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Wie eine Prinzessin

Eines morgens wachte ich sehr frueh auf und nutzte die Gelegenheit, zum Vagabundencafé zu fahren. Ein Typ mit braunen nicht ganz kurzen Haaren und einem Vollbart hielt an. Auf dem Beifahrersitz lag ein Buch in hebraeischer Schrift.

„Wohnst du hier?“ fragte er mich.

„Ja, seit ueber einem Jahr. Zur Zeit bin ich in einem Bus auf dem Campingplatz und davor habe ich bei verschiedenen Leuten gewohnt.“

„Ich bin seit vier Jahren in Frankreich. Es ist wie Ferien fuer mich. „Ich wohne ein Dorf weiter. Ich kann dir ein Grundstueck zeigen, wo du ein Tipi aufstellen kannst, wenn du willst.“

„Das klingt interessant.“

„Man kann bloss mit dem Auto nicht bis ganz Hochfahren, wenn es geregnet hat, weil die Strasse nicht befestigt ist und sich in einen einzigen Schlammpfuhl verwandelt.“

„Das ist nicht weiter schlimm. Ich kann bei dir vorbeikommen, damit du es mir zeigen kannst.“

„Ich habe nur noch wenig Zeit. Ich fliege uebermorgen nach Israel zurueck. Ich kann dich heute Nachmittag irgendwo abholen.“

„Ich habe um vier einen Termin beim Zahnarzt.“

„Dann hole ich dich dort um halb fuenf ab.“

„Besser um fuenf. Du weißt wo es ist?“

„Weiss ich.“

„Dann bis spaeter.“

Nach ausgiebigem Fruehstueck im Vagabundencafé (in der Tat ass ich, als haette ich eine Woche nichts gegessen) und der Entgegennahme meiner Post, stuerzte ich mich in die Dusche, um meine Haare zu waschen.

„Magst du nicht deine Haare foehnen?“ fragte anschliessend die Vagabundenhelferin.

 „Wir haben oben eine kleine Ecke dafuer eingerichtet.“

„Wenn das so ist, gerne.“

„Komm mit hoch. Ich zeige sie dir.“

In einem Nebenraum fand ich einen wunderschoen hergerichteten Platz mit einem Spiegel, einem Tisch voller Kosmetika vom Fussbalsam bis zum Lidschatten und einer liebevollen Dekorierung an der Wand. Entzueckt foehnte ich meine Haare. Mit: “Was fuer einen schoenen Platz ihr da eingerichtet habt. Da fuehlt man sich ja wie eine Prinzessin“, teilte ich den Vagabundenhelfern meine Begeisterung mit.

Auf dem Rueckweg machte ich einen Zwischenstopp an einer Quelle und fuellte meine mitgebrachten Flaschen auf. Auf dem Weg zum Zahnarzt begegnete ich Alex auf seinem Fahrrad.

„Mir ist kalt“, entfuhr es ihm.

„Letzte Woche waren es fuenfzehn Grad, jetzt sind es nur noch fuenf. Da muessen wir schon zwei Pullover mehr anziehen.“

„Zwei Pullover mehr…“

„Ich bin gerade auf dem Weg zum Zahnarzt.“

„Zu welchem?“

„Doktor Riché.“

„Ich gehe zu Doktor Chevalier. Er ist der beste Zahnarzt, den ich je in meinem Leben hatte. Er tut einem gar nicht weh und ist ganz schnell. Er ist Meister des Aikido.“

„Jetzt habe ich schon einen Termin mit dem anderen ausgemacht, aber vielleicht fuer die Zukunft…“

Auch mein Zahnarzt war unglaublich schnell. In fuenf Minuten war die Sache gemacht.

„Der Zahn ist gebrochen, aber ich fuelle ihn einfach mit Zement auf.“

Und dafuer hatte mir andernorts die Assistentin eines Zahnarztes Kostenvoranschlaege zwischen sechs- und achthundert Euro gemacht!

Der Israeli kam mich dann doch nicht abholen und so trampte ich zurueck. Heidi hielt an, die mit Christine im Auto sass.

„Was fuer ein Glueck. Ich bin naemlich schwer bepackt. Ich habe Wasser von der Quelle mitgebracht.“

„Warum faehrst du denn nicht mit dem Auto? Hast du keinen Fuehrerschein?“ fragte mich Heidi.

„Doch, aber ein Bus ist in der Werkstatt und der, in dem ich schlafe, hat keine Versicherung auf meinen Namen. Wenn ich damit fahre und einen Unfall baue, dann habe ich ein Problem. Im Notfall kann ich damit fahren, aber es lag kein Notfall vor. Ausserdem mag ich es nicht, auf die Rampen hochzufahren. Da trampe ich lieber zwei Stunden“.

So fuhr ich am naechsten Nachmittag ins Dorf, in dem der Israeli wohnte, obwohl ich keine Ahnung hatte wo genau und ich seinen Namen nicht kannte. Als ich am Platz mit der Telefonzelle ankam und in ein gerade anfahrendes Auto schaute, erblickte ich ihn darin.

„Hey, ich komme zu dir,“ begruesste ich ihn.

„Whow, da hast du aber Glueck. Ich war bloss gerade einmal fuenf Minuten am Telefonieren.“

„Siehst du?“

„Komm, ich zeig dir das Grundstueck: Steig ein.“

Wir fuhren auf einer Erdstrasse bis zu tiefe Furchen darin waren.

„Ich stelle das Auto hier ab. Den Rest laufen wir.“

Wir liefen immer mehr den Berg hinauf.

„Da drueben, wo du das Zelt siehst, sind Freunde von mir. Es sind Rainbowleute. Sie empfangen auch Gaeste zum Uebernachten. Sie squattieren das Grundstueck. Es gibt nicht wenige Leute hier, die Grundstuecke besetzen.

„Was fuer ein wunderschoener Blick!“

„Hier faengt das Grundstueck an.“

Er zeigte auf ein paar Steine zwischen Baeumen und Gestruepp.

„Hier ist ein Weg, der zum Gipfel fuehrt. Dort oben ist ein Bauer mit seinem Vieh. Und auf der anderen Seite des Gipfels ist ein altes Haus. Frueher haben die Leute oben auf den Bergen gewohnt, erst spaeter zogen sie runter ins Dorf. Die meisten Haeuser, die du im Dorf siehst waren frueher Staelle.“

„Ich kenne auch einen, der in einem ehemaligen Stall wohnt.“

„Und hier kannst du ein Tipi aufbauen.“

„Ah, klasse. Hier ist es eben. Und ein paar Baeume fuer Schatten sind auch da.“

„Ja, die Baeume bloss bitte nicht faellen.“

„Klar doch.“

„Ich habe das Grundstueck gekauft, weil meine Mutter in der Naehe wohnt. Aber jetzt gehe ich nach Israel zurueck und weiss nicht, wann ich wiederkomme. Vielleicht bloss mal im Sommer fuer ein paar Wochen. Vielleicht auch erst in drei oder vier Jahren. Ich biete dir an, es zu nutzen, weil ich viel gereist bin und auch mir Leute angeboten haben, ihre Grundstuecke zu nutzen. Das war phantastisch. Und ich selbst bin auch jemand, der keine Miete bezahlen will.“

„Whow, ich danke dir. Jetzt ist es nachts noch zu kalt, aber sobald es waermer wird… Ich habe zwar kein Tipi, aber mein Freund hat ein grosses Zelt.“

„Du kannst auch einen Gemuesegarten anbauen.“

„Das habe ich auch gerade gedacht.“

„Wasser kannst du so einen Tausend-Liter-Kanister nehmen. Bleibt bloss die Sache mit der Toilette. Ich wollte schon ein Toilettenhaeuschen hinbauen, aber ich habe es nicht geschafft. Du kannst aber einen Eimer nehmen und das Ganze dann vergraben; am besten auf einem anderen Grundstueck. Und rede nicht so viel davon. Mit jungen Leuten schon, es koennen auch Freunde von dir herkommen, aber nicht mit alten. Die haben Angst. Und dann ist da ja das neue Gesetz, dass man nicht mehr im Tipi und so wohnen darf. Aber der Buergermeister hier ist eigentlich ganz o.k..“

Wir liefen wieder runter und verabschiedeten uns. Ich war ziemlich von den Socken.

Am anderen Nachmittag traf ich Bob.

„Ich komme gerade von der Arbeit. Eigentlich bin ich ganz schoen muede, aber magst du nicht mit zu mir kommen?“

„Ich wollte noch einen kleinen Spaziergang machen bevor es dunkel wird, aber danach komme ich vorbei.“

Eine Stunden spaeter war er nicht da, beziehungsweise machte nicht auf, so dass ich noch meine Runde zum Bio- und Fruechte- und Gemueseladen drehte, wo ich Gurken und Maronen fand. Als ich wieder zu ihm kam, machte er auf.

„Komm rein, ich habe noch Besuch.“

Ein junges Paerchen und ein Herr um die Fuenfzig begruessten mich.

„Ich bin ganz neu in der Region. Ich bin vor einer Woche hergezogen,“ liess mich der Herr wissen waehrend er sich etwas zu essen kochte.

„Gehen wir ins Kaminzimmer. Die anderen sind gegangen,“ meldete sich Bob.

