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Endlich in Spanien

Schliesslich trampte ich weiter. Mich nahm gleich ein Tunesier mit. Danach wartete ich etwas länger bis mich eine Spanierin aufgabelte. Sie hatte drei kleine Kinder auf der Rückbank sitzen, die sie betreute. Sie lud mich gleich zu einem fürstlichen Frühstück ein, mit Tee, Toast, Butter und Marmelade! Dabei erfuhr ich, dass sie den Zweijährigen schon beigebracht hatte, sich ganz ruhig miteinander zu beschäftigen und zu spielen. Ich war baff, dass ich all die Zeit, die ich dort war, kein einziges Geschrei hörte.

Als ich weiterfuhr, gelangte ich in eine kleine Stadt, in der ich mir die Kirche aus dem 12. Jahrhundert anschaute. Ein junger Pfarrer kam mir durch die Bänke entgegen und gab mir die Hand. Wir begannen, uns zu unterhalten. Er lächelte immer wieder, wenn er über Gott sprach. „Gott ist Liebe“, sagte er. „Wir Pfarrer in Frankreich verdienen wenig, nur 500 bis 600 Euro, aber das reicht schon.“

„Ich finde es gut wie das System hier ist, denn in anderen Ländern verdienen Pfarrer recht viel und somit ist es oft das Auskommen, das sie dazu bewegt, Pfarrer zu werden. Hier ist es wirklich der Glaube.“

„Ich bereite mich jetzt schon auf nächsten Sonntag auf die Messe vor. Um zu verinnerlichen worum es geht. “

„Ich kann ihnen das Evangelium von Maria Magdalena empfehlen,“ warf ich ein.

„Ja, es gibt viele Evangelien, auch von Thomas, von Philippus…“.

„Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen daraus vorlesen.“

„O.k.“

„Aber hier in der Kirche ist es etwas schattig.“ Es war schlicht und einfach zu kalt.

„Gehen wir raus“.

Wir setzten uns vor das Pfarramt und ich las ihm das Marienevangelium (http://indernachfolge.wordpress.com/2012/06/23/der-evangelium-der-maria-magdalena-von-jean-yves-leloup/) von vorne bis hinten vor, das ich in einer Kopie dabei hatte. Danach lud er mich zu Tee und Keksen ins Pfarrammt ein und zitierte mir sogar Sachen, die ich ihm gerade vorgelesen hatte. Er war ein Phänomen.

„Was mich immer erstaunt: in der Kirche sieht man immer nur alte Leute ausser in grösseren Städten vielleicht noch Studenten in der Studentengemeinde,“ liess ich verlauten.

„Wir haben zwei Generationen verloren. Und wenn die Kinder nicht die Basis vermittelt bekommen, wird es für uns später schwierig. Aber wir haben einige Menschen, die sich als Erwachsene taufen lassen.“ Er machte ein Gesicht, als wäre er sehr betrübt darüber.

„Ich finde das gut so. Es ist für mich so, wie es sein sollte. Die ersten Christen haben sich auch als Erwachsene taufen lassen. Sie haben sich aus freien Stücken dazu entschieden. Jesus wurde auch erst mit dreissig getauft. “

Er sprach dann sogar von den indischen Veden, die er offenbar kannte; ein wirklich erstaunlicher Pfarrer. Irgendwann kam dann jedoch die Zeit zu gehen und ich trampte weiter. In einem Dorf, in dem man mich absetzte kamen dunkle Wolken auf und ich entschied, zu bleiben. Ein älterer Herr in einem schicken Auto sprach mich auf dem Dorfplatz an. Ich erzählte von meinem Leben, dass ich heute schon zum Frühstück und zum Tee eingeladen wurde, dass ich 2009 ein Jahr lang ohne Geld lebte und jetzt mit ziemlich wenig. Er war ganz begeistert von allem. Danach sah ich wie jemand sein Wohnmobil milimetergenau vor seinem Haus parkte und sprach ihn an.

„Ich habe auch einen Campingbus. Ich lebe darin. Aber jetzt bin ich ohne unterwegs.“

„Und wo schläfst du heute?“

„Weiss ich nicht.“

„Du kannst bei mir schlafen. Meine Kinder sind nicht da. Komm rein. Ich habe noch ein paar Dinge zu tun. Fühl dich wie zuhause.  Mein Wohnmobil parke ich so nah am Tor damit mein Hund nicht rausspringt. Er springt nämlich jetzt über das Tor.“

Er war derjenige, der sich um die Grünflächen kümmert, deren Schönheit mir gleich aufgefallen war. Er machte uns was Leckeres zu Essen und ich hatte ein ganzes Kinderzimmer für mich alleine. Ins Internet durfte ich auch noch. Am nächsten Tag ging er auf die Arbeit und lud mich ein, noch länger zu bleiben, wenn ich gerne wollte und wenn nicht, einfach die Tür zuzumachen, wenn ich gehe. Was für ein Vertrauen! Ich entschied mich, zu gehen und hatte unglaubliches Glück: an dem Dorfplatz in dem winzigen Örtchen fuhren die ersten, die anhielten bis nach Spanien, genau dahin, wo ich eine Gemeinschaft von Leuten kannte! Ich konnte es kaum glauben, denn es war noch eine ganz schön lange Strecke.

Als ich bei der Gemeinschaft ankam, winkte mir einer der Älteren mit den Worten „I know you“ entgegen. „Immer noch auf dem gleichen Weg?“ schob er hinterher, nachdem er fertig telefoniert hatte.

„So you are homeless?“ sagte er tatsächlich, nachdem ich ihm von meinem Campingbus erzählt hatte. (Wo man genau das doch niemals einen Menschen ohne Zuhause fragen sollte).

„No, I’m homeful because I’m everywhere at home.“

Dann kam glücklicherweise Sarah, die ich gerne mochte und wir unterhielten uns den ganzen Abend. Aber mit ihnen oben im Zimmer schlafen wollte ich doch nicht. Es schliefen schon zwei Frauen darin und war mir eine Nummer zu heimelich. Aber auch im Zelt schlief ich nicht sehr gut. Am nächsten Tag sprach ich sie darauf an, dass ich mich wundere, dass sie ab und zu Fleisch essen. Was sie darauf antwortete, traf mich in Mark und Bein: „Man muss bei sich selbst anfangen…“

Immer, wenn ich irgendwas zu irgendwem sagte, was ich mich früher nie zu sagen getraut hätte, kam diese Antwort. Nicht sehr motivierend. Ich half in der Küche und beim Mandelmahlen, aber es kam gleich der Boss und meinte, es müsse schnell gehen, sie hätten es eilig. So verlagerte ich mich auf’s Geschirr spülen und sauber machen, denn unter Druck und Stress blockiere ich vollkommen. Wenn sie es eilig haben, dann mache ich lieber was anderes… Ich bin einfach nicht von der schnellen Sorte. Am nachmittag spazierte ich bei herrlichem Wetter durch die phantastisch schöne Gegend und am Abend hatte ich ein gutes Gespräch mit einer anderen Deutschen. Sie sagte: „Bei uns geht es darum, sich selbst ganz hinzugeben, seine Individualität ganz aufzugeben.“

Hm, klang ganz schön schwer. Sarah lud mich ein, dazubleiben. „Du musst nur bei unseren Treffen dabei sein. Die sind um sechs Uhr morgens und um sechs Uhr abends.“ Um fünf Uhr aufzustehen konnte ich mir allerdings zum derzeitigen Zeitpunkt überhaupt nicht vorstellen. Und so ging ich nach zwei Nächten wieder. Die zweite Nacht schlief ich übrigens auf der Couch. Als Entschuldigung meinte ich, es wäre nach dem Gespräch schon so spät gewesen und idass ich keine der andern aufwecken wollte. Insgesamt gedachte ich, lieber ein wenig auf dem Jakobsweg zu laufen. Sarah meinte zum Abschied: „Du kannst immer wiederkommen, auch wenn Du Not im Herzen hast und nicht unbedingt wegen der Gemeinschaft.“ Und ein Israeli, der mich auch schon von früher kannte, lud mich ein, zu ihrem nahegelegenen Ableger zu kommen. „Wenn Du länger bleiben und mitarbeiten willst…“

Neuere Internetseite: foodsharing.de

Im Dezember letzten Jahres ging eine neue Internetseite online, die Freeganer und Freeganerinnen vielleicht interessieren koennte: foodsharing.de. Hier koennen bestimmte Lebensmittel, die man gedumpstert oder sonstwie uebrig hat, anderen angeboten werden. Man kann sich auch verabreden, um gemeinsam zu Essen… Praktisch koennen die Angebote nach Staedten geordnet rausgesucht werden. In der Praxis ist zu sehen, wie es laeuft. Kann mir vorstellen, dass sich dadurch Kontakte zwischen Dumpsterern ergeben, die sich immer wieder austauschen. Das Problem werden wohl generell die weiten Wege in den Grosstaedten sein, die sich aufgrund eventueller Fahrtkosten wegen ein paar Kleinigkeiten nicht lohnen, denn wie ich sehe werden oft wirklich überwiegend solche angeboten. Ueberrascht hat mich allerdings der hohe Mitgliedsbeitrag von 60 Euro beim Verein, der ist weniger freegan. 60 Euro dafür, Sachen umsonst zu tauschen oder zu verteilen, na ja. Mir ist es ohne Internet sowieso noch lieber, Freunde, an die man gedumpsterte Sachen weitergeben möchte findet man doch immer.

Wer es ohne Mitgliedsbeiträge haben will, derfindet nicht essbare Sachen, die weggegeben werden unter http://alles-und-umsonst.de

Aktuell bin ich übrigens an einem Ort in good old germany, an dem auf einem Tisch in einem ganzen Häuserblock gedumpsterte Fressalien oder auch andere Sachen zum Abgeben einfach hingelegt werden und andere kommen vorbei und nehmen, was sie haben wollen mit. Finde ich super, denn so kann ich meine eigenen Sachen, die ich zu viel habe loswerden und finde anderes, das ich selbst nicht gefunden habe vor. Oder ich brauche erst gar nicht selbst loszugehen, weil genug zu Essen da ist. Äusserst praktisch…

Wieder unterwegs…

Durch glueckliche Fuegung hatte ich einen Platz gefunden, auf dem ich meinen Campingbus lassen konnte, denn mich draengte es dazu, mal wieder per Anhalter zu verreisen. Der erste, der mich mitnahm, hatte ein Fernglas auf der Ablage liegen.
« Ich liebe Voegel. Aber was mich hier nervt, ist die Landwirtschaft. Diese immensen Felder. Sehen Sie diese Metalldinger da?”
“Ja, ich habe sie hier in der Gegend zum ersten mal gesehen. “
“Sie sind zum Bewaessern. Furchtbare Dinger. Denn die Felder muessen eine bestimmte Groesse haben, damit man sie benutzen kann. Deshalb faellen sie die Baeume und legen die Felder zusammen. Und ohne Baeume gibt es keine Voegel mehr. Kein Leben.”
Wir naeherten uns einem gelben Rapsfeld.
“Wie schoen”, entfuhr es mir.
“Raps ist das Schlimmste. Da werden die meisten Pestizide eingesetzt. Dort drueben sind Baeume, die ich gepflanzt habe. Und fuer jede Baumreihe, die ich gepflanzt habe, wird anderswo eine Reihe gefaellt. Vor allem alte Baeume, zweihundert Jahre alt. Die ganzen Tiere, die dabei sterben. Es ist vollkommen unverstaendlich. So ein alter Baum erhaelt die Artenvielfalt und ist doch so viel wertvoller als ein junger.”
“Das ist alles nur wegen dem Geld. Gaebe es kein Geld, wuerden sie die alten Baeume nicht faellen.”
“Genau, wegen Geld tun sie alles. Ich hasse Geld. Wirklich! Es wird Zeit, dass sich etwas aendert.”
“Ich dachte, 2013 wuerde sich alles aendern.”
“Das habe ich auch gedacht. Aber es hat nicht gestimmt. Wir brauchen eine Revolution! Aber schon de Gaulle hat gesagt, die Franzosen sind zu bequem, um auf die Strasse zu gehen. Es geht nicht um mich, aber um meine Kinder. Mein Leben ist vorbei.”
Wir waren an der Autobahnauffahrt angekommen.
“Ich hoffe, ich sehe Sie wieder!”
Es gab keine Autos auf dieser Auffahrt, aber es standen zwei LKW’s vor der Mautstelle und einer der beiden nahm mich mit bis zur naechstgroesseren Stadt, von wo aus ich gut weitertrampen konnte. Am nachmittag erreichte ich eine Metropole und lief durch die Stadt bis mich ein junger Typ ansprach.
“Du bist mir aufgefallen; wie du durch die Strasse laeufst ist so leicht. Und ich fuehle mich neben dir wie transformiert. Wie ein Kind. Ohne zu denken. Das ist nicht oft, dass man so jemanden trifft. Ich wohne achtzig Kilometer von hier und muss langsam zurueckfahren. Manchmal mache ich eine Tour mit dem Fahrrad. Dann fuehle ich mich frei. Ich werde dich nicht vergessen.”
Als ich weiterlief wurde ich regelrecht in einen Park gefuehrt, in dem eine Gruppe von Studenten zusammen musizierten. Es war eine wunderschoene Musik mit Gesang in einer mir unbekannten Sprache. Ich setzte mich ein Stueck weiter ins Gras. Irgendwann tippte ich auf griechisch. Als einer der Studenten bei mir vorbeilief, sprach ich ihn an.
“Es ist griechische Musik. Ich bin allerdings Brasilianer und in Franzoesisch Guayana aufgewachsen. Ich studiere seit fuenf Jahren hier. Mein Mitbewohner kommt aus Zypern, deshalb bin ich hier.”
“Ich genoss die Musik sehr. Sie ist so schoen. Und man hoert so selten eine ganze Gruppe in der Oeffentlichkeit spielen. Kostenlos meine ich.”
Als er das zweite Mal vorbeikam, fragte er mich nach meinem Leben und ich erzaehlte ein wenig.
“Und was machst du jetzt?”
“Ich war gerade dabei zu ueberlegen, ob ich zu einem ehemals besetzten Haus gehe, einer Kuenstlerfabrik, in der ich schon Mal war, aber es ist etwas weit weg.”
Ein Freund rief ihn an und lud ihn zu sich ein.
“Ich habe aber keine Lust, so weit zu ihm zu laufen,” meinte er.
Ich ging tatsaechlich schauen, ob ich vielleicht sogar mit dem Bus zur Kuenstlerfabrik fahre, aber ich entschied mich dagegen. Als ich wieder zurueck zum Park kam, traf ich den Brasilianer, der gerade am Gehen war.
“Ich bin zurueckgekommen; ich dachte, dass es besser waere, hier im Park zu uebernachten.”
“Du kannst bei mir schlafen. Ich hatte eh keine Lust, alleine nach Hause zu laufen. Ich wohne nicht weit von hier.”
“Oh fein!” Ich freute mich sehr.
“Ich studiere Musik hier. Die Stadt mag ich sehr. Es ist angenehm, hier zu wohnen. Und durch meinen Mitbewohner bin ich an die Gruppe gekommen und wir machen nun seit einigen Jahren Musik zusammen.”
Sein Mitbewohner empfing uns mit der Nachricht, dass gleich noch drei Freundinnen vorbeikommen zum Schlafen.
“Sie haben die letzte Metro verpasst.”
Es kamen tatsaechlich noch drei junge Maedchen, waehrend ich am Laptop des Brasilianers im Internet surfte. Ich schlief recht gut auf dem Sofa. Am Morgen klaerte mich der Mitbewohner ueber die Musik auf.
“Sie kommt aus dem unteren Volk und besingt Drogen, das Gefaengnis und natuerlich die Liebe. Oft unglueckliche Liebe, die nicht erwidert wird. Die Musik ist schon sehr alt. Die Urspruenge stammen aus dem 18. Jahrhundert und die Texte vom Anfang des 20. Jahrhunderts.”
Spaeter kamen die griechischen Maedchen dazu. Zwei davon studierten hier, die dritte war zu Besuch.
“Wir wohnen weit draussen im Studentenwohnheim in winzigen Zimmern. Und weil wir die Metro verpasst hatten, schliefen wir hier.”
Nach dem Fruehstueck packte ich meine Sachen zusammen, um zu gehen. Beide Bewohner luden mich ein, jederzeit wiederzukommen. Ich lief ein ganze Weile durch die Stadt, bis ich anfing zu Trampen. Einer der Fahrer lud mich am spaeten nachmittag ein, bei ihm zu uebernachten.
“Ich nehme oft Tramper mit und biete ihnen an, bei mir zu uebernachten. Schauen Sie es sich an.”
Er zeigte auf den Garten.
“Es ist schoen, aber ich habe kein Zelt dabei”, gestand ich ihm.
“Ich kann Ihnen eines geben. Das koennen sie behalten.”
“Wie toll! Ich dachte gerade heute, dass es ein Fehler war, mein Zelt nicht mitgenommen zu haben.”
Ich bekam sogar noch eine Decke und eine phantastisch dicke Unterlegmatte geliehen. Wir assen auf der Terrasse mit Blick zum Sonnenuntergang und unterhielten uns ueber Gott und die Welt.
“Es gibt ein Sprichwort, das besagt: Gehst du einen Schritt auf Gott zu, dann kommt er dir drei Schritte entgegen und suchst du ihn wirklich, dann kommt er dir entgegen gerannt,” sagte er.
Ich schlief wunderbar und am naechsten Tag nach dem Fruehstueck zog ich weiter. Mein Weg fuehrte mich an einem Wallfahrtsort vorbei, wo mich mein hollaendischer Fahrer an einem Supermarkt absetzte. Dort sah ich gleich das Wohnmobil von meinem alten Freund André auf dem Parkplatz stehen. Er kam mir sofort entgegen, denn er hatte mich durchs Fenster gesehen. Die Freude war gross, auf beiden Seiten. Er lud mich natuerlich ein, bei ihm im Wohnmobil zu uebernachten und wir assen von seinem gedumpsterten Sachen.
“Ich gebe jetzt nicht mehr den einzelnen Leuten, was ich zu viel habe, sondern den Schwestern”, liess er mich wissen. Und er erzaehlte mir, wie er in Tschechien war bei einer Freundin von ihm, in Rumaenien bei den Zigeunern und in Spanien in der Wohnung einer belgischen Freundin, die er spaeter in ihrer Heimat besuchte.
“Sie wohnte in einem Schloss! Die ganze Strasse gehoert ihrer Familie. Aber die Zeit, die ich mit ihr verbrachte war die Hoelle ! Und seit ich mit einer Rumaenierin zusammen bin, will keiner mehr etwas von mir wissen. Die Tschechin ruft nicht mehr an und die Belgierin sagte am Telefon nur: ‘Pass auf dich auf!’ So habe ich keine Freunde mehr ausser dir. Dabei habe ich mir vorher gesagt: ‘Niemals wuerde ich mit einer Rumaenierin zusammen sein!’
“Sage nie nie.”
Er erzaehlte noch, wo er sonst noch ueberall rumgefahren war.
“Ich habe jetzt 330 000 Kilometer auf dem Tacho. Ein Jahr lang kam ich nicht hierher. Ich hatte die Handwerker bei mir zu hause. Aber ich wohne nicht in meinem Haus. Ich wohne im Wohnwagen. Ich bin verloren. Ich bin verrueckt.”
“Nicht schlimm,” erwiderte ich spontan.
Am naechsten Tag lief ich mitsamt Rucksack eine Radelstrecke entlang. Ein junger Typ baggerte mich an und ich lud ihn ein, mit mir zu laufen.
“Ich arbeite in einem Hotel in der Kueche. Morgens fuenf Stunden und abends fuenf Stunden. Macht zehn Stunden am Tag. Und ich habe nicht regelmaessig frei. Manchmal arbeite ich acht Tage hintereinander. Ich verdiene 1500 Euro. Ich bin einunddreissig. Und ich kann froh sein, wenn ich einmal im Jahr meine Eltern besuchen kann, denn hier wohnen meine Adoptiveltern. Aber ihnen darf ich nichts davon erzaehlen, wenn ich zu meinen Eltern fahre. Sonst habe ich ein Gespraech von vier Stunden. Den einen darf ich nichts von den anderen erzaehlen, sonst sind sie eifersuechtig. Aber jetzt sind wir genug gelaufen. Wollen wir nicht umdrehen?“
„Wenn du willst. Fuer mich war es gar nichts. Ich laufe jeden Tag zwei Stunden. Auf meiner letzten Arbeitsstelle, die ich hatte, sagte mir der Arzt bei der Einstellung: ‚Sie koennen arbeiten, aber Sie muessen etwas zum Ausgleich tun. ‚Ich ging am Anfang oefters joggen, aber irgendwann habe ich das vernachlaessigt. Und schliesslich wurde ich nach mehreren Jahren Arbeit so krank, dass ich gar nicht mehr arbeiten konnte. Und jetzt tue ich das, was ich schon damals haette tun sollen: Ausgleichen; in dem ich jeden Tag in der Natur spazieren gehe. Ich erzaehle Dir das, der du so viel juenger bist, damit du nicht den gleichen Fehler machst… »
Und fuer mich war es, als waere ich genau am selben Punkt wie vor viereinhalb Jahren…

Vor und nach dem Weltuntergang

Es sind mehrere Monate vergangen, in denen sich die Ereignisse ueberschlugen und angesichts einer nur kleinen Leserschaft dieses Blogs gedachte ich, meine Lebensbeschreibungen komplett wegzulassen, aber nach all der Zeit der Pause fehlt mir die Weitergabe all dessen, was passiert ist doch. So moechte ich diesmal nur grob zusammenfassen, was so in den letzten Monaten passiert ist.

Ich trampte damals weiter Richtung Berge und mich nahm ein junger Italiener in einem kleinen Wohnmobil mit und lud mich ein, mit ihm zu kommen.

„Ich fahre zu einem Haus von Freunden, die in Thailand sind. Es ist ein Steinhaus im Wald, aber es gibt eine selbstgebaute Huette, in der du bleiben kannst…“

Ich blieb mehrere Tage in diesem Lehmhaus eine halbe Stunde Fussmarsch von der naechsten Strasse entfernt. Ich hatte fast nichts zu Essen mitgenommen, aber er versorgte mich und ausserdem gab es gerade ueberall Maronen, die die ein oder andere Mahlzeit ersetzten. Es regnete leider recht oft und durch die vielen Fenster konnte ich nicht sehr lange schlafen, aber trotzdem war ein lange gehegter Traum, in einem Lehmhaus zu wohnen, in Erfuellung gegangen.

Nach einigen Tagen zog ich weiter in ein anderes Tal, schlief mal in einer Jurte und wurde dann mitgenommen auf das Abschiedsfest einer Karavane von Leuten, die in Campingbussen zusammen unterwegs waren, um den Winter in Spanien zu verbringen. Ich blieb kurzerhand ein paar Tage bei ihnen in ihrem Gaestezelt, das sogar mit einem grossen Ofen versehen war. Sie hatten fuer zwei Monate ein Grundstueck an einem Fluss zur Verfuegung gestellt bekommen und dort zwei Bambuswaegen selbst gebaut, in denen Leute schliefen. Es war alles sehr alternativ und naturverbunden, aber ich wurde mit den Menschen nicht so richtig warm und so wusste ich, dass ich sicher nicht mit ihnen nach Spanien ziehen wuerde.

Es gab dann eine Pflanzenmesse, zu der die Leute von weit und fern kamen und dort traf ich auch meinen kleinen Italiener wieder, der mich einlud, in seinem Wohnmobil zu uebernachten und mir ein Zahnputzpulver herstellte. Von dort aus fand ich jemanden, der ganz in die Naehe meines Campingbusses fuhr und mich netterweise mitnahm. So war ich ploetzlich ganz schnell wieder „zu hause“. Nach sechs Wochen des Reisens und fast immer unter Leuten fand ich schoen, mal wieder an einem Ort fuer sich alleine zu sein, aber nach drei Tagen reichte es mir schon voellig. Ich traf meinen englischen ehemaligen Rainbow warrior wieder, der mir an seinem Geburtstag, den ich fast alleine mit ihm verbrachte seine sehr traurige Lebensgeschichte erzaehlte. In der Zeit, in der ich da war, war er infolge erhoehten Alkoholkonsums eines Abends hingefallen und hatte sich das Schluesselbein gebrochen, was nicht nur sehr schmerzhaft war, sondern ihn auch daran hinderte, viele Dinge zu tun. Er lud mich ein, bei ihm zu uebernachten, ebenso wie sein Nachbar unter ihm und so war ich bei beginnenden Minustemperaturen im Warmen.

Eine Woche vor Weihnachten fuhr ich dann zurueck ins Hippieland, wo ich eigentlich nur kurz bleiben wollte, aber es kam alles anders. Vom 20. auf den 21. Dezember besuchte ich Raphael, meinen Ex-Freund, der zu meiner freudigen Ueberraschung eine neue Freundin hatte. Wir feierten den Uebergang in ein neues Zeitalter durch eine Meditation um Mitternacht. Am naechsten Tag, zu dem der beruehmte Weltuntergang anberaumt war, fuehrte mich mein Weg zum Bioladen der Region, wo ich ein Frau traf, die ich fluechtig kannte, die mich jedoch zu einem Bhajanabend einlud in einem spirituellen Zentrum, das ich an seinem neuen Standort noch nicht kannte. Es waren viele Leute dort und war einfach phantastisch schoen, so dass ich schon bereute, in der Nacht ueberhaupt wieder zu meinem Bus gefahren zu sein, um darin zu uebernachten.

Es gab in den naechsten Tagen staendig wieder Veranstaltungen und wir waren eine kleine Gruppe von Menschen, die fast die ganze Zeit zusammenblieben und vieles gemeinsam unternahmen. So gingen wir mitten im Winter Unmengen von schwarzen Pilzen sammeln,  tanzten Kreistaenze zusammen, feierten Weihnachten und Sylvester. Und jeden Freitag gab es Bhajans. Bis zum sechsten Januar, dem Tag der heiligen drei Koenige blieben wir zusammen, dann ging jeder wieder seines Weges. Ich wurde von einer Frau, die ich im Oktober kennengelernt hatte eingeladen, bei ihr zu bleiben. Sie wohnte in einer Sozialwohnung und ich verbrachte dort zweieinhalb Wochen, meistens an meinem ipad, mit dem ich Internet empfing und halbe bis ganze Naechte durchsurfte. Ich war ploetzlich und aus heiterem Himmel auf Channelingseiten gestossen, die mich vorher nicht im geringsten interessiert hatten, aber diesmal verschlang ich sie regelrecht, um zu verstehen, was ablief. Viele waren enttaeuscht hiess es, dass sich die Welt nicht total veraendert hatte, fuer mich war jedoch die Zeit in Gemeinschaft mit anderen Menschen persoenlich eine vollkommene Veraenderung gewesen.

Auf dem Weg zurueck

Ich packte es dann, obwohl die beiden offenbar sehr traurig waren, dass ich ging. Wie ueberhaupt ueberall wo ich war mich die Leute gar nicht gehen lassen wollten.

Die zweite Frau, die mich mitnahm, fragte mich nach meinem Leben .

„Sie sind frei! Wir sind ja Sklaven, mit den Kindern, der Arbeit und allem. Das, was Sie leben ist die Freiheit. Ich freue mich, dass ich Sie kennengelernt habe. Da weiss man, dass es auch weitergeht, wenn es mal nicht mehr geht…“

Der naechste war ein netter Herr, der sieben Jahre bei der Fremdenlegion war.

„Tahiti. Da traf ich auch einen Mann, der von der SS war. 1982. Er fragte mich, ob ich Deutscher bin. Ich verstand nicht, warum er zur SS gegangen ist.“

Zum Abschied drueckte er mir einen Fuenf-Euro-Schein in die Hand, um mir was Warmes zu trinken zu kaufen. Ich kam an dem Tag bis genau zur selben Stelle wie letztes Jahr am zweiten Tag. Hier hatte ich mich unterkuehlt, was mir dann eine Erkaeltung bescherte. Ich ging an demselben Platz vorbei und verknackste mir den Fuss, aber es war nicht weiter schlimm. Beim Spaziergang durch die Stadt fand ich ein paar leere Huetten fuer den Weihnachtsmarkt, die offen waren und Leckereien von einer Baeckerei. Dabei traf ich einen aelteren Herrn, der sich ebenfalls damit versorgte. Ich setzte mich in den Bahnhof, um zu schreiben. Draussen lag auf einigen Autos noch Schnee.

Am naechsten Tag kam ich mit einigen laengeren Wartezeiten bis zu einer dieser wirklichen Grosstaedte. In einem Einkaufszentrum fand ich zwar Internet fuer’s ipad, aber keine Toilette. Die waren schon geschlossen. Man schickte mich zum Fastfoodrestaurant. Dort sass eine Farbige vor den Toiletten.

„Konsumieren Sie erst etwas bevor Sie die Toiletten benutzen!“ fuhr sie mich an. Natuerlich weigerte ich mich und ging veraergert davon. Beim Surfen im Internet sprach mich ein Menschenbuerger an, der mir eine Schlafstelle zeigen wollte. Bloss: was er mir anbot war mir zu dreckig und ungemuetlich. Irgendwann verabschiedete ich mich von ihm. Den naechsten traf ich auf der Strasse sitzend an. Er hatte den letzten Zug verpasst und war gezwungen, irgendwo zu uebernachten. Wir schliefen ganz gut in einem Wohnhaus, dessen Tuer offenstand. Wir wachten frueh auf, doch nicht frueh genug, denn zwei Bewohner liefen an uns vorbei zum Parkplatz, fuenf Minuten bevor wir alles zusammengepackt hatten. Er lud mich zum Fruehstueck in ein Café ein, wo wir mehrere Stunden verbrachten.

„Ich wohne seit zehn Jahren in einem Mobil-Home auf einem Campingplatz. Bei uns kommen auch viel Deutsche vorbei.“

Ich bekam zwei riesige Croissants und ein Pain au chocolat. Dazu trank ich sage und schreibe drei koffeinfreie Kaffee. Er trank derweil Weisswein.

Schliesslich pachte ich es dann doch und machte mich weiter auf den Weg. Ich kam gerade an der Ampel an, an der ich letztes Mal losgetrampt war, da machte mir einer ein Zeichen, ich moege zu ihm kommen. Er fuhr ein gutes Stueck weit und liess mich an einer Raststaette raus. Es regnete mittlerweile in Stroemen, genau wie sie es angesagt hatten. Eine junge Frau versuchte ebenfalls, auf der Raststaette zu trampen.

„Ich stehe schon lange. Es geht hier schlecht.“

Ich stellte mich an den anderen Ausgang. Ein paar Marokkaner sprachen mich gleich an.

„Wir koennen dich mitnehmen.“

Sie fuhren in meine fruehere Wahlheimat. So ging ich gleich zu Mehdi, der allerdings nicht aufmachte. Ich wartete am Parkhaus in der Naehe, da es immer noch regnete. Eine Frau gab mir sogar zwei Euro, weil hier normalerweise immer Bettler stehen. Schliesslich kam auch Mehdi. Er freute sich, mich zu sehen. Es war jedoch gerade ein Freund aus Algerien bei ihm zu Besuch, der mich ein wenig nervte. Die Wohnung war fuer drei einfach zu klein. Mehdi war seit ein paar Monaten ohne Arbeit und verbrachte seine Zeit auf der Suche nach Frauen im Internet.

Als ich beim Selbstbedienungsrestaurant vorbeischaute, um zu sehen, ob jemand dort war, den ich kannte, sah ich den iranischen Fensterputzer und setzte mich zu ihm. Er laberte mich Stunden mit seinem ganzen Schmonz voll. Er hatte all sein Geld nach Australien gebracht, wo er gerne hin auswandern wollte.

„Aber jetzt muss ich noch zwei Jahren in Frankreich bleiben, sonst wuerde ich gecatcht wegen Steuerhinterziehung.“

Und das, weil er dort mehr Zinsen bekommt. Er war schon zwei mal fuer sechs Wochen in Australien gewesen; einmal davon, um eine Internetbekanntschaft zu heiraten, was er dann doch nicht tat.

„Gestern habe ich meine Wohnung verkauft. Ich will mir eine Wohnung mieten und Wohngeld beantragen.“

Ich rastete kurzerhand aus.

„Du willst Wohngeld beantragen, wo du dein Geld beiseite geschafft hast, damit du mehr Zinsen bekommst?“

Noch dazu meinte er, sein Ziel waere, eine Frau fuers Leben zu finden und das, wo er mich nicht einmal zu etwas zu trinken eingeladen hat. Er selbst sass ja auf dem Trockenen. Es war jedenfalls alles zu viel fuer mich und wenn ich anfing, ihn zu hinterfragen, nahm er es als Kritik auf.

„Ich habe dich nicht nach deinem Rat gefragt!“

„Warum erzaehlst du mir denn dann das alles?“

Er begann, mich zu beschimpfen, mit welchen Leuten ich verkehre, stand auf und ging. Besser fuer mich, denn ich war echt an meiner Grenze angelangt.

Ich trampte am naechsten Tag weiter, allerdings so spaet, dass ich nicht so weit kam, um Leute zu besuchen, die ich kannte. Mein Fahrer setzte mich in der Naehe des Bahnhofs einer mir kaum bekannten Stadt ab und ich spazierte durchs Stadtzentrum. Irgendwann stiess ich auf eine Gruppe von Strassenmusikern, die gerade vor einem Restaurant spielten. Sie kamen zu mir und spielten ein Lied fuer mich, bevor sie mich einluden, mit ihnen zu kommen. Sie hoerten allerdings bald auf zu spielen und fragten mich, ob ich schon wisse, wo ich schlafe. Ein spanischstaemmiger Typ lud mich zu sich ein.

„Da hast du ein Zimmer fuer dich. Ich lebe in einem Haus. Mein Cousin holt uns ab.“

Wir gingen noch zur Wohnung, in der drei der Musiker wohnten, bis uns der Cousin abholte. Danach holten wir gemeinsam meinen Rucksack, den ich unterwegs hinter einem Gebaeude abgestellt hatte.

„Witzig“, meinte Pablo, „ein Cousin von mir wohnt keine fuenfzig Meter von hier entfernt. Ich habe zwei Cousins hier. Einer ist gerade bei mir und der andere wohnt hier.“

Diego, der auf Arbeitsuche hier war, weil es gerade in Spanien keine Arbeit gibt, erzaehlte mir am naechsten Morgen mehr aus Spanien.

„Viele Menschen verlieren derzeit ihre Haeuser und Wohnungen, weil sie die Hypotheken nicht bezahlen koennen. Ich bin auch dabei, mein Haus zu verlieren. Jetzt wuerde ich auch kein Haus mehr kaufen, sondern lieber eines mieten. Da kann man gehen, wenn man nicht mehr bleiben will. Aber dass man zulaesst, dass die Menschen auf die Strasse gesetzt werden, ist fuer mich unverstaendlich. Der Staat ist fuer die Banken und nicht fuer die Leute. Fuer mich sollten die Menschen an erster Stelle stehen und nicht das Geld. Europa ist fuer mich etwas ganz Schlechtes.“

Pablo kam mit Cowboystiefeln und im Bademantel ins Wohnzimmer. In bezug auf seine Cowboystiefel meinte er:

„Cowboystiefel habe ich schon als Jugendlicher entdeckt und keine anderen Schuhe mehr getragen.“

Ich machte mich derweil in Haus und Garten nuetzlich, wo es Unmengen zu tun gab.

Einmal ging ich mit den Musikern zusammen auf Tour durch die Stadt und sammelte Geld fuer sie ein, aber es machte mir nicht sehr grossen Spass. Sie hielten auch staendig an, um Bier zu besorgen, zu rauchen oder zu trinken. Wie ich erfuhr, waren alle ausser Pablo fuer kuerzer oder laenger im Knast gewesen, aber sie waren trotzdem nett, wenn sie nicht zu viel getrunken hatten. Alle ausser einem Ungarn, der sich grundsaetzlich nichts von Frauen sagen lassen wollte und deshalb in staendigem Konflikt mit mir stand.

Pablo stellte mich jedem als seine Verlobte vor.

„Du kannst bleiben solange du willst. Wenn du willst, dein ganzes Leben“, pflegte er zu sagen. Und: “Ich freue mich, dass du hier bist.“ Ich fuehlte mich auf jeden Fall gleich bei ihm wie zu Hause und mit seinem Cousin verstand ich mich auch so gut, dass er meinte:

„Michelle, ich moechte, dass du bleibst.“

Also blieb ich. Ich verschte einmal, zurueck zu Mehdi zu trampen, da ich meine Regenklamotten bei ihm vergessen hatte, aber weil es regnete, kam ich nicht entsprechend voran und kehrte auf halbem Weg um. Inzwischen hatte ich auch einen gelben Micky Mouse Regenponcho fuer Kinder als Ersatz gefunden.

„Findest du mich lustig?“ fragte Pablo mehrmals.

„Ich finde dich sehr lustig, aber deine Haare wuerden gerne einmal gebuerstet werden, sonst siehst du bald aus wie ein Rasta.“

„Ich bin gerne ungebuerstet. So meinen die Leute, ich waere ein Zigeuner. Es gefaellt mir, wie ein Zigeuner auszusehen. Ich buerste meine Haare nie.“

Als ich einmal mit Pablo kurz zu seinen Musikerfreunden gegangen war, traf ich einen Bekannten von ihnen auf der Strasse, den ich gerade in ihrer Wohnung begruesst hatte.

Er fragte:

„Du bist nicht dageblieben?“

„Nein, sie trinken. Aber du auch nicht?“

„Ich habe eine Freundin. Und man kommt irgendwann an den Punkt, an dem man sich zwischen Bier und seiner Freundin entscheiden muss.“

Am naechsten Tag erzaehlte mir Pablo, dass seine letzte Freundin nicht wollte, dass er mit dem Ungarn spielt.

„Sie wollte nicht, dass ich auf der Strasse spiele. In Bars schon. Und das ist immerhin sechs Monate her. Ich war 32 Jahre mit der Mutter meiner Kinder zusammen.Und ich haette nie gedacht, dass ich eines Tages alleine dastehe.“

Als wir eine Freundin von ihm besuchten, fragte sie nach der Begruessung:

„Was haelst du davon, wenn homosexuelle Paare Kinder haben; das heisst, sie adoptieren duerfen?“

„Darueber habe ich gerade heute nachgedacht. Ich finde es gut. Das waere sehr heilsam fuer alle.“

Spaeter erzaehlte mir Pablo, dass er mit ihr zusammen in der Klinik war.

„Auch sie hatte eine Depression und kam oft in mein Zimmer. Sie hatte einen Wasserkocher, den man nicht benutzen durfte, aber ich hatte meinen Schrank abgeschlossen und so machte ich dort Kaffee fuer alle. Es hielten sich immer viele Leute bei mir auf. Ihr Freund will allerdings nicht, dass sie trinkt, aber wenn er nicht da ist, trinkt sie ein wenig.“

Zu mir gewandt sagte sie:

„Pablo ist mein einziger Freund. Ich rede sonst mit niemandem. Kommt doch nochmal vorbei.“

Als ich ihr erzaehlte, dass ich zur Zeit weder rauche noch trinke, meinte sie:

„In fuenf Jahren bin ich auch so weit wie du.“

Im Internet entdeckte ich die Seiten von Christoph Fasching und begann, sein 40-seitiges Zukunftsszenario zu studieren. Ich war damit vollkommen einverstanden. Es war unglaublich postiv.

Pablo sagte, ich haette ihn geheilt und auch sein Cousin bestaetigte mir, dass es ihm nun viel besser gehe, seit ich da waere. Erstaunlich fuer mich war, dass er auf mich hoerte und Dinge tat, die ich vorgeschlagen hatte, wie zum Beispiel das Auto zu saugen, in dem noch die Fenstersplitter vom letzten Einbruch lagen oder eine Milch fuer uns zu kaufen statt mich zum Kaffee einzuladen… Er fand es gerade toll, dass ich ihm Auftraege gab, was er tun soll.

Eines Abends spielte er mit zwei Magnetkugeln. Sie naeherten sich einander an, um dann zusammenzukleben.

„Wenn beide positiv sind, stossen sie sich ab, aber wenn einer positiv ist und der andere negativ, ziehen sie sich an.“

Einmal besuchten wir zu dritt eine Lehrerkollegin. Sie tranken zusammen eine Flasche Wein und waehrend Diego mit unserer Gastgeberin draussen eine rauchte, ueberredete Pablo ihre Tochter auf charmante Art, dazubleiben.

„Komm, bleibe bei uns. Hoere dir nur ein Lied an, dann lasse ich dich in Ruhe.“

Genauso wie er mich zu allem Moeglichen ueberredete und genau wie viele Eltern ihre Kinder zu Dingen bewegen, die gar nicht deren eigenem Willen entsprechen. Ich sprach spaeter mit ihm ueber die Sache und er verstand mich auch, zumindest zeitweise.

Einen Tag unternahmen wir eine Tour in ein kleines Staedtchen in der Umgebung, wo wir eine seiner Ex-Freundinnen von vor langer Zeit besuchten. Sie war gerade knapp dem Tod entgangen, da sie wohl so etwas wie einen Darmverschluss hatte, der von ihrem Arzt nicht richtig diagnostiziert worden war.

Ich spazierte kurz vor Sonnenuntergang auf den Huegel hinter dem Haus, auf dem mich eine Madonnastatue aus Lourdes erwartete und lief anschliessend noch durch das Dorf. Nachher kam mir Pablo mit dem Auto entgegengefahren.

„Wir haben dich schon mit Taschenlampen gesucht!“

Sie waren mir jedoch nicht boese deswegen.

Fuer mich war es nach fast zwei Wochen bei Pablo an der Zeit, zu gehen. Ich wollte noch in einer Gemeinschaft vorbeischauen, in der es eine Wagenburg geben sollte, wie man mir in Deutschland erzaehlt hatte…

Von der Wahlmama zur Grossmama

Meine Wahlmama freute sich sehr, mich zu sehen.

„Du kannst ruhig drei Monate bleiben. Dann habe ich etwas mehr Ordnung hier in meiner Wohnung“, empfing sie mich und erzaehlte mir erstmal von ihrem Aufenthalt in Griechenland und auf Gran Canaria.

Ich ging noch dumpstern in stroemendem Regen und brachte eine schwere Tasche voll mit leckerem Essen, von Salat ueber Yoghurts bis zu verschiedenen Sorten Kaese mit, die Chips nicht zu vergessen.

Ihr Sohn Leonardo war umgezogen und wohnte nun neben ihr in einer groesseren Wohnung, war jedoch nicht da. Erst als ich das letzte Mal schaute, bevor ich meine Lagerstaett aufschlagen wollte, war bei ihm Licht. Und dabei war er schon im Bett, als wir bei ihm klingelten.

„Du kannst in meiner alten Wohnung schlafen. Die steht leer. Oder bei mir, aber ich habe keine zweite Matraze.

„Macht nichts, ich habe eine Unterlegmatte.“

Und so kam ich zu einer kleinen Studiowohnung ganz fuer mich allein. Mit Wasser, Strom und Heizung inklusive.

„Du kannst die Wohnung auch mieten. Fuer 320 Euro im Monat. Dann hast du wieder einen festen Wohnsitz. Wir gehen morgen aufs Amt“, sagten die Beiden.

„Moment Mal, ich will doch nur eine Nacht hier schlafen. Reden wir morgen weiter.“

Leonardo half mir noch, die Sachen fuer die Nacht herzubringen und schon nahm ich die neue Wohnung in Beschlag.

„Eine Wohnung ganz fuer mich allein. Diesen Luxus habe ich auch schon lange nicht mehr gehabt.“

„Morgen bin ich hier“, liess mich Leonardo wissen. „Ich muss die Sache mit meinem Telefonanschluss klaeren. Ich habe seit einem Monat kein Telefon und kein Internet. Ja, ich entwickle schon telepathische Faehigkeiten mit meinen Kunden.“

„Genau, so ist das. Mit jeder technischen Neuerung verlieren wir einen Teil unserer natuerlichen Faehigkeiten.“

Am naechsten Tag zeigte mir Geneviève Bilder von Griechenland und Fotos aus dem Konzentrationslager, in dem sie als Kind mit ihrer Mutter nach dem Krieg (!) war und von dem sie mir schon frueher erzaehlt hatte.

„Ich weiss nicht, warum wir da waren. Meine Mutter hat den falschen Zug genommen. Sie wusste nicht wohin. Wir waren Vertriebene. Aber das war kein Ort fuer ein Kind! Und was das Schlimmste dort war, war der Geruch der Desinfektionsmittel.“

Am naechsten Tag machte ich einen Ausflug zu jemandem, den ich bisher nur aus dem Internet kannte und der mir sehr sympathisch war. Der erste, der mich beim Trampen mitnahm, war ein Taxifahrer aus dem Osten.

„Steigen Sie schnell ein. Ich fahre jemanden abholen.“

Er fand den Osten viel besser und lebendiger, vor allem, weil es keine Sperrstunde gibt.

„Bei uns haben die Lokale bis morgens um vier, fuenf Uhr geoeffnet. Sie sollten mal sehen, was da nachts noch los ist. Und hier schliessen sie um zwoelf Uhr nachts. Da soll man nach Hause und ins Bett gehen. Wenn es drueben wieder Arbeit gibt, dann geh ich sofort zurueck. Ich bin frueher auch viel getrampt – bis zum Plattensee. Deshalb nehme ich sie gerne mit.“

„Meistens nehmen mich Leute mit, die selbst frueher getrampt sind.“

Ich kam danach nur schleppend voran, da das Wetter nicht gut war und ich die Landstrasse nahm. Fuenf Stunden brauchte ich fuer hundertfuenfzig Kilometer, allerdings war ich zwischendurch auch viel gelaufen. Ich klingelte bei dem netten Herrn aus dem Internet und stellte mich vor:

„Hallo. Ich bin Michelle vom Vagabundenblog.“

„Du hast doch in Deutschland noch einen anderen Namen, Silvia, oder nicht?“

„Genau.“

„Willst du was essen? Ich habe Wok-Gemuese gekocht.“

„Oh ja, ich habe noch nichts gegessen.“

Es war aeusserst lecker. Bloss danach forderte er mich gleich auf, abzuspuelen und Tee zu kochen. Dies bei anderen zu tun war ich gewohnt, aber nicht, dass mich jemand dazu aufforderte. Dann machte es gar keinen Spass mehr. Auch erzaehlte er fast nur, was ich eh schon wusste.  Nach dem Essen drueckte er mir ein Buch von Michael A. Singer mit dem Titel „Die unbaendige Seele. Ein Weg der Befreiung“ in die Hand.

„Das steht gerade auf meiner Buecherliste auf Platz eins. Es hat das Buch ‚Die neue Erde’ von Eckhart Tolle abgeloest.“

Er hatte naemlich noch was zu tun, lud mich dennoch ein, bei ihm im Gaestezimmer zu uebernachten. Er fuhr indessen zu seiner Mutter, die im Sterben lag.

Bei meinem Spaziergang durch die Stadt ging ich ausnahmsweise mal in einen Laden mit Computern rein und sah das ipad im Angebot. Ich hatte so etwas vorher noch nie in der Hand. Am naechsten Morgen erfuhr ich von meinem Gastgeber, dass seine Mutter in der Nacht verstorben war.

„Ich war der letzte, der sie gesehen hat. Ich bin froh, dass sie erloest wurde. Sie hat sehr gelitten die letzte Zeit.“

Ich merkte, dass ich mich nach dem Lesen hier und da in seinem Buch ganz anders fuehlte als vorher, staerker und mehr bei mir. Ich bekam noch eine Reihe von interessanten Zeitschriften mit auf den Weg, die er nicht mehr brauchte. Beim Zuruecktrampen landete ich diesmal auf der Autobahn auf einem Parkplatz, auf dem ein Mann mittleren Alters in einem blauen Mercedes-Cabriolet anhielt. Er wollte Absinth kaufen fahren und fuhr mich noch bis zurueck zu Geneviève. Dabei erklaerte er mir viel ueber Computer und ich erfuhr,  dass das ipad keinen USB-Stick hat, weil Apple will, dass man seine Daten zentral abspeichert. Fand ich weniger interessant.

Doch kurz bevor ich weiter auf Deutschlandtour gehen wollte und mich von Leonardo und seiner Mutter verabschiedete, liess ich das Angebot des ipads verlauten.

„Ich habe noch ein altes ipad, das mir mal runtergefallen ist“, meinte Leonardo. „Es geht noch. Ich kann es dir geben. Ich habe naemlich fuer wenig Geld ein Neues bekommen und das alte wollten sie wegwerfen. Da nahm ich es mit. Komm.“

Er zeigte mir ein paar Funktionen, loeschte seine Daten und ich war ab da stolze Besitzerin eines ipad. Ich blieb noch zum Mittagessen, dann machte ich mich auf den Weg Richtung Norden. Erst mit der S-Bahn bis zur Autobahnraststaette, wo mich nach etwas Warten jemand mitnahm. Es begann bald zu regnen und wurde bald dunkel, aber ausnahmsweise trampte ich trotzdem weiter bis mich drei Brasilianerinnen mit zu einem Flughafen nahmen. Sehr praktisch, denn hier konnte ich ganz in Ruhe im Warmen schlafen neben den vielen anderen, die hier uebernachteten. Beim Herumstoebern in einem Zeitschriftenladen gewahrte ich, dass ganzheitliche Zeitschriften wie Pilze aus dem Boden geschossen waren. Auch in der Kirche war ich kurz, ein angenehmer Raum.

„Was Christen auszeichnet ist, dass sie immer wieder neu anfangen koennen“, nahm ich als Botschaft mit auf den Weg. Klingt doch gut.

Nach einer nicht sehr langen Nacht versuchte ich zu Trampen – nichts. So fuhr ich mit der S-Bahn weiter und lief ein ganzes Stueck bis zum Friedhof mit den Graebern meiner Grosseltern. Sie sahen beide ziemlich verwaist aus und ich investierte direkt ein paar Euro, um sie etwas freundlicher zu gestalten, setzte aber auch ein paar gefundene, also freegane  Plastikblumen dazu. Ich versuchte weiter zu trampen, aber ohne Erfolg. Ueberhaupt war mir nicht ganz wohl dabei in meiner Heimatstadt. So fuhr ich lieber mit der S-Bahn ein Stueck und trampte spaeter weiter. Ein Typ in einem VW-Bus nahm mich mit. Er machte staendig Anspielungen.

„Ich bin noch zu haben… Ich wuerde gerne mit dir einen Tee trinken… Hier ist meine Telefonnummer, wenn du mal Zeit hast…“

Am Abend wusste ich nicht wo schlafen und druckste auf dem Bahnhof herum. Natuerlich hatte ich auf dem Flughafen nicht unglaublich lange und auch nicht sehr gut geschlafen. Weshalb die Aussicht auf eine harte und kalte Nacht weniger brickelnd war. Ich schaute schon auf dem Gleis, um eventuell zu Freunden zu fahren, als mich ein Behinderter ansprach.

„Das ist aber toll, dass ich dich treffe, wo du so mit dem Rucksack herumreist. Wo willst du denn hin?“

„Weiss ich auch nicht so genau. Ich wollte sehen, ob ich jemand mit einem Gruppenticket finde, um mitzufahren. Ich weiss nicht, wo ich uebernachten soll.“

„Du kannst bei uns uebernachten. Bei mir und meiner Freundin. Ich wohne drei Doerfer weiter. Der Zug kommt gleich.“

Ich nahm die Einladung dankend an und wir fuhren zusammen zu ihm.

„Ich war frueher viel beim Rainbow, bestimmt zehn, zwoelf Mal. Du erinnerst mich daran, wie schoen. Auch, dass ich jemand, der so unterwegs ist helfen kann, freut mich total.“

„Und deine Freundin ist auch nicht eifersuechtig?“

„Glaube ich kaum.“

Sie war wirklich nicht eifersuechtig und lud mich sogar ein, noch eine Nacht zu bleiben, nachdem wir den restlichen Abend zusammen verbracht hatten. Ich schlief lange und gut bis kurz nach zehn. Beim Fruehstueck unterhielten wir uns ueber unser Leben. Er hatte ein Jahr lang in Suedfrankreich Sozialarbeit studiert und war auch sonst gerne in Frankreich.

„Vielleicht koennen wir uns ja naechstes Jahr in Frankreich treffen…“

Ich fuhr indessen erstmal zu meiner Oma ins Altersheim. Sie war unglaublich klein geworden die letzten zwei Jahre, in denen ich sie nicht gesehen hatte. Wir tauschten Neuigkeiten aus und ich erfuhr weniger angenehme Geschichten. Sie lud mich ein, bei ihr auf der Couch zu uebernachten. Sie ging naemlich schon um sieben Uhr ins Bett. Ich ging noch spazieren und sie meinte, ich solle nicht zu lange bleiben, aber was sollte ich so frueh in einem Altersheim, ging ich gewoehnlich erst recht spaet ins Bett. So flog ich schliesslich aus dem Heim raus, weil ich meine Schuhe ausgezogen hatte, bevor ich nach dem Spaziergang zu meiner Grossmutter reinging und mich eine Schwester gesehen hatte. Das war ihr suspekt. Sie kam ins Zimmer und wollte meinen Ausweis sehen. Aber das reichte nicht. Sie wollte jemand von meinen Verwandten anrufen, wenn nicht solle ich gehen. Dass sie abends um die Zeit bei einem meiner Verwandten anruft, die ich Jahre nicht mehr gesehen hatte, wollte ich nicht. Es reichte auch nicht, dass ich die Vornamen all meiner Tanten nannte. Ich ging, um meine Sachen zu holen. Sie kam mit.

„Da brauchen sie aber nicht mehr wieder zu kommen.“

„Was?“ fragte ich.

„Tagsueber ja, aber nicht nachts.“

Sie fragte meine Grossmutter, die erwachte, ob ich ihre Enkelin sei.

„Ja, das ist meine Enkelin.“

„Und wie heisst sie?“

Meine Grossmutter verwechselte alle Namen die letzte Zeit und so auch meinen. Immerhin war sie 98.

Als die Schwester mich zum Ausgang begleitete, erklaerte sie mir:

„Uebernachten geht nur nach Voranmeldung, damit wir vom Nachtdienst bescheid wissen.“

So zeltete ich ganz in der Naehe. Das war viel schoener als im Altersheim. Es war mir dort drinnen eh zu warm und meine Grossmutter steht um sechs Uhr auf. Ausserdem hatte ich so mein Zelt nicht umsonst mitgebracht. Und warm war es noch dazu. Und Sterne am Himmel. Wunderbar.

back in good old germany

Ich bin also wieder zum Oekomuseum gefahren, habe den Bus abgestellt und bin zum See  getrampt. Ich kam zwei Stunden vor Abfahrt an und konnte so noch etwas spazieren gehen. Bernd hatte kein Geld mehr aus dem Automaten bekommen. Er war deswegen ganz aufgeregt.

„Ich habe noch Geld“, sagte ich, „kein Problem.“

„Was haette ich jetzt gemacht, wenn du nicht gewesen waerst? Ich haette nicht einmal genug Geld zum Tanken gehabt. So etwas darf einfach nicht passieren.“

„Du siehst, fuer dich ist schon gesorgt noch bevor du fuer dich selbst sorgen brauchst. Bei anderen Leuten ziehen sie manchmal die ganze Geldkarte ein. Gut, dass du die noch hast.“

„Ich habe schon meine Schwester angerufen und wollte auch mit der Bank telefonieren und mich beschweren, was das soll. Ich habe vollgetankt und damit kommen wir 800 bis 900 Kilometer weit. Und an Mautgebuehren brauchen wir auch einiges. Fuenfzig Euro habe ich noch.“

„Ich habe 200 und ein paar Gequetschte. Das reicht schon.“

Bernd fuhr und fuhr bis gegen zwei Uhr nachts. Da ich die Nacht zuvor vor lauter Aufregung wegen der Fahrt mit Traeumen ueber das, was ich mitnehme, nicht allzu lange geschlafen hatte, schmerzten mir schon die Beine vor Muedigkeit. So hielt Bernd an einer Raststaette an und baute die Angler-Feldbetten auf: eines fuer mich und eines fuer ihn. Wir schliefen bis gegen sechs Uhr in der Frueh und es ging weiter. Bernd haette mich noch viel weiter  mitnehmen koennen, aber ich musste erstmal den Schock, wieder in Deutschland zu sein verdauen und liess mich bald in einer mir bekannten Stadt absetzen. Wir suchten noch nach einer Bank, damit er mir das geliehene Geld zurueckgeben konnte. Er lieh sich 75 Euro und gab mir 90 zurueck. Ich freute mich sehr. Auch zu Essen bot er mir an, was ich gar nicht annahm, denn ich hatte noch Brot, aber sein Mineralwasser nahm ich gerne. Er fuhr weiter und ich lief erstmal durch die Stadt, um eine Toilette zu finden. Am Ende ging ich in die Universitaet. Dann lief ich zu meiner Freundin Giselle, die da war, allerdings ging es ihr nicht gut.

„Ich habe dich schon erwartet. Ich habe die letzte Zeit oefters an dich gedacht. Aber jetzt setze dich erstmal. Ich dachte, du kommst doch in der Regel einmal im Jahr und muesstest nun langsam auftauchen. Und dann hatte ich zwischendurch das Gefuehl, du kommst doch nicht. Und gestern Nacht klingelte das Telefon und da dachte ich am Ende, vielleicht warst du es, aber das konnte ich mir wiederum nicht recht vorstellen.“

„Nein, das war ich nicht. Und ich waere wirklich fast nicht gekommen. Ich habe schon bei Leuten abgesagt, weil ich die Sache aufgegeben habe und ploetzlich lernte ich jemand kennen, der mich mitgenommen hat und fand auch einen Platz fuer meinen Bus. Und lustig ist: letztes Mal warst du die Letzte, die ich besuchte und dieses Mal bist du die Erste!“

Sie war krank, hatte Kopfschmerzen, ihrer Meinung nach infolge einer Nebenhoehlenentzuendung.

„Ich habe gerade jemanden gebeten, zur Apotheke zu gehen, um mir Medikamente zu kaufen. Ich habe naemlich die Nacht nicht geschlafen.“

„Das kann ich fuer dich machen. Da kannst du dem anderen absagen.“

Gesagt, getan.

Danach erzaehlte sie besorgniserregende Dinge ueber Deutschland.

„Die Drei-Klassengesellschaft ist zu einer Zwei-Klassengesellschaft geworden. Die Armen werden immer aermer und die Reichen immer reicher. Und die Mittelschicht gibt es bis auf wenige, die sich gehalten haben, gar nicht mehr. Und Hartz IV ist so angelegt, dass man dort gar nicht mehr rauskommt. In Hartz IV ist jetzt der, der gerade seine Arbeit verloren hat, wie der, der schon lange keine mehr hat. Und sobald jemand fuenfzig Euro von irgendjemand geschenkt bekommt oder sich ein paar Euro dazuverdient, muss er das angeben und es wird von seinem Hartz IV abgezogen. Wenn er das nicht tut, gilt das als kriminell. So werden die Leute kriminalisiert.

Und vom Geld, das fuer die Arbeitslosen da war, haben sie Verwaltungsgebaeude gebaut, um die Leute zu verwalten. Aber die Arbeitsagenturen und Job-Center sind gar nicht dazu da, Leuten Arbeit zu vermitteln. Sie sind dazu da, Leute zu kontrollieren. Und es wird mittlerweile alles kontrolliert. So ging das Geld nicht an die Arbeitslosen, sondern wurde verbaut. Und jetzt duerfen die Leute fuer ein bis zwei Euro die Stunde arbeiten und auf der anderen Seite gehen Milliardensummen an die Banken, um sie zu retten. Obwohl die Banker eine gute Ausbildung genossen haben und genau wussten, was sie tun. Unsere Bundeskanzlerin hat das deutsche Volk verraten.“

„Verraten und verkauft. Aber sie tut genau das, was die Kraefte hinter den Kulissen wollen. Demokratie ist die Macht der Konzerne. Die Konzerne diktieren die Gesetze und die Politiker sind nur dazu da, diese abzusegnen.“

„Und dafuer verdient unsere Bundeskanzlerin gerade ‚nur’ einmal 220 000 Euro im Jahr – dabei sind die Dienstwagen und –zulagen nicht gerechnet.“

„Also nach all den Erfahrungen, die ich gemacht habe, auch ohne Geld zu leben, halte ich es fuer das Beste, wenn das bedinungslose Grundeinkommen eingefuehrt wird.“

„Aber da sind die Politiker dagegen. Und die Leute tun einfach nichts. Und guck dir mich an: ich habe Schulden abzubezahlen, weil ich meinen Vater selbst gepflegt habe und keinerlei Unterstuetzung bekam. Ich habe damals alles versucht. Aber er war offiziell nicht pflegebeduerftig, weil nur dement. Er konnte noch vieles selbst machen, aber musste eben irgendwann ins Heim und ein Heim kostet 6000 Euro im Monat. Seine Rente reichte dazu nicht aus. So habe ich all mein Geld da reininvestiert, auch meine Altersvorsorge.

Und die Kanzlerin hat den totalitaeren Ueberwachungsstaat kennengelernt, um ihn hier nun langsam einzufuehren. Und die Leute sagen nichts dagegen. Weißt du, dass es einen Sonnendaemon gibt? Hast du davon schon gehoert?“

„Nein.“

„Das ist wichtig zu wissen. Es gibt naemlich drei Teufel. Der rote, der weisse und der schwarze Teufel. Es sind die Gegenspieler zu dem Dreieck Vater, Sohn und heiliger Geist.  Luzifer ist der nahste Engel bei Gott, der alles kennengelernt hat und alles weiss. Der ist alles, was Ekstase und schnelle tolle Gefuehle ausloest. Auch alle Drogen und Rauschmittel. Dann gibt es den, mit dem alles ist, was mit Macht, Verstand und Geld zu tun hat. Der alles kontrollieren will. Der heisst Ahriman. Der war das, was in Nazideutschland war. Luzifer und Ahriman haben beide nicht die Liebe. Der Mensch hat ihnen die Liebe voraus und mittels der Liebe kann der Mensch die beiden besiegen.

Und dann gibt es noch den Sonnendaemon. Er ist der Gegenpart Gottes und will grundsaetzlich die Ausloeschung allen Lebens. Das erklaere ich immer den Leuten, die bei mir in Therapie sind. Und Jesus ist die Sonne. So ist es gut, sich mit der Sonne zu verbinden.“

Es war alles sehr interessant. Das Problem war aber: ich bekam heftige und sehr unangenehme Kopfschmerzen, denn ich nehme nicht selten die Krankheiten der Menschen auf, die mich umgeben. Ich musste raus. So ging ich Brot fuer Giselle einkaufen. Auf dem Weg stand auf einem Aufkleber „escape Gegenwind“. Das Gefuehl, dass es besser ist, abzuhauen, hatte ich auch. Giselle bot mir ihre Monatskarte bis Montag an und so ass ich nur noch bei ihr Kartoffeln mit Moehren, nahm schnell ein paar Sachen aus meinem Rucksack, die ich nicht brauchen wuerde waehrend ich einen heftigen Migraeneanfall mit Uebelkeit und Schweissausbruechen bekam und stob davon.

Am Bahnhof angekommen, wollte ich eventuell zu einer anderen Freundin etwas weiter  entfernt fahren. Es fuhr auch gerade ein Zug in die Richtung, also stieg ich ein. Doch er war zu voll und es gab keinen Sitzplatz. So schlecht wie es mir ging, wollte ich dann doch nicht fahren, um spaet anzukommen und auch nicht gleich schlafen zu koennen… So stieg ich eine der naechsten Haltestellen aus und legte mich neben den Bahnsteig auf meine Isomatte ins Gras. Zwei Minuten spaeter kam die Polizei. Zwei Beamten, die zwar nett waren und um mich besorgt, aber trotzdem meine Papiere verlangten, die sie ueber Funk ueberprueften. Ich fuhr mit dem naechsten Zug zurueck, um bei einer anderen Bekannten vorbeizuschauen. Sie war da.

„Du kommst mir etwas ungelegen“, sagte sie. „Ich mache gerade sauber.“

„Ich wuerde mich nur gerne hinlegen. Mir geht es so schlecht.“

„Da, diesen Teppich habe ich schon gesaugt. Du kannst auch die Kissen benutzen.“

Ich machte es mir bequem und begann ihr die Geschichte mit Giselle und der Polizei zu erzaehlen.

„Du, es wird mir zu viel. Ich fuehle mich ueberfallen. Ich brauche meinen Raum zum Saubermachen fuer mich. Ueberhaupt mache ich jetzt die naechste Zeit nichts. Ich habe zu vielen Leuten geholfen.“

„Mach dir keine Sorgen um mich. Ich finde es gut, dass du das merkst und nicht ueber deine Grenzen gehst. Mir hat heute jemand Geld gegeben, da gehe ich vielleicht ins Hostel.“

„Ich kann dir noch fuenf Euro dazugeben.“

„Nein, lass mal.“

Ich ging einen Stock hoeher und setzte mich in den Sessel, der dort stand bevor ich mich auf den Weg Richtung Hostel machte. Doch der erste VW-Transporter, der auf der Strasse stand, war offen.

So hatte ich eine trockene Unterkunft fuer die Nacht, denn es regnete staendig.

Den naechsten Tag verbrachte ich damit, von einer Ecke der Stadt zur anderen zu fahren. In einem etwas entlegenen Stadtteil schaute ich, ob eine fruehere Bekannte noch dort wohnte, die aber wie ich erfuhr, schon seit Jahren umgezogen war. Dann schaute ich mir eine verschlossene alte Wagenburg an und traf dort einen Typ, der ganz komisch drauf war. Er meinte dumpstern waere Diebstahl und er wolle sein Geld lieber ehrlich verdienen, sucht aber seit einem Jahr eine Wohnung und hat Schulden! Aber er wollte einen Verein gruenden, um erstmal sich selbst zu helfen…

Dann fuhr ich in den naechsten Stadtteil und fand gleich ganz viele Bau- und andere Waegen ueberall rumstehen. Noch dazu war da ein offener Gemeinschaftsbereich, in dem ich Feuer und ein paar Leute sah. Vier Frauen sassen um den Tisch und luden mich zum Essen ein, zu leckeren Nudeln mit Tomatensosse.

„Du hast Glueck. Hier ist nicht jeden Abend was los. Ich habe heute was gekocht fuer meine drei Freundinnen, die zu Besuch kamen. Sie wohnen auch in Waegen, aber nicht hier. Wir traeumen davon, irgendwann einmal zusammen zu wohnen.“

Wir waren den ganzen Abend zusammen und es war sehr schoen. Gegen ein Uhr nachts fragte mich die Bewohnerin:

„Hast du was zum Schlafen?“

„Nein.“

„Du kannst in dem Bauwagen hier uebernachten. Er ist von einem Jungen, der sowieso fast nie da ist. Es gibt nur keine Heizung.“

„Kein Problem.“

Ich wachte frueh auf – es regnete wieder. Ich stuerzte mich gleich an die Arbeit, um den Gemeinschaftsbereich etwas sauber zu machen. Mein Nachbar trank einen Kaffee und freute sich ueber meinen Einsatz.

„Ja toll, wir vermieten dir gleich was.“

„Ja, gerne.“

„Du kannst auch alles nehmen, was zu Essen da ist.“

„Ja, danke.“

Dann lernte ich einen Jungen kennen, der sich ebenfalls bewegt und nicht fix irgendwo steht.

„Letztes Jahr war ich in Portugal, aber dieses Jahr weiss ich noch nicht. Ich wuerde gerne in die Tuerkei, aber ich habe einen Sohn und der ist zum Teil auch bei der Mutter.“

Er gab mir die Wegbeschreibung fuer eine Wagenburg in Frankreich.

„Hier ist es nett. Die Leute sind locker“, schloss er.

Als ich Giselle die Monatskarte zurueckbrachte, kamen wir irgendwie auf das englische Koenigshaus zu sprechen.

„Maria Stuart war die letzte rechtmaessige Koenigin, bis sie sie umgebracht haben. Und Kaspar Hauser war auch so ein Fall. Es war das Haus Baden, das den eigentlichen Nachfolger ausgesetzt hat. Er wurde in einem Schloss in Dunkelheit gefangen gehalten. Spaeter wurde er von einem englischen Gentleman aufgenommen und in gute Kleider gesteckt. Als er erwachsen war, fragte sich Kaspar Hauser irgendwann, wer seine Eltern waren. Er sah seine Mutter eines Tages in einer Kutsche vorbeifahren und spuerte, dass sie es war und sie war wohl auch wie elektrisiert. Sie wollten ihn schon frueher umbringen, aber dann haben sie es doch erst spaeter getan. Das war das Haus Baden.

Wie auch die deutsche Revolution. Die haben naemlich ganz schoen rebelliert. Und es sah fast so aus, als wuerden sie gewinnen. Der preussische Koenig wollte schon abdanken. Doch dann holte sich Baden die Unterstuetzung vom Heer des russischen Zaren und von Oesterreich. Nur dadurch haben sie die Revolution besiegt.

Deutschland haette nach der Wiedervereinigung die Chance gehabt, das Positive von beiden Staaten zu uebernehmen und als Vorreiter fuer die Welt etwas voellig Neues aufzubauen. Aber sie haben ihre Chance verpasst. Der Kapitalismus hat gesiegt. So wurden ganze Firmen, Haeuser und Grundstuecke fuer einen Euro verkauft.“

Nach ausgiebigem Fruehstueck mit gedumpstertem Biozeug packte ich am naechsten Tag meine Sachen, um weiterzufahren. Trampen ging nicht, da es staendig regnete. Also ging ich zum Bahnhof. Bloss war mir die Fahrkarte zu teuer und die guenstigere Verbindung hatte ich verpasst. Ich wusste nicht, was tun. Ein aelterer Herr kam vorbei und fragte nach einer Zugverbindung. Ich machte seinen Zug ausfindig. Er setzte sich auf eine Bank.

„Was hatte ich fuer einen Tag!“ stoehnte er. „Ich habe meine Lebensgefaehrtin im Krankenhaus besucht. Sie hatte eine Hueftoperation und mit der Narkose ging es nicht gut aus. Nun ist sie in der Psychiatrie.“ Er weinte. Ich legte meinen Arm um seine Schulter.

„Vielleicht wird das ja wieder.“

„Das hoffe ich auch.“

Er beruhigte sich wieder.

„Ich nahm den Bus zum Krankenhaus. Es gibt zwei Busse; bei dem, den ich nahm, musste ich noch 300 Meter laufen. Und das im Regen. Dann waeren es nochmal 700 Meter bis zur Pforte gewesen. Zum Glueck haben sie mich dann hingefahren, als ich sagte, ich koenne nicht weiter laufen. Ich muesste mich naemlich auch operieren lassen. Aber ich wollte warten bis meine Lebensgefaehrtin sich von ihrer Operation erholt hat. Und jetzt das. Ich bin naemlich 79 und sie ist ebenso alt. Das ist Schicksal.“

Er hob den Kopf.

„Schauen Sie dort drueben die Leute. Alle starren sie auf ihr Handy.“

„Das ist mir gestern auch schon aufgefallen. Die Leute stehen nebeneinander und jeder spricht mit jemand anderem am Telefon, statt dass sie sich miteinander unterhalten. “

Als ich ihm erzaehlte, dass ich nicht wisse, was tun, weil mir die Fahrkarte zu teuer war und ich die guenstige Verbindung verpasst hatte, gab er mir Geld fuer die Fahrt. Ich musste nur zwei Euro fuenfzig zuschiessen. Gluecklich fuhr ich zu meiner Wahlmama.

Unverhofft kommt oft

Zum Duschen ging ins ins Vagabundencafe, blieb jedoch nicht lange, da mir die Leute zu unangenehm waren. Ich schaute bei der Kleiderkammer fuer die Armen vorbei und erstand einen kunterbunten Poncho. Als ich zurueck zum Parkplatz fuhr, traf ich Jay.

„Ich habe seit einer Woche aufgehoert zu Rauchen, doch mir geht es so schlecht. Die Sinusitis ist so stark; ich kann langsam nicht mehr.“

„Ich hatte letzt auch drei Tage aufgehoert zu rauchen und dann ging es mir so schlecht, dass ich dachte, da rauche ich lieber. Ich hatte grosse Attacken von Langeweile. Das Rauchen hat auch grossen Einfluss auf die Gefuehle. Jedes Mal, wenn ich aufhoere zu Rauchen, weine ich erstmal zwei, drei Stunden. Und ob es jetzt fuer laenger ist, dass ich aufhoere, weiss ich noch nicht. Ich sprach letzt mit einer Frau, die fuer drei Wochen aufgehoert hat. Ich bin noch nicht bei drei Wochen. Kann gut sein, dass ich dann wieder anfange. Es kommt auch darauf an, wie man aufhoert. Wenn man mit Gewalt aufhoert, funktioniert das nur fuer einen kurzen Zeitraum, aber nicht auf lange Sicht.“

„Aber ich muss aufhoeren!“

Ich versuchte ihn zu ueberreden, mit mir zum Bus zu kommen, um ihm ein wunderschoenes Kissen fuer seine neue Wohnung zu geben, das ich gefunden und repariert hatte, aber er wollte nicht.

„Ich bin heute keine gute Begleitung“, gab er mir zur Antwort.

„Du redest wie ich.“

„Nein, ich komme heute abend oder morgen vorbei. Du bist doch sicher morgen noch da.“

„Morgen gibt es fuer mich nicht. Es gibt nur heute.“

Nichts zu machen. Es kam dann einer dazwischen, der uns um einen Euro anbettelte, um sich einen Kaese zu kaufen.

„Ich habe Kaese gefunden. Ich kann dir welchen geben. Ich gehe ihn holen.“

Ich packte ihm noch zwei Tomaten mit ein und er bedankte sich vielmals.

„Ich bin seit 32 Jahren am Reisen. Eigentlich bin ich Italiener. Ich habe fuenf Kinder. Eines davon habe ich heute gesehen. Der Aelteste ist sechsundzwanzig, der Juengste sieben. Ich habe mein Leben gelebt. Jetzt mache ich Strassentheater mit Feuer. Heute Abend, wenn es dunkel wird, mache ich eine Auffuehrung auf dem Boulevard, falls du kommen willst…“

Er quatschte dann andere Leute an und verschwand.

Ich begann in jeder freien Minute Dan Millmanns „Way of the peaceful warrior“ zu lesen. Als ich auf der Wiese vor der Bibliothek in der Sonne sass, kam ein Mann vorbei und fragte, ob die Wiese nicht nass waere. Ich zeigte ihm, dass die Unterseite meiner Decke aus Plastik war und wir kamen ins Gespraech.

„Ich bin gerade angekommen nach zweieinhalbstuendiger Fahrt. Mein Sohn ist hier im Gefaengnis und ich gehe ihn nachher besuchen. Wenigstens habe ich es schon gefunden. Er hat zehn Monate bekommen, weil er mit einem Gewehr auf Zigeuner geschossen hat. Obwohl er niemand verletzt hat. Und in seiner Wohnung haben sie das Wasser und den Strom abgestellt.“

„Wenn Sie etwas brauchen oder ich Ihnen irgendwie helfen kann…“

„Ich werde erstmal was Essen und Tabak fuer ihn holen. Dann komme ich wieder. Falls Sie dann noch da sind…“

Als er weg war, dachte ich staendig daran, dass er vielleicht jemanden zum Haushueten braeuchte. Als er zurueckkam, bot ich ihm dies an.

„Ja, das koennte interessant sein, denn er hat niemand im Moment, der sich um seine Sachen kuemmern kann. Mit seiner Freundin ging es auseinander, die kann er auch um nichts mehr bitten. Ich gehe auf jeden Fall jetzt mal zu ihm. Wo kann ich dich nachher treffen?“

„Ich bin wahrscheinlich hier nebenan im Internet und wenn nicht in meinem Bus, der auf dem Parkplatz dort hinten steht.“

In der Sonne war es direkt noch zu warm. Ausserdem gab es Laermquellen von zwei Seiten: einer Baustelle und den Laubsaugern. So ging ich ins Internet bis er vorbeikam.

„Ich habe den Wohnungsschluessel nicht bekommen, weil der Zustaendige nicht da war. Ich muss morgen frueh wiederkommen. Das heisst, ich muss hier etwas zum Uebernachten suchen. Man hat mir eine Herberge empfohlen.“

Ich bot ihm sogar an, im Bus zu uebernachten und ich im Zelt, aber das wollte er nicht so recht annehmen.

„Ich bin behindert. Ich wurde zweiunddreissig Mal am Ruecken operiert und nehme Morphium jede Stunde; acht bis zehn Stueck pro Tag. Eine Packung kostet ueber dreissig Euro. Ich nehme fuenf am Tag mit je drei Stueck. Ich hatte einen Unfall mit vierundzwanzig Jahren. Seitdem bin ich behindert. Und ich habe nicht gerade viel Geld. Wenn dann mit meinen Kindern etwas ist, kann ich ihnen nicht mal helfen. Wenn es regnet, kann ich gar nichts machen. Die letzten zwei Tage hat es bei mir geregnet, da lag ich nur im Bett.

Normal bin ich sehr schuechtern. Ich rede mit kaum jemandem. Erstaunlich, dass ich dich angesprochen habe. Und ich bin immer zuhause. Heute habe ich viel gemacht.“

Ich begleitete ihn zur Herberge. Sie hatten jedoch nur noch ein Zimmer ohne Fernseher.

„Ohne Fernseher will ich es nicht. Ohne Fernseher kann ich nicht sein. Ich schlafe nachts nicht lange, vielleicht eine dreiviertel Stunde, dann wache ich auf.“

Am Ende nahm er ein teureres Studio mit Fernseher. Wir gingen noch etwas trinken, aber am naechsten Tag merkte ich, dass das zu viel des Guten gewesen war.

Ich wollte von all dem nichts mehr wissen und nachdem ich meine Flaschen mit Wasser gefuellt hatte, fuhr ich weg. In den Ort, in dem am Wochenende das Fest der Medizinalpflanzensammler stattfinden sollte.

Ich stellte mich auf einen der vorgesehenen Parkplaetze, auf dem noch andere Wohnmobile standen. An dem ganzen naechsten Tag lernte ich nur einen Menschen kennen, der mich nicht sonderlich interessierte und traf nur einen, den ich kannte: den schwarzen Eisverkaeufer. Er erzaehlte mir genauer wie es sich mit dem Nachbar von Dominique verhielt.

„Er war sauer, weil ich ueber sein Grundstueck gefahren bin.“

Am naechsten Tag traf ich immerhin noch den pendelnden Automechaniker und eine Spanierin, die mir Dominique einmal vorgestellt hatte. Pierre erklaerte mir genau wie viel Azeton ich in den Tank fuellen soll, um etas weniger Sprit zu verbrauchen und abgasfreundlicher zu fahren: zwei Zentiliter auf 10 Liter Diesel. Die Spanierin unternahm mit mir einen kleinen Spaziergang. Nachher schenkte sie mir Gemuese, das ihr Ex-Freund ihr gegeben hatte.

„Er arbeitet im Oekomuseum hier in der Naehe in einer Reintegrationsmassnahme. Sie lernen dort wie man auf einem Bauernhof arbeitet, um spaeter in der Landwirtschaft Arbeit finden zu koennen. Es ist sympathisch dort. Da koenntest du auch mal hinfahren. Es ist allerdings schon bergig. Es geht ziemlich bergauf von hier aus.“

Mir hatte letztes Jahr schon jemand von diesem Oekomuseum erzaehlt. Und eine Frau auf einem der Staende liess verlauten, dass letztes Jahr ein Campingbus fuer zwei Wochen dort auf dem Parkplatz stand. Ich konnte naemlich einen Abstellplatz gebrauchen, um meine Post holen zu gehen, die immerhin etwa 125 Kilometer weit entfernt war, zu weit, um mit meinem Bus hin-und wieder zurueckfahren.

Am Ende der Veranstaltung bekam ich von einem Autor noch ein Maengelexemplar ueber essbare Wildpflanzen geschenkt, worueber ich mich sehr freute. Und danach fuhr ich zum Oekomuseum. Ich fragte am Morgen, ob ich meinen Bus dort alleine stehen lassen duerfe.

„Gar kein Problem“, gab mir die Frau am Empfang freundlich zurueck.

So packte ich meine Sachen zusammen und machte mich auf den Weg, um meine Post zu holen. Ich lief die ganze Strecke bis zur naechsten Ortschaft zu Fuss, etwa sechs Kilometer weit. Es kamen drei Wagen an mir vorbei, die mich jedoch nicht mitnahmen. Alle anderen fuhren in die Gegenrichtung. Ueber Umwege landete ich an einem See, an dem ich noch nie zuvor gewesen war. Ich spazierte mit meinem Rucksack bepackt ein Stueck am Ufer entlang bis mich ein Hund ansprang und anklaeffte. Sein Herrchen kam gleich hinterher.

Es handelte sich um einen deutschen Angler aus Bayern, der mich einlud, bei ihm Platz zu nehmen und einen Tee zu trinken. Ich erfuhr, dass er am Ende der Woche zurueck nach Deutschland fuhr und bereit war, mich mitzunehmen. Ich wollte naemlich eigentlich schon den ganzen Sommer ueber nach Deutschland, aber mangels eines gescheiten Abstellplatzes fuer den Bus war ich dann doch nicht gefahren. Es war recht spaet geworden und so trampte ich zurueck, um am naechsten Tag einen erneuten Anlauf zu unternehmen. Diesmal gelangte ich ohne Probleme, aber auf groesseren Umwegen an den Ort, an dem ich schliess- und endlich die viel zu teure Autoversicherung meines Ex-Freundes kuendigte, was seit einem Jahr auf dem Plan stand, aber in Frankreich nur einmal pro Jahr, zum Stichtag eben, moeglich ist. Es war eine Unterschrift im Wert von fast tausend Euro, die ich leistete. Tausend Euro, die nun nicht mehr bezahlt zu werