt habe. Ich heize nur mit Holz, wie frueher.“

In einem Ofen mit einem Fenster zum Reinschauen brannte ein Feuer.

„Schau, das ist Sarah. Sie ist nun zwei Wochen alt. Sie kam einen Monat zu frueh.“

„Oh, ist sie suess. Und sie hat so viele und so lange Haare.“

Jocelyne nahm Sarah vom Sofa und legte sie mir auf den Arm.

„Es ging alles gut mit der Entbindung. Sie hatte 2,9 Kilo. Jetzt hat sie schon zugenommen. Der Vater ist wieder am Abend vor der Geburt abgehauen. Wie letztes Mal. Zum Glueck war ein alter Bekannter da, den ich lange nicht mehr gesehen habe. Er hat mich ins Krankenhaus gefahren. Diesmal ein anderes. Dort waren sie total nett. Das letzte Mal waren sie es, die mir meine Kinder weggenommen haben. Vier Tage blieb ich dort. Ich rauche jetzt nur noch ganz wenig und nur noch auf der Toilette oder draussen auf dem Gang. Willst du oben die Zimmer sehen? Du hast die Auswahl, wo du schlafen willst. Und du kannst ein Bad nehmen. Ich habe eine Badewanne.“

„Oh ja. Aber erst mal mache ich noch einen Spaziergang. Ich kann die Hunde mitnehmen.“

„Nimm nur einen, wenn sie zusammen sind, jagen sie zu sehr.“

So drehte ich eine Runde um den nahegelegenen See.

„Es ist hier wie im Urlaub“, meinte sie, als ich zurueckkam.

„Wie im Urlaub. So fuehle ich mich auch. Ich war gestern auf dem Markt, um Sachen zu holen und danach noch im Solidaritaetsladen. Aber ich musste lange warten und sie gaben mir nur ganz wenig, weil ich nicht eingeschrieben bin. Das Ganze hat sich nicht gelohnt: Und ich fuehle mich nun schlagkaputt.“

„Ich mache uns mal was zu Essen. Was willst du Essen: Nudeln mit Tomatensosse, Kartoffeln oder Linsen?“

„Nudeln mit Tomatensosse.“

Ruckzuck stand das Gericht auf dem Tisch.

„Ich werde ja richtig verwoehnt.“

„Ja, es gibt sogar noch einen Nachtisch, schau mal im Kuehlschrank nach. Paulo hat ihn mir gekauft. Frueher ass ich gar keinen Nachtisch, aber im Krankenhaus nach der Geburt gaben sie mir drei Nachtische. So habe ich mich daran gewoehnt. Die Nachbarn hier sind auch total nett. Nebenan haben sie auch gerade ein Kind bekommen. Es ist zwei Wochen aelter als Sarah. Und wo willst du schlafen? Hier unten oder oben in einem der Zimmer?“

„Ich glaube im Kinderzimmer.“

„Da hat der Bekannte von mir auch geschlafen. Ich gebe dir neue Bettwaesche. Das heisst, ich schau mal, ob ich noch ein Kissen und einen Kissenbezug habe. Ich bin nicht gerade reich an Kissen und Kissenbezuegen. Ich bin an ueberhaupt nichts reich.“

„Doch, an Kindern.“

„Ja, an Kindern, die nicht bei mir sind.“

Den naechsten Tag nutzte ich zum Ausruhen bevor ich mich auf den Heimweg machte. Da die Sonne schien, entschloss ich mich kurzerhand, den groessten Teil des Weges zu Fuss zurueckzulegen. Es war eine Wohltat, durch die Huegellandschaft zu gehen.

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