„Ich dachte, du waerst in Indien, weil ich dich schon so lange nicht mehr gesehen habe.“

„Da waere ich auch gerne, aber es hat nicht geklappt, weil uns die Frau, fuer die wir gearbeitet haben, nicht bezahlt hat. Und ich musste im Januar 2400 Euro Steuern fuer das Haus bezahlen fuer ein ganzes Jahr. Da blieb mir kein Geld fuer die Reise. Wir haben dann aufgehoert, bei ihr zu arbeiten, vor allem, weil sie auch sagte, es sei nicht gut gemacht, dabei haben wir exzellente Arbeit geleistet. Alles ist aus Pinien-  und  der Fussboden aus Zedernholz. Sie sagte dann, sie zahle spaeter und wir nahmen die Arbeit wieder auf. Aber beim naechsten vereinbarten Datum sagte sie, sie habe jetzt kein Geld und vertroestete uns auf Maerz. Heute wurde ich echt sauer auf sie, weil sie meinte, wir sollten unsere Werkzeuge nicht in der Garage lassen. Ich schrie sie an: ’Wollen Sie, dass wir die Arbeit fertig machen oder nicht?’“

„Na ja, vielleicht waere es besser aufzuhoeren, wenn sie nicht bezahlt.“

„Nein, ich vertraue einfach darauf, dass sie bezahlt und dass alles gut laeuft. Nach dem Gesetz der Resonanz. Wenn ich das Gute denke, dann ziehe ich auch das Gute an. Beim ersten Mal, als sie nicht zahlte, habe ich das Vertrauen verloren und ich glaube, das war mein Fehler.“

„Ich weiss nicht so recht. Manchmal ist es auch so, dass uns das Gefuehl ganz am Anfang sagt, dass da etwas nicht hundert Prozent in Ordnung ist und dann ist es besser, die Finger davon zu lassen. Wenn wir das Gefuehl ausser acht lassen, belehrt uns das Leben eines Besseren.“

„Du meinst die Intuition. Nein, wir machen die Sache jetzt fertig und ich vertraue einfach darauf, dass sie bezahlt. Aber generell habe ich das Gefuehl, die Leute leben wie in einem Film, in dem sie sich selbst als Hauptdarsteller sehen. Die Leute, die zu viel Fernsehen und Filme sehen, haben den Bezug zur Realitaet verloren. Sie wissen gar nicht mehr, was Realitaet ist. Sie leben wie im Film und gehen so mit uns um. Ein Freund von mir ging seine Mutter besuchen, die gerade eine Soap opera sah und immer zu einem der Darsteller meinte: ‚Dieser Typ ist schrecklich! Dieser Typ ist schrecklich!’. Mein Freund sagte: ‚Aber Mama, das ist nicht die Wirklichkeit. Das ist nur ein Schauspieler, der eine Rolle spielt.’ Sie gab ihm zwar recht, aber machte damit weiter, den Schauspieler als schrecklich zu betiteln.

Auf jeden Fall habe ich jetzt zwei Zimmer vermietet. Das bringt mir ein bisschen Geld.“

„Das Haus ist einfach zu gross, um alleine darin zu wohnen.“

„Ich hatte vor laengerer Zeit mal an eine Frau mit zwei kleinen Kindern zur Untermiete. Aber sie war eine Messie. Es sah ueberall aus, als haette eine Bombe eingeschlagen. Ausserdem machte ich den Fehler, nur 350 Euro zu verlangen, alles inklusive. Sie liess ueberall die Lichter brennen und wusch ohne Ende Waesche. Ich glaube, sie hat auch fuer andere Leute gewaschen und Geld damit gemacht. Meine Stromrechnung stieg von 23 auf 170 Euro. Am Ende habe ich sogar noch draufgezahlt. Deshalb hatte ich erst mal keine Lust, Zimmer zu vermieten.

Am Wochenende war ich in den Bergen und habe frisches Quellwasser mitgebracht. Magst du deine Flasche damit auffuellen?“

„Ja, gerne.“

„Jetzt wollen sie dem Leitungswasser ja ausser Chlor noch Fluor beimischen. Damit wir vollkommen lethargisch werden. Und Lithium. Lithium, stell dir das vor. Ich wuerde es am liebsten gar nicht mehr bezahlen. Wo man es sowieso nicht trinken kann.“

„Du kannst es zum Putzen benutzen, zum Waschen und fuer’s Klo. Den Boden putzen mit Chlor, Fluor und Lithium…“

„Stimmt, dann brauche ich gar keine Reinigungsmittel mehr. “Ich bin sowieso sauer auf sie. Jetzt faellen sie die Baeume.“

„Ich glaube, sie schneiden nur die Aeste.“

„Nein, sie faellen auch die Baeume. Ueberall in Frankreich. Sie faellen die Baeume an den Alleen. Angeblich, weil so viele Leute an die Baeume fahren.“

„Sie zerstoeren das Schoenste, was sie haben.“

„Auf der anderen Seite tun sie oft etwas nicht, wenn sie kein Recht dazu haben. Ich wollte mir weitere Solarzellen auf dem Dach installieren und liess mir einen Kostenvoranschlag machen. Es kam einer und schaute sich die Sache an. ‚Ich habe nicht das Recht’, sagte er. Angeblich wuerde es das Dorfbild zu sehr veraendern,  wenn man auf die Daecher guckt.  Es hat wohl auch was mit der Kirche zu tun.“

„Ich habe schon andernorts gehoert, dass keine Solarzellen auf dem Dach installiert werden duerfen, angeblich weil es beim Drueberfliegen nicht schoen aussieht“.

„Bis jetzt habe ich nur Solarzellen fuer mein warmes Wasser. Na ja, dann muss ich es so belassen, aber es ist nervig. Man kann einfach nicht machen, was man will.“

„Ich glaube, ich geh mal, mir was zu Essen machen. Ich habe Hunger.“

„Ich kann dir hier was zu Essen machen. Ich habe Tonnen zu Essen.“

„O.k., ich nehme die Einladung an.“

„Hier hast du erst mal Brot und Kaese als Aperitiv.“

„Ich kann aus meinen gefundenen Gurken einen Salat machen.“

„Nimm noch etwas von dem Salat dort dazu.“

Kaum hatte ich das Aperitiv gegessen, stand Tagliatelle mit Mangold auf dem Tisch.

„Whow, so schnell und so lecker!“

„Ich war frueher Koch. In guten Restaurants. Es gibt noch Nachtisch im Kuehlschrank. Schau mal nach.“

„Mhmm, Mousse! Die Franzosen sind Koenige im Moussemachen.“

„Und Fruechte gibt es auch.“

„So gut habe ich ja schon lange nicht mehr gegessen. Da fuehlt man sich ja wie eine Prinzessin!“

Aus mit der Ruhe

Bloss, als ich einen Tag spaeter von einer kurzen Runde zurueckkam, hoerte ich schon von ausserhalb des Campingplatzes wildes Haemmern und traute meinen Augen nicht, als ich ueber die Hecke schaute und lauter Satellitenschuesseln entdeckte! Als ich durch das Tor trat, traf ich auf eine Gruppe von fahrenden Leuten mit Transportern und Wohnwagen, die gerade im Begriff waren, sich zu installieren. Ich ging auf den Erstbesten zu und meinte:

„Entschuldigen Sie, aber der Campingplatz ist geschlossen.“

„Ist Heidi nicht da?“

„Nein, sie ist verreist.“

„Wir waren auf dem Rathaus und dort gab man uns die Genehmigung, zwei Wochen  zu bleiben. Wir waren gestern und vorgestern schon hier, aber es war keiner da.“

„Also der Campingplatz ist eigentlich geschlossen. So gibt es auch keine Duschen und kein warmes Wasser.“

„Und Heidi?“

„Sie kommt Anfang Maerz wieder.“

Ich dachte, ohne Duschen wuerden sie bald wieder gehen, aber weit gefehlt. Am naechsten Tag stand ihre eigene Waschmaschine im Waschraum und lief hinfort den ganzen Tag. Als ich auch noch Waesche waschen wollte, sprang die Sicherung heraus. Ich durfte bis zum Abend warten bis sie fertig waren, um weiter zu waschen.

Indess kam eine ganze Schar von Kindern auf mich zu.

„Wir haben die Duschen geputzt. Wir wollen im Vorraum spielen. Es war uns jedoch zu dreckig. Wir wollen im Sauberen spielen.“

„Das ist aber grossartig. Da wird sich Heidi aber freuen.“

Spaeter kamen einige Maedchen giggelnd zu mir zum Bus.

„Madame, schauen Sie mal!“

Sie konnten sich nicht mehr einkriegen vor Lachen. Eine davon schlug den Prospekt eines Tierparks mit Fotos von Tieren auf.

„Madame, was machen die da? Machen die Sex?“

Sie giggelten weiter.

Ich wollte mich mit einem „das ist etwas fuer Erwachsene“ rausreden, aber sie blieben standhaft.

 „Ist das Sex, was die machen?“

„Das nennt man wohl so.“

„Die machen Kinder“, fiel einem der aelteren Jungs dazu ein.

„Genau.“

„Und Sie, Madame, machen Sie auch Sex?“

„Entschuldige, aber diese Frage ist indiskret. Die kann ich dir nicht beantworten.“

„Warum?“

„Darum.“

Sie dampften ab.

Im Waschraum kamen die Maedchen wieder auf mich zu.

„Was machen Sie da?“

„Abspuelen.“

„Und was ist das?“

„Spuelmittel.“

„Und das?“

„Was ist das wohl?“ fragte ich in die Runde.

„Ein Topf.“

„Seht Ihr, Ihr koennt die Frage selbst beantworten.“

„Und wem ist das Fahrrad?“

„Meinem Freund.“

„Und das hier?“

„Mir.“

„Und die da drueben?“

„Die sind Heidi.“

„Und diese Couch?“

„Die ist auch Heidi.“

„Und wo wohnst du?“

„Hier im Bus und bei meinem Freund.“

„Und wo ist dein Zuhause?“

„Hier im Bus. Wie Ihr im Wohnwagen wohnt, so wohne ich im Bus.“

„Und wie lange bist du schon hier?“

„Zwei Wochen.“

„Bist du Heidi’s Freundin?“

„Nein, ich passe bloss auf den Campingplatz auf.“

Drei Tage lief alles gut, doch dann begannen schlagartig, meine Sachen zu verschwinden, die ich im Waschraum gelassen hatte: mein kleines geliebtes Flaeschchen Geschirrspuelmittel, das es als Probe im Bioladen gab, mein teurer Topfreiniger (und einer von Heidi gleich mit) und mein geschaetztes Sauerstoffbleichmittel. Mein gefundenes Wollwaschmittel fand ich fast leer und ohne Dosierbecher neben ihrer Waschmaschine und Raphaels Fluessigwaschmittel hatte sich auch dezimiert. Die Waschmaschine lief weiter jeden Tag ohne Unterlass. Und als ich meine Waesche abgehaengt hatte, benutzten sie all meine Waescheklammern und liessen mir nicht eine einzige uebrig.

Einmal kam Christine just in dem Moment vorbei, als ich Raphaels Teppich vor seiner Haustuere ausschuettelte.

„Bist du nicht mehr auf dem Campingplatz?“

„Doch, ich gehe gleich hin. Es sind gerade fahrende Leute dort. Das Rathaus hat ihnen die Genehmigung erteilt, zwei Wochen zu bleiben.“

„Fahrende Leute, das ist nicht lustig. Aber die Gemeinde muss ihnen fuer zwei Wochen einen Platz zur Verfuegung stellen. Das sieht das Gesetz vor. Weiss Heidi davon?“

„Nein, ich habe keine Telefonnummer von ihr.“

„Ich rufe sie an, wenn ich ihre Telefonnummer finde und sage ihr bescheid.“

Dann traf ich einen Harekrishna-Anhaenger, den ich an Sylvester kennen gelernt hatte mit seinem Motorroller auf dem Marktplatz.

„Ich bin jetzt in einem Bus auf dem Campingplatz, aber es sind gerade fahrende Leute dort und ich bin ganz alleine,“ gab ich ihm zu verstehen.

„Ach, die fahrenden Leute sind eigentlich ganz o.k.. Ich hatte viel mit ihnen zu tun. Sie duerfen nur nichts trinken. Wenn sie trinken, dann wird’s heikel.“

Endlich kam Heidi zurueck.

„Hast du gesehen, was passiert ist? Das Rathaus hat den fahrenden Leuten die Genehmigung erteilt, zwei Wochen hier zu bleiben, obwohl der Campingplatz geschlossen ist und du nicht da warst.“

„Ich kann dir gar nicht sagen wie sauer ich bin. Ich habe den Deal, sechs Monate im Jahr Urlaub zu haben und dafuer hier zu wohnen, aber letztes Jahr war es das Gleiche. Am Ende der Saison haben sie mir noch Leute reingesetzt. Ich gehe gleich morgen aufs Rathaus. Mal schauen, was da los ist. Fuer mich ist es jetzt so: die Leute sitzen in meinem Garten. Ich kann meine Hunde nicht mehr rauslassen und ich muss gleich anfangen, mich um alles zu kuemmern. Die Gemeinde haelt sich einfach nicht an die Verabredungen. Die fahrenden Leute kenne ich zum Teil. Einige von ihnen waren schon mal hier. Ich hatte grossen Krach mit ihnen wegen der Hunde. Weil sie ihre Hunde schlecht behandeln. Ich kann es einfach nicht mit ansehen, wenn sie ihre Hunde schlagen. Und ich habe ihnen ganz viele Sachen geliehen und danach war alles kaputt. Mein Fahrrad war nach nur einer Woche kaputt. Zum Glueck habe ich es wieder hingekriegt.“

„Na ja, sie waren eigentlich ganz o.k.. Haben ihre eigene Waschmaschine aufgestellt und den ganzen Tag gewaschen.“

„Sie waschen jeden Tag. Und du solltest mal einen Wohnwagen von innen sehen. Da findest du kein Staubkorn. Und ihre Waegen waschen sie im Sommer jeden Tag. Sie benutzen in einer Woche so viel Chlorreiniger wie ich nicht im ganzen Leben.“

„Was mir nicht gefiel ist, dass sie mir meine ganzen Sachen genommen haben, die ich im Waschraum gelassen habe. Nur Kleinigkeiten, aber trotzdem.“

„Das ist normal. Du bist auf jeden Fall noch hier.“

„Ja, ich habe es genossen, ein Zuhause fuer mich ganz alleine zu haben. Nach Jahren. Da wollte ich gar nicht mehr weg.“

„Und was hast du so gemacht?“

„Ach, nicht viel. Die Zeit ist unglaublich schnell vergangen.“

„Dann sehen wir uns morgen.“

„Dann sehen wir uns morgen.“

In Ruhe



Ich schaffte es uebrigens tatsaechlich, am Montag am Vagabundencafé anzukommen, kurz nachdem es schloss. Die Verantwortlichen waren da und riefen fuer mich bei der Krankenversicherung an, um mich am Nachmittag zur Abholung der Karte anzukuendigen.

„Es ist o.k., du kannst vorbeigehen. Ich weiss nicht warum, aber aus irgendeinem Grund schicken sie einem die Karte nicht zu. Da bin ich aber froh, dass das geklappt hat. Da brauchst du nicht mehr ellenweit zu fahren, um kostenlos zum Arzt zu gehen.“

„Ja, dank deiner Hilfe hat es geklappt. Ich habe ja mehrmals versucht, die Versicherung zu verlaengern wo ich vorher war, aber da hat es nicht geklappt. Erst hier und jetzt, nach einem Jahr Pause, habe ich sie wiederbekommen. Aber so habe ich die Erfahrung gemacht wie es ist, keine Krankenversicherung zu haben. Es ist o.k., aber mit ist es doch besser. Ich danke dir.“

Ich hatte mir Raphaels Bus geliehen, um das alles an einem Tag zu erledigen und fuhr in die mittelalterliche Stadt. Es war herrliches Wetter und so schlenderte ich am Fluss entlang bis zur Krankenversicherung.

„Ich moechte Frau Soundso sprechen“, bedeutete ich am Empfang.

„Das geht nicht. Oder haben Sie einen Termin?“

„Habe ich. Sie weiss, dass ich komme.“

Die Empfangsdame griff nach dem Telefonhoerer und wenig spaeter drueckte mir die fuer meinen Fall Zustaendige eine Karte in die Hand.

„Wenn Sie mal ins Krankenhaus muessen oder zum Arzt, zeigen Sie einfach diese Karte vor. Sie brauchen nichts zu bezahlen. Wenn ein Arzt trotzdem etwas will, gehen Sie zu einem anderen.“

„Und wenn ich mal ins Ausland reise?“

„Sie ist nur auf franzoesischem Terrain gueltig.“

„O.K., danke.“

Die Karte enthielt ein Passfoto, Name und ein paar persoenliche Daten, aber keinen Mikrochip. Das war schon etwas besonderes. Besonders war auch, dass es sie ueberhaupt noch gab, denn die Verantwortliche vom Vagabundencafe meinte damals, als sie sich den Antrag stellte: „Seit drei Wochen sprechen sie im Radio darueber, dass sie diese Hilfe fuer Auslaender, die in irregulaeren Verhaeltnissen in Frankreich leben, abschaffen wollen.“

Ich fuhr dann das erste Mal richtig in die Kommerzzone. Vorher war ich nur mal kurz mit jemandem, mit dem ich getrampt bin, dort gewesen. In einem grosseren Bioladen stoeberte ich die ganzen Gesundheitsbuecher durch, bis mir eine Verkaeuferin einen Schemel anbot, um mich hinzusetzen. Schliesslich suchte ich den Sport- und Ausruesterladen, in dem ich mir ein Reparaturkit fuer meine kaputte aufblasbare Isomatte erstand. Es war mittlerweile Ladenschluss und fuer mich konnte es losgehen. Lange Zeit schon wollte ich die Gegend mal bei Nacht erkunden. Auf meiner Fahrt hatte ich drei Supermaerkte entdeckt und diese steuerte ich nun an. Bei zweien war nichts zu holen, aber beim dritten umso mehr: eine riesige Tuete voll mit Camemberts, Joghurts und anderen Leckereien. Die Fahrt war nicht umsonst gewesen.

Auf dem Weg zurueck holte ich noch Quellwasser von einem Brunnen und traf dabei einen Freund von Raphael, der vorbeikam.

„Ah, wie geht`s Raphael?“ empfing er mich.

„Er sitzt gerade Tag und Nacht am Computer. Wird Zeit, dass du mal wieder vorbeischaust und ihn unterbrichst. Und wie geht`s dir?“

„Ach na ja. Ich muss aus meiner Wohnung raus. Ich kann sie nicht mehr bezahlen. Meine Kinder sind wieder zu ihrer Mutter gezogen und da fehlt mir das Geld. Ich weiss auch nicht, was ich tun soll. Meiner Freundin geht es gut in Amerika. Sie hat ihr Haus wiederbekommen, hat ein Auto und einen Job. Hier haben sie sie alle fuer verrueckt gehalten, aber dort ist sie anerkannt. Sie hat mich eingeladen, zu ihr zu kommen. Sie wartet auf mich.“

„Dann nix wie hin.“

„Ich kann nicht so einfach weg. Ich habe eine Strafe zu zahlen, ohne komme ich nicht aus dem Land heraus.“

„Dann bist du in einem Gefaengnis von circa tausend Kilometer Laenge und tausend Kilometer Breite.“

„Na ja, vielleicht fliege ich von Spanien oder Belgien aus. Mal sehen. Ich weiss noch nicht. Ich weiss im Moment gar nichts.“

Anschliessend machte ich noch am Bioladen Halt und machte den groessten Fund an Brot seit Langem.

Eines Abends ging ich zu Lulu.

„Hey, Michelle! Komm rein und setz dich. Was fuehrt dich zu mir?“

„Ich habe ein paar Klamotten abzugeben und da du Sachen auf dem Flohmarkt verkaufst, habe ich an dich gedacht.“

„Ich habe selbst zu viel und gebe es schon ab. Du kannst es auf dem Markt in einen Karton legen und draufschreiben ‚abzugeben’ oder ‚gratis ’. Das tun die Leute immer wieder mal. Das funktioniert. Magst du was trinken?“

„Ja, ein Glas Wasser.“

„Ich habe Quellwasser. Man soll ja nur noch Quellwasser trinken. Man kann das Wasser auch mit Steinen reinigen. Auf dem Markt gibt es ganz billig solche Steine. Die Frau an dem Stand sagte mir auch, ich solle nur noch Himalaya-Kristallsalz verwenden. Das ist gar nicht so teuer. Das normale Kochsalz ist Gift. Vielleicht hilft mir das gesundheitlich. Ich bin ja schon seit Laengerem nicht richtig auf dem Damm und kein Arzt hat bisher herausgefunden, was ich wirklich habe.

Und mein Auto ist auch kaputt. Es springt nicht immer an. So kann ich manchmal einfach nicht damit fahren. Und du?“

„Ich bin jetzt auf dem Campingplatz. Bei Heidi. Da habe ich Strom und kann heizen. Sie ist weggefahren und ich bewache ihn.“

„Dann bist du jetzt in Ruhe dort. Auf dem Campingplatz und bei Raphael, was fuer ein Luxus!“

In der Bibliothek traf ich René.

„Ich habe jetzt mein kleines Ein-Zimmer-Appartement, nachdem ich zwei oder drei Jahre ohne Wohnung war. Es hat geklappt. Bloss im Moment regnet es so viel. Da kann man wenig machen. Deshalb komme ich hierher in die Bibliothek. Und du?“

„Ich bin im Bus auf dem Campingplatz. Heidi ist verreist.“

„Dann bist du ja in Ruhe.“

Ein neues Zuhause

Als ich bei Henry, dem oesterreichischen Zigeuner vorbeischaute und ihm mein Leid klagte wegen des Busses ohne Heizung unter Beobachtung der Polizei, meinte auch er: « Probier es doch mal auf dem Campingplatz. Bei Heidi.»

So schaute ich in den naechsten Tagen oefters dort vorbei, aber immer war das Tor geschlossen und ich getraute mich nicht so recht hinein. Eines Tages stand das Tor jedoch offen.

Da auf mein Klingeln an der Haustuer niemand reagierte, versuchte ich es mit Klopfen. Diesmal machte sie auf.

„Hallo Heidi, ich bin Michelle. Ich war im Sommer schon mal kurz hier.“

„Was fuehrt dich zu mir?“

„Ich habe gerade das Problem, meinen Bus jede Woche woandershin fahren zu muessen wegen der Polizei und ausserdem habe ich keine Heizung. Ich wohne bei meinem Freund, aber die Wohnung ist schon fuer einen zu klein, geschweige denn fuer zwei. Ich braeuchte eine Moeglichkeit, mich ein bisschen zurueckzuziehen.“

„Du kannst zwei Wochen hierbleiben. Das ist kein Problem. Nach zwei Wochen muss man die Gemeinde fragen und ihr 17 Euro pro Woche bezahlen. Und ich will auch etwas, aber darueber koennen wir spaeter reden.“

„Ja, o.k.. Zwei Wochen, das ist super.“

„Also, kommst du morgen vorbei?“

„Mach ich.“

Ich ging am naechsten Tag vorbei.

„Komm rein“, begruesste sie mich. „Setz dich. Also, was hast du fuer Beduerfnisse?“

„Ich braeuchte nur Strom fuer die Heizung.“

„Und Wasser? Hast du eine Toilette?“

„Nein.“

„Dann zeig ich dir wie man das Wasser anmacht. Es sind naemlich schon drei Mal im Winter die Rohre gebrochen. Seitdem drehe ich das Wasser aus und lasse die Leitungen auslaufen. Duschen haben wir gerade keine. Der Campingplatz ist ja eigentlich zu.“

„Kein Problem. Ich kann bei meinem Freund duschen.“

„Die Waschmaschine kannst du auch benutzen. Wie lange willst du bleiben?“

„Ein paar Tage. Ich wollte eigentlich verreisen, aber ich brauche noch ein wenig Zeit, um mich darauf vorzubereiten.“

„Dann sagen wir 20 Euro pro Woche.“

„Und wenn ich weniger als eine Woche bleibe?“

„Fuenf Euro pro Tag.“

Mir fiel ein Stein vom Herzen.

„Wunderbar. Es erleichtert mich wirklich, einen Platz fuer mich zu haben.“

Einer der beiden Hunde begann freudig zu bellen und mir seine Pfote aufs Knie zu legen.

„Er freut sich mit mir.“

„Ich bin noch bis zum zehnten des Monats da und dann verreise ich. Was nach dem zehnten ist, weiss ich nicht. Kommst du morgen?“

„Nein, heute noch, jetzt gleich.“

„Dann bis spaeter..“

Als ich von Heidi wegging, war mir, als waere eine schwere Last von mir gefallen. Ich fuehlte mich leicht und beschwingt.

Von Raphael lieh ich mir ein Verlaengerungskabel und fuhr sofort zum Campingplatz. Ich schloss gleich den kleinen Heizluefter an und freute mich, endlich eine Waermequelle im Bus zu haben. Das war doch etwas ganz anderes. Ich brauchte nur so wenig, um gluecklich zu sein.

Einmal schaffte ich es, frueh aufzuwachen und zum Vagabundencafé zu Trampen. Eine Neue empfing mich dort mit:

„Du musst dringend in die mittelalterliche Stadt fahren wegen der Krankenversicherung. Sie gilt jetzt schon seit zwei Monaten, aber du musst eine Bestaetigung abholen. Es ist dringend, am Montag oder Dienstag. Aber du musst vorher anrufen.“

„Ich telefoniere aber nicht.“

„Dann komme vorbei. Wir telefonieren fuer dich. Aber es ist dringend. Am Montag oder Dienstag, o.k. Schon seit drei Wochen liegt die Bestaetigung fuer dich bereit. Wir haben dich gesucht, aber nicht gefunden.“

„Ich werde versuchen, in der Frueh zu Kommen, aber fuer mich ist es das Schwerste von der Welt. Ich habe es schon vorher einmal versucht, aber mich nahm keiner mit und als ich hier war, hattet ihr schon zu.“

„Du kannst klingeln. Wir sind auch spaeter noch da, auch wenn das Café schon zu hat.“

„Whow, nach einem Jahr mal wieder eine Krankenversicherung zu haben, das ist genial.“

Im Anschluss lief ich zum Hypermarkt und kam an einer Kirche vorbei. Ein Mann mit einem grossen Hund sprach mich an: „Sind Sie Pilgerin oder auf Urlaub?“

„Keines von Beidem. Ich wohne in der Gegend.“

„Die Kirche wird gerade restauriert. Sie ist aus dem elften Jahrhundert. Dort unten ist eine wundertaetige Quelle unserer lieben Frau. Das Wasser ist gut fuer die Augen. Man waescht sich mit dem Wasser die Augen und die Haende. Normal wird es nicht getrunken, obwohl es auch Leute gibt, die es trinken. Schon lange pilgern die Menschen hierher, noch lange vor Lourdes. Kennen sie Lourdes?“

„Ja, ich war schon dort.“

„Es kommen Leute aus der ganzen Welt hierher, sogar aus China. Und die Quelle hat schon viele geheilt, aber man muss daran glauben. Und die Kirche wird im Fruehjahr wieder eroeffnet.“

„Also, dann gehe ich mal zur Quelle“.

Ich wusch mir also die Augen und Haende mit dem Wasser und war baff erstaunt. Ich sah die Welt viel klarer und strahlender wie je zuvor. Als ich zur Kirche zurueckkam, war er immer noch dort.

„Die Quelle ist ja wirklich wundertaetig, phantastisch!“

„Man muss nur daran glauben…“

Ich lief ein Stueck weiter und traute meinen Augen nicht: im Gras neben der Strasse lag ganz seelenruhig ein blauer 20-Euro-Schein. Ich hob ihn auf und begutachtete ihn, denn irgendwie konnte ich es kaum glauben. Es waren die Spuren eines daruebergefahrenen Autos darauf, aber sonst war er intakt. Es war genau das, was ich fuer die eine Woche auf dem Campingplatz brauchte! Unglaublich. Noch nie glaube ich, habe ich einen Geldschein auf der Strasse gefunden.

Ich verbrachte viel Zeit auf dem Campingplatz. Ich genoss es, im Camping-Bus zu schlafen und zu sein. Es war meist herrliches Wetter und ich lag viel draussen in der Sonne.

An einem dieser herrlichen Tage packte es mich und ich fuhr mit Raphaels Bus in das naechstgroessere Dorf, wo einer dieser billigen Gebrauchtwarenlaeden war. Ich traf Henry auf der Strasse und nahm ihn mit. Ich kaufte mir eine Hose fuer einen Euro, mehr Geld hatte ich auch gar nicht dabei, wie ich feststellen musste.

„Darf ich dich zum Kaffee einladen?“ fragte mich Henry.

„Ja, gerne. Aber ich wuerde gerne noch ein bisschen spazieren gehen. Du nicht?“

„Du, ich kann mit diesen Schuhen nicht laufen. Sie tun mir weh. Sie sind gerade dafuer gut, ein paar Meter zu laufen, bis zur naechsten Bar zum Beispiel. Ich muss mir ein paar neue Schuhe basteln. Normal mache ich mir meine Sandalen selber: aus Stuecken von Leder und einem Mofaschlauch. Aber ich habe zur Zeit kein Leder. Das ist gar nicht so leicht zu bekommen. Willst du noch einen Kaffee?“

„Nein, bei dem schoenen Wetter wuerde ich lieber noch ein wenig spazieren gehen.“

„Die Gegend an der Quelle des Sturzbaches ist schoen. Warst du da schon?“

„Mehrere Leute haben mir schon davon erzaehlt und dort soll gerade ein Tipi-Dorf sein. Ich glaube, ich fahre dort hin. Das hatte ich schon lange vor. Magst du nicht mitkommen?“

„Ach, nein, ich weiss gar nicht mehr wo genau das ist.“

„Man hat mir den Weg dorthin beschrieben.“

„Es gibt so viele Wege. Nein, ich gehe lieber nach Hause.“

Ich setzte ihn also ab und fuhr den Weg entlang, den man mir beschrieben hatte. Ich fand es auf Anhieb, stellte den Wagen an der Strasse ab, wo eine Erdstrasse zur Quelle abzweigte und lief den Rest zu Fuss. Erst lief ich zur ausgeschilderten Quelle, die schlichtweg an einer Waldlichtung aus der Erde entspringt und dann machte ich mich auf die Suche nach dem Tipi-Dorf, zunaechst jedoch ohne Erfolg. Da kam mir eine junge Frau mit langen verfilzten Rastalocken entgegen. Sie hatte Traenen im Gesicht.

„Hallo, ich komme das Tipi-Dorf besuchen. Man hat mir davon erzaehlt.“

„Ah ja, es ist da hinten, aber es ist kein Demonstrationsobjekt. Wir leben dort.“

„Ich habe Euch Brot mitgebracht, bio.“

„Ach, entschuldige, ich bin schlecht drauf heute. Natuerlich bist du willkommen, uns zu besuchen und eine Tasse Tee bei uns zu trinken. Der Weg geht dort entlang.“

„Ich werd’s schon finden.“

„Und wenn nicht, rufst du.“

Ich fand es jedoch auf Anhieb. Mehrere Tipis standen im Wald am Rande einer Lichtung. Ein paar Leute machten sich draussen zu schaffen, als ich ankam.

„Hallo, ich bin Michelle. Ich wollte euch mal besuchen kommen. Man hat mir von Euch erzaehlt.“

Die Menschen stellten sich nacheinander vor, gaben mir einen Kuss zur Begruessung und hiessen mich willkommen.

„Wir machen gerade Fruehjahrsputz“, klaerte mich einer mit grauen mittellangen Haaren und lederner Fransenjacke auf.

„Es ist Zeit fuer die Sonnenuntergangsmeditation“, meinte ein anderer und lief auf eine Wiese, auf der gerade einer Didjeridoo spielte. Ich folgte ihm und genoss die letzten Sonnenstrahlen.

„Wir gehen auf ein Fest im Dorf unten. Wenn du willst, kannst du hinkommen.“

Sie machten sich fertig, um zu gehen.

„Es gibt erst einen schamanischen Tanz.“

Da kein Platz mehr im ersten Auto frei war, lief ich zu Fuss den Weg runter bis mich ein zweites Auto bis zum Bus mitnahm. Als ich im Dorf ankam, sah ich die ganzen Leute von den Tipis auf der Strasse herumlaufen. Ich traf Gabrielle.

„Es hat noch nicht angefangen, die Leiterin des schamanischen Tanzes ist noch nicht da. Kommst du auch zur Feier?“

„Ich hatte es vor, aber wenn es noch nicht angefangen hat…“

Ich entschloss mich jedoch zurueckzufahren, denn ich wollte noch mit Heidi vom Campingplatz reden, denn die Woche war vorbei. Sie war da, als ich kam.

„Ich habe noch viel zu tun bevor ich reise, und du?“

„Ich habe einen Ausflug gemacht an die Quelle des Sturzbaches.“

„Zum Tipi-Dorf?“

„Zum Tipi-Dorf. Heute abend ist eine Feier im Dorf bei ihnen.“

„Ah, gut zu wissen, falls ich noch ausgehen will. Uebrigens, wenn du willst, kannst du hierbleiben. Wenn du kein Geld hast, auch ohne zu bezahlen. Du kannst auf den Campingplatz aufpassen, waehrend ich verreise.“

„Ja super, wenn das so ist, dann bleibe ich. Es gefaellt mir hier. Es ist so schoen, morgens aufzuwachen und den Himmel zu sehen und die Tuer zu oeffnen und in der Natur zu sein. Jetzt kann ich die Leute verstehen, die Camping machen. “

„Dann bist du meine Stellvertreterin. Wenn jemand kommt fuer eine Nacht, kannst du sie reinlassen. Wenn sie dir sympathisch sind. Mach es nach Gefuehl und wie du willst. Eigentlich ist der Campingplatz ja geschlossen. Du nimmst pro Nacht fuenf Euro.“

Am Abend erzaehlte ich Raphael davon.

„Whow, dann hast du ja einen ganzen Campingplatz fuer dich alleine! Du machst das schon ganz gut.“

Makrobiotik, Wilhelm Reich und Jesu letzte Versuchung

Seit einem Monat dachte ich oefters an Albert und diese Woche gelang es mir, zu ihm zu fahren. Mich nahm Gerald mit, den ich letztes Jahr einen Tag nach Valentin kennengelernt hatte.

„Ich will ins naechste Department fahren, um einen Freund zu besuchen.“

„Ich wohne nicht weit von hier in einem klitzekleinen Dorf auf deiner Strecke. Wenn du willst, zeige ich dir, wo ich wohne. Du kannst zum Abendessen bei mir bleiben. Und dann fahre ich dich dahin, wo du hinwillst.“

„Die Einladung nehme ich gerne an.“

Schnell waren wir angekommen.

„Mein Haus war frueher ein Stall. Ich bin der erste Mensch, der darin wohnt. Durch Zufall bin ich daran gekommen und nun bin ich schon sechs Jahre da. Hier wohnen gerade einmal neun Menschen. Manchmal sehe ich fuer ein paar Tage niemanden, dann fahre ich weg und gehe in ein Café ein paar Doerfer weiter, um Menschen zu treffen. So geht es mir gut. Ich hatte Glueck, dass mir jemand das Haus verkauft hat. Davor war ich zwei Jahre mit einem Boot unterwegs. Es war klitzeklein. Schau her.“

Er zeigte mir Fotos.

„Das Boot war mein Spiegel. Ich hatte manchmal mit ganz schoenen Unwettern zu kaempfen, aber ich ueberlebte es und seltsamerweise hatte ich keine Angt. Aber nach zwei Jahren merkte ich, es ist genug. Ich liess das Boot einfach herrenlos in einem Binnenhafen zurueck. Erst wollte ich es verkaufen, aber der Kaeufer war mir nicht sympathisch. So liess ich es lieber fuer irgendjemanden, der es findet und ging nach Frankreich zurueck. Ich war eine zeitlang hier und dort und kam dann in diese Region. Nach sechs Monaten in einem anderen Dorf, hat mir der Besitzer den Stall verkauft. Er hielt darin Schweine. Er hatte Landwirtschaft studiert, brachte es jedoch in der Praxis nicht weit. Er ist eher so etwas wie ein Loser, aber sehr sympathisch.“

Er zeigte mir Bilder wie der Stall vorher aussah.

„Das ist echt ein Segen. Vorher habe ich laengstens acht Jahre irgendwo gewohnt, aber diesmal glaube ich, ich bleibe laenger. Es sind schon sechs Jahre, die ich hier bin. Frueher war ich heroinabhaengig, zwei Jahre. Ich habe gedealt. Mir blieb nichts anderes uebrig, denn ein Geschaeft, das ich vorher hatte war pleite gegangen und so durfte ich offiziell fuenf Jahre lang keine Geschaefte betreiben. Ich habe jedoch rechtzeitig den Absprung geschafft. Dann war ich Alkoholiker fuer fuenfzehn Jahre. Ich war immens dick.“

Er zeigte mir ein Foto, auf dem er nicht wiederzuerkennen war.

„Ich schaffte es, durch die Anonymen Alkoholiker mit dem Trinken aufzuhoeren.“

Er legte mir das Buch der Anonnymen Alkoholiker mit dem Zwoelf-Schritte-Programm auf den Tisch.

„Ich ging oft zur Selbsthilfegruppe, auch nachdem ich schon geheilt war. Um Zeugnis abzulegen. Ich habe auch andere Leute dorthin gebracht. Auch lernte ich die Makrobiotik kennen. Das hat mir geholfen. Viel Getreide zu essen, Obst und Gemuese. Yin und Yang auszugleichen. Die maennliche und die weibliche Energie. Die moderne Zivilisationskost hat zu viel Yin. Doch ein zu viel an Yin ruft Depressionen hervor. Mit der Makrobiotik kann man viele Krankheiten heilen. Eine Freundin von mir hat sich damit von einer schwierigen Infektion geheilt. Sie hat eine zeitlang nur Reis gegessen, danach ging es ihr besser. Sie hat den Reis fuenfzig Mal gekaut und ihn dann praktisch getrunken. ‚Trink deine Speise und esse deine Getraenke‘ heisst es. Ich benutze nur biologischen Vollkornreis. Das ist besser. Und wir trinken zu viel.“

Es gab Kuerbissuppe zum Abendessen, Reis und gedaempftes Gemuese. Echt lecker.

„ Die 68er haben uns ziemlich befreit. Wir lebten nach Wilhelm Reichs Gedanken einer sexuellen Revolution. Und hatten anarchistische Ideale.“

Ich gaehnte vor Muedigkeit.

„Du kannst hier schlafen, wenn du willst.“

„Ja, o.k.“

Am Morgen gab es Getreidekaffee.

„Oh, lecker. Die letzte Zeit dachte ich daran, dass ich frueher Getreidekaffee getrunken habe. Ich trinke naemlich derzeit zu viel Kaffee.“

„Ich nehme den zum Filtern. Ich lasse ihn ein paar Tage lang im Topf und gebe ein paar Loeffel frisch hinzu. Nach ein paar Tagen werfe ich alles weg.“

„Ich fuehle mich wirklich gut damit, besser als mit Kaffee.“

„Ich kann dich zu dem Freund von dir fahren.“

„Wenn es dir nicht zu weit ist, wunderbar.“

Er fuhr mich bis zum Dorf in der Naehe von Albert. Ploetzlich lag Schnee auf der Fahrbahn.

„Du kannst mich hier herauslassen. Ich kann das Stueck laufen. Es ist nicht mehr weit.“

„Gerne. Ich habe mit dem Auto Angst mit dem Schnee.“

So lief ich bei herrlichstem Sonnenschein durch die halbverschneite Landschaft. Als ich ankam, dachte ich, Albert sei nicht da, denn sowie Vorder- als auch Hintertuere waren verschlossen. Auf mein Klopfen reagierte niemand. So setzte ich mich in die Sonne und schrieb ihm einen Brief. Doch gerade als ich gehen wollte, kam er, um seinen Briefkasten zu leeren.

„Da bist du ja. Ich dachte, du waerst nicht da, weil die Tueren abgeschlossen sind.“

„Ich muss die Tueren jetzt abschliessen, wegen dem Postboten. Die Hunde machen die Tueren ja auf und fallen den Postboten an. Er hat sich schon beschwert. Komm rein. Magst du einen Kaffee?“

„Ja gerne. Ich habe naemlich heute bisher nur Getreidekaffe getrunken. Ich wollte eigentlich schon frueher kommen, um Weihnachten herum, aber ich dachte, da sind sicher deine Kinder bei dir.“

„Ein Teil meiner Kinder ist weg. Einer ist in den USA und einer ist nach Australien geflogen. Wir haben uns vorher alle getroffen und Weihnachten gefeiert. Mein Sohn ist dann mit der letzten Maschine bevor sie den Flugverkehr wegen Schneegestoeber eingestellt haben weggeflogen. Und in Australien ist er gerade rechtzeitig vor den Ueberschwemmungen woandershin gefahren, wo es keine Ueberschwemmungen gab. Es gefaellt ihm gut. Die Leute scheinen offen und tolerant zu sein. Bloss mit Patricia gibt es enorme Probleme. Ich habe sie schon lange nicht mehr gesehen. Sie sagte, sie wuerde die Kinder finanziell unterstuetzen, da sie ja als Krankenschwester arbeitet und Geld verdient, aber sie haelt sich nicht daran. Sie tut einfach nicht, was sie sagt. Ausserdem luegt sie jeden an, sogar auf ihrer Arbeit. Zu mir sagte sie, sie wuerde mich verlassen, weil sie eine Zeit fuer sich braucht. In Wirklichkeit hat sie einen anderen. Sie gesteht sich viele Dinge einfach nicht ein. Sie zeigt sich nur von ihrer positiven Seite und verdraengt die negative, die dann irgendwann durchbricht. Es ist extrem. Die Leute auf ihrer Arbeit bekommen das auch langsam mit.

Und ich muss nun 600 Euro im Monat fuer das Haus abbezahlen, weil sie sich nicht mehr daran beteiligt, von 900 Euro im Monat, die ich zum Leben habe. Das Haus ist auf Kredit gekauft und es ist erst im Jahre 2021 abbezahlt. Wenn ich es verkaufe, bekomme ich wenig Geld dafuer. Ausserdem moechte ich es gerne behalten, damit  die Kinder mal etwas haben.

Aber etwas ganz anderes. Ich habe ein Buch gekauft Der Orgon-Akkumulator nach Wilhelm Reich.“

Er legte mir das Buch auf den Tisch.

„Ich habe nur kurz reichgeschaut. Es gibt schon ganz kleine Apparate zum Selbstbauen.  Man kann damit nicht nur das Pflanzenwachstum foerdern sondern auch die Wolken von Kernkraftwerken in eine andere Richtung lenken. Es wird bloss Aluminium dabei verwendet und Aluminium ist meiner Ansicht nach nicht gut. Mich interessiert es weniger fuer mich persoenlich, als fuer den Garten und die Umgebung.

Es gibt gerade ein schmales Baendchen, das in den Buchhandlungen ausliegt. Es heisst „Empoeren Sie sich!“ Es ruft quasi dazu auf, Widerstand zu leisten.

Ich war letzt bei einer Versammlung eines Vereins hier in der Naehe. Es sprach ein Mann, der eigentlich einen guten Eindruck machte, doch dann sah ich seinen Sohn: Da wusste ich schon alles. Es gibt Menschen, die hoeren nicht auf ihre Kinder. Ich habe am Ende des Vortrags etwas dazu gesagt, aber mir wurde gleich der Mund verboten. Sie sind alle verdorben diese Vereine. Jetzt gehe ich nirgendwo mehr hin. Es hat keinen Sinn. Ich warte, dass die Leute zu mir kommen.“

Wir sprachen noch ueber dies und das bis spaet in die Nacht. Ich schlief im Zimmer einer seiner Soehne, in dem das Poster eines Jedi an der Wand hing: Der Jedi hatte sich von einer wunderschoenen Frau abgewandt und trug ein Schwert aus Licht in der Hand. „Ein Jedi kennt weder Wut, noch Hass, noch Liebe“ stand daneben.

Am naechsten Tag nahm Albert mich ein Stueck mit, des Weiteren lief und trampte ich bei herrlichstem Sonnenschein zurueck.

Ich wollte eigentlich am Markttag in die Stadt trampen, aber mich nahm keiner mit. Auf einmal fuehlte ich mich wie ein Idiot. ‚Er hat zwei Autos und ich trampe mit meinen Rueckenschmerzen und allem. Geht es noch? Ich fahre mit dem Auto‘. Auf dem Weg sprach mich an der Bushaltestelle ein Mann mit einem Stirnband an:

„Gibt es keinen Fahrplan?“

„Doch, er muesste dort haengen. Ach nein, sie haben ihn rausgenommen. Aber ich kann dich mitnehmen, ich fahre in die Richtung. Ich wollte trampen, aber keiner nahm mich mit. So fahre ich mit dem Auto.“

„Ich kann mich am Benzin beteiligen. Mit fuenf Euro.“

„Drei Euro sind genug.“

„Ich gebe dir trotzdem fuenf. Wuerde ich ein Taxi nehmen, kaeme es mich viel teurer. Ich nehme zwar kein Taxi, aber trotzdem. Man muss nicht meinen, es sollte alles umsonst sein.“

„Wohnst du hier?“

„Nein, zwei Doerfer weiter. Es ist jedoch gar nicht gut dort. Ich habe mich provozieren lassen. Es war mein Fehler. Ich habe nur an mich gedacht, nicht an die anderen. Jetzt muss ich dafuer bezahlen. Entweder mit Gefaengnis oder mit der Psychiatrie. Ich gehe lieber ins Gefaengnis, als mich mit Medikamenten todstellen zu lassen.“

Da der Markt noch nicht zu Ende war, setzte ich mich gemuetlich auf ein Maeuerchen in die Sonne. Der Verkaeufer vom Bio-Stand neben mir sprach mich an: „Die Leute essen zu einseitig, das macht sie auf Dauer krank. Es ist notwendig, viele verschiedene Lebensmittel zu essen. Das haelt gesund.“

Nachdem ich mich mit Obst und Gemuese versorgt hatte, fuhr ich zum  Hypermarkt. In der dortigen Buchabteilung lag in grosser Anzahl das schmale Baendchen mit dem Titel „Empoeren Sie sich!“ aus, von dem mir Albert erzaehlt hatte. Am Schluss stand das Zitat, das sinngemaess besagt: „Kreation ist Widerstand, Widerstand ist Kreation“.

Am Abend sahen wir den Film „Die letzte Versuchung Christi“. Ich wollte eigentlich nicht so recht, habe ich keinen Draht zu Filmen, aber Raphael ueberzeugte mich mit den Worten:

„Der Film ist fuer dich. Mit Musik von Peter Gabriel. Er ist hervorragend. Er zeigt Jesus aus einem anderen Blickwinkel.“

Also gut, ich tat es mir an. Viele Dinge darin gefielen mir nicht, vor allem die Darstellung  Maria Magdalenas, die ihn erst bespuckt, dann vor einer ganzen Schar Maennern herumhurt (wo gar nicht erwiesen ist, dass sie eine Hure war), Jesus nach der Kreuzigung, die er ueberlebt hat heiratet und dann nach Gottes Willen stirbt, um Jesu den Weg zu einer Familie mit einer anderen Maria zu eroeffnen. Aber eines war interessant: Der Schutzengel, der waehrend der Kreuzigung zu Jesus sprach und ihn dazu bewegte herabzusteigen und weiterzuleben, hatte sich in einen Teufel verwandelt. Am Ende seines Lebens sieht Jesus dies ein und beschliesst, rueckwirkend doch als Retter am Kreuz gestorben zu sein.

„Als der Film herauskam, gab es einen Aufstand, vor allem von der Kirche. Ein Kino, das ihn ausstrahlte hat gebrannt und ich bin genau zu dem Zeitpunkt als das Kino brannte daran vorbeigegangen.“

Neues vom Vagabundenblog

So, mein Blog geht endlich weiter, nach vielen Monaten Pause. Diesmal auf neuer Plattform, aber unter altem Namen. Der alte Blog ist bei myspace zu finden. Das e-book davon auf Scribd (siehe meine Links). Und nun viel Spass beim Lesen!

Letzt kam Lola mit einer Freundin zu Besuch.

„Ab Maerz aendert sich etwas Entscheidendes. Wofuer man frueher 20 Jahre warten musste,  das wird nun ab 9. Maerz alle 18 Tage moeglich. Das hat mit dem Mayakalender zu tun. Er soll ja am 28. Oktober 2011 aufhoeren.

„Das habe ich auch gehoert“, meinte Raphael. „Gestern haben wir den Film ‚Milarepa‘ angesehen. Phantastisch.“

„Der tibetische Buddhismus uebernimmt viel von den Plejaden. Ich bin mehr an Orion und Sirius orientiert. Weniger an den Plejaden. Jesus hat viel von Sirius. Er kam von Sirius. Die Bewohner anderer Planetensysteme haben Lebewesen auf die Erde geschickt. Sirius zum Beispiel die Delphine.“

Sie sagte noch viele andere Dinge, von denen ich wenig verstand, ausser dem Satz: „Der Tod ist mein bester Freund. Er weist mir den Weg ins Leben.“

Raphaels naechster Besuch, diesmal ein aelterer Herrn mit grauem Vollbart sprach ueber das gleiche Thema: „Dreizehn Jahre lang hat mich der Tod tagtaeglich begleitet.“

Auf einmal hielt ich es nicht mehr aus in meinem Dorf. So fuhr ich mit dem Wohnmobil in den Ort meiner Hoehle, in dem ich damals angekommen war. Dort traf ich René.

„Eben war deine Ex-Freundin bei meinem Freund zu Besuch und jetzt treffe ich dich.“

„Ich bin eigentlich gerade am Wegfahren. Mir hat jemand eine Wohnung fuer ein paar Tage zur Verfuegung gestellt. Ich will die Schluessel holen. Und danach ziehe ich in eine Wohnung hier im Dorf. Ich habe es satt, nirgendwo fest zu wohnen. Und mein Bus ist unbewohnbar. Und das ist dein neuer Bus?“

„Ich bin gerade dabei, ihn meinem Freund abzukaufen. Ich muss jetzt jedoch jede Woche auf einen anderen Parkplatz fahren. Und ich habe keine Heizung. Das ist jetzt im Winter zu kalt.“

„Du kannst noch froh sein. Eigentlich darf man nach dem neuen Gesetz mit dem Wagen nur noch 48 Stunden auf einem Platz stehenbleiben. Sprich doch mal mit Heidi vom Campingplatz. Kennst du Heidi?“

„Ja, ich habe sie im Sommer kennengelernt.“

„Dein Bus steht direkt an dem Kreuz. Da ist doch das Kreuz.“

Er lief um meinen Wagen herum.

„Kennst du die Geschichten von hier?“

„Nur das, was man mir erzaehlt hat.“

„Ich kenne auch nur die Geschichten, die man mir erzaehlt hat, aber das sind viele. Hier hinter dem Kreuz zum Beispiel hat man eine Hoehle entdeckt. Mit einem Sarkophag und anderen Dingen. Da kam das Militaer und hat alles abgeholt. Eine Freundin von mir war dabei und hat es mit angesehen. Danach haben sie die Hoehle zugemauert.

Heute Abend ist ein Konzert von ein paar Leuten hier in der Strasse. Ich mache mich jetzt aber auf den Weg bevor es dunkel wird. Ich trampe. Mein Bus ist seit zwei Monaten kaputt.“

Als ich die Strasse entlanglief, traf ich Marcel.

„Hey Marcel, René hat mir gerade erzaehlt, heute Abend gibt es ein Konzert.“

„Ja, aber es sind gerade nicht viele Leute da, die meisten sind in die Grosstadt gefahren zur Demonstration gegen das neue Gesetz, nach dem man nicht mehr in Tipis, Jurten, Huetten, Bussen und aehnlichem wohnen darf und man die Gemeinden dazu zwingen will, solche Unterkuenfte zu zerstoeren.  Ich koche gerade eine Suppe. Willst du mitessen?“

„Oh ja, gerne.“

„Es sind noch zwei Frauen da, eine davon aus England. Komm einfach in einer halben Stunde vorbei.“

Ich ruhte mich ein wenig im Bus aus, bevor ich zu ihm ging.

„Ich habe ein bisschen Brot mitgebracht, ein paar Joghurts als Nachtisch und Saft zum Trinken.“

„Oh, klasse. Das ist Susan und das ist Gabrielle.“

„Und du, wohnst du hier?“ fragte Gabrielle.

„Ja, ich bin seit einem Jahr in der Region.“

„Ich kam letzten Juli. Ich habe bei einem Englaender gewooft. Es war klasse. Es gab nur wenig zu tun. Er wollte eigentlich nur jemanden bei sich haben. Dann hat er eine junge Frau kennengelernt und jetzt ist er ganz gluecklich und hat mit ihr ein Kind, “ berichtete Susan.

„Hast du Kinder?“ fragte Gabrielle.

„Nein.“

„Wer Kinder hat, ist fast ausschliesslich mit ihnen beschaeftigt. Kinder erfordern enorm viel Aufmerksamkeit“, stellte Gabrielle fest.

„Und was machst du so?“ fragte mich  Marcel.

„Ich dumpstere. Ich ernaehre mich von dem, was ich finde. Ich habe bevor ich in die Region kam nahezu ohne Geld gelebt. Jetzt lebe ich allerdings wieder mit ein wenig Geld. Ich beteilige mich an den laufenden Kosten bei den Leuten, die mich beherbergen. Da sie alle arm sind, moechte ich nicht auf deren Kosten leben. Und in der Tat, um ein Zuhause zu haben, braucht man Geld. Das ist der Punkt.“

„Susan hat auch in Spanien ohne Geld gelebt.“

„Nein, ich hatte ein wenig Geld, aber diejenige, die mit mir reiste, hatte keins. Man hat es ihr gestohlen. Aber wir wurden die ganze Zeit eingeladen. Es war super.“

„Du hast so lange Haare“, schwaermte Gabrielle.

„Ja, selbst wenn ich sie schneide, wachsen sie schnell.“

„Ich habe meine Haare letztens abrasiert“, meinte Susan.

„Wolltest du Nonne werden oder hast du dich von deinem Freund getrennt?“

„Ich habe sie abrasiert, nachdem ich sieben Tage gefastet habe. Zusammen mit einem Freund, der mitgefastet hat. Wir hatten beide schon vorher die Idee und haben sie dann umgesetzt. Ich fuehle mich viel besser. Ich brauche mich nun nicht mehr um meine Haare zu kuemmern.“

„Na ja, es ist nicht umsonst, dass sich die buddhistischen Moenche die Haare scheren. Ich halte es jedoch eher mit den Sikhs, die sich gar nicht ihre Haare schneiden.“

Nach dem Essen legte sich Marcel hin und ruhte sich aus. Ich nutzte die Gelegenheit, um zu gehen und bei Alex vorbeizuschauen.

„Da kommst du ja endlich!“ empfing er mich. Eine ziemlich verkracht aussehende Gestalt mit dunkler Ausstrahlung sass neben ihm auf dem Sofa.

„Darf ich dir vorstellen: Bernd.“

„Ach, du bist der Deutsche, der in einem Bus wohnt. Ich habe dich mal im Wald stehen sehen.“

„Ja, das bin ich.“

Die beiden starrten auf den Bildschirm, auf dem gruselige Szenen zu sehen waren.

„Was tut Ihr Euch das an?“

„Wieso, das ist ein guter Film. Bist du mit dem Fahrrad da oder zu Fuss?“

„Mit einem Bus. Ich bin gerade dabei, den Bus von meinem Freund zu kaufen, aber er ist noch nicht auf meinen Namen angemeldet. Aber die Polizei in meinem Dorf geht mir auf die Nerven. Jetzt wollen sie, dass man alle sieben Tage den Standort wechselt. Erst sagten sie meinem Freund acht Tage, aber am achten Tag kamen sie morgens vorbei und klopften an die Tuer. Ich hatte darin uebernachtet und machte mir gerade einen Kaffee. Ich machte nicht auf. Sie hinterliessen einen Zettel an der Tuer, man solle eiligst bei der Polizei vorbeischauen. Raphael ging hin und erklaerte ihnen die Situation. Dass ich bei ihm wohne und nur hin und wieder mal im Bus schlafe, weil seine Wohnung zu klein ist und ich ab und zu ein bisschen Luft brauche. Das Ganze geht vom Buergermeister aus. Die Leute im Dorf hatten Angst, dass die Busse bewohnt sind. Raphael hat sich naemlich einen neuen gekauft und die Polizei wusste nicht, dass er ihm gehoert. Sie dachten, wir waeren Traveller und es wuerden noch weitere Traveller kommen, mit Hunden und allem drum und dran.“

„Und?“

„Sie hatten Verstaendnis und gaben Raphael einen Plan, wo wir die Wagen parken koennen.“

„In deinem Dorf wollen sie grundsaetzlich nicht, dass man im Auto schlaeft. Das war dort schon immer so. Nicht mal in einem Wohnmobil. Da faehrst du halt 500 Meter weiter, da bist du aus dem Ort heraus. Man darf in deinem Dorf einfach nicht wohnen.“

„Ich war halt dort die ganze Zeit beherbergt. Ich weiss nicht, aber irgendwie fuehle ich mich, seit das neue Gesetz heraus ist, gar nicht mehr wohl.“

Bernd meldete sich zu Wort: „Es war per Gesetz in Frankreich schon immer verboten, im Auto zu schlafen. Das ist nicht neu. Ich hatte aber noch nie damit Probleme. Und ich bin nicht unauffaellig. Mein Hanomag faellt auf. Ich habe ihn  geschenkt bekommen. Meistens stehe ich jedoch im Wald. Da ist das Forstamt zustaendig, nicht die Gemeinde. Die kennen mich und lassen mich in Ruhe. Das neue Gesetz betrifft mich gar nicht.“

„Reden wir von etwas anderem,“ forderte Alex.

„Ach, was bin ich froh, dass ich aus meinem Dorf heraus bin. Ich fuehle mich dort irgendwie eingesperrt“.

„Das ist die Realitaet, die du dir kreiert hast. Du kreierst deine Realitaet selbst.“

„Nein, das sehe ich nicht so. Die Realitaet kreiert sich fuer mich, nach dem Gesetz der Resonanz. Und bietet mir Situationen, um daran zu wachsen. Du gehst von einer anderen Ebene aus.“

„Das eine schliesst das andere nicht aus. Du solltest mal Carlos Castaneda lesen. Die ganzen Buecher. Kennst du Carlos Castaneda?“

„Ich habe ein paar Buecher von ihm gelesen, aber sie haben mich nicht besonders angesprochen.“

„In ihnen ist das ganze toltekische Wissen zusammengefasst, das Jahrtausende geheim weitergegeben wurde. Carlos Castaneda kam als Anthropologiestudent zu den Naguals und wurde in das gesamte Wissen eingeweiht. Nachher sahen die Naguals, dass er anders als sie war, weil er nur drei Teile von etwas hatte, von denen die anderen vier Teile haben. Die Prophezeihung der Naguals besagte, wenn einer kommt, der nur drei  Teile hat, wird das gesamte toltekische Wissen an die Oeffentlichkeit gebracht. Und sie beauftragten Carlos, seine gesamten Aufzeichnungen zu ordnen und zu veroeffentlichen. Denn auch die Aufzeichnungen binden. Und jetzt versuchen die Tolteken, die kritische Masse zu erreichen, um einen neuen Bewusstseinszustand auf der Erde zu schaffen. Denn das alte System kann so nicht weitergehen. Es ist zu Ende.

Ich kann nur sagen, du kreierst deine Realitaet selbst. Ich hatte frueher ein Auto, das die Polizei grundsaetzlich immer angehalten und kontrolliert hat. Ich wurde staendig angehalten. Irgendwann hatte ich davon genug und habe meine ganzen Papiere verbrannt. Von da an wurde ich nie mehr kontrolliert. Drei Jahre lang. Dann kam meine Tochter und ich brauchte wieder Papiere. Ich habe gesagt, ich habe sie verloren und neue beantragt. Ich habe sie alle wiederbekommen.

Es gibt uebrigens einen interessanten Film ueber die Mission von uns Menschen. Nach ihm hat jeder von uns eine Mission. Der Hauptdarsteller rennt die ganze Zeit vor seinen Widersachern davon. Am Ende sind sie alle hinter ihm her und er rennt auf einen Abgrund zu. Als er am Abgrund ankommt, sieht er das Meer und hat eine dermassen schoene Vision, dass sich sein Energiefeld aendert und seine Widersacher ihn nicht mehr sehen. Sie rennen an ihm vorbei. “

„Aber was, wenn man seine Mission nicht kennt?“

„Es geht darum, sich zu kultivieren. Jeder von uns hat eine Mission.“

„Ich habe einen Blog geschrieben von meinem Leben fast ohne Geld und es jetzt im Internet als e-book veroeffentlicht. Es heisst „Vom Leben ohne Geld: Der Vagabundenblog“. Aber es findet keine Leser. Keiner weiss davon.“

„Wenn du es veroeffentlicht hast, reicht es doch. Fuer mich ist es nicht erstrebenswert von dem Muell der anderen zu leben. Fuer mich ist es eher etwas, von dem zu leben, was die Natur uns gibt. Wie ich, als ich nach Frankreich kam und kein Geld hatte. Da habe ich mich von den Pflanzen im Wald ernaehrt.“

„Aber es dauert bis man erstmal weiss, was essbar ist. Da muss man sich auskennen.“

„Das geht ganz schnell, wenn man Hunger hat und im Wald ist.“

„Aber mein Buch ist fuer die Leute, die Aengste haben, kein Dach ueber dem Kopf zu haben zum Beispiel.“

„Die Leute haben viele Aengste: kein Geld zu haben, keine Arbeit…“

„Gib mir mal die Webadresse“, meinte Bernd.

Ich schrieb sie auf einen Zettel und reichte sie ihm.

„Du hast gar keinen Computer“, stellte ich fest.

„Ich habe noch nie etwas mit Computern zu tun gehabt. Ich wuesste nicht, wozu ich einen braeuchte. Ich habe gegaertnert, da brauch man keinen Computer.“

„Na ja, ich sehe es als Werkzeug und Kommunikationsmittel.“

„Ich halte es eher mit der Telepathie: kein Telefon und keinen Computer. So, jetzt muss ich Euch aber rausschmeissen. Ich moechte ins Bett gehen. Du kannst ja morgen zum Fruehstueck kommen.“

„Ab wieviel Uhr?“

„Sagen wir ab zehn.“

Am naechsten Morgen kam ich zu ihm.

„Es ist schon zwoelf Uhr“.

„Ach, ich dachte, es waere zehn. Die Uhr beim Café zeigte zehn.“

„Die Uhren hier im Dorf gehen nach dem Mond.“

Er servierte mir einen Cappuccino. Bei meinem Blick auf ein Glas meinte er:

„Ich mache mir jetzt mein Waschpulver selbst. Das ist Asche aus dem Ofen mit Wasser aufgefuellt. Ich kam letzt auf die Idee. Was soll ich mir Waschpulver kaufen und die Asche wegwerfen?  Jahrhunderte lang haben die Menschen aus Asche Waschmittel gemacht. Und es funktioniert gut.

In England gibt es eine Frau, die wie im 18. Jahrhundert lebt. Sie macht alles so wie man es damals gemacht hat. Sie hat ihren Gemuesegarten und pflanzt alte Sorten an…

Aber ich wollte eigentlich ein bisschen an die Sonne gehen.“

Er zeigte mir sein uraltes Wohnmobil, das er gerade am Ausbauen war.

„Oh, schoen sieht das aus mit dem hellen Holz.“

„Ich habe alles mit Leinoel eingerieben. Das ist das beste Holzpflegemittel. Es kann allerdings bis zu drei Wochen dauern bis es trocknet.“

„Ich glaube, ich gehe noch ein bisschen spazieren und fahre dann zurueck.“

Wir verabschiedeten uns.

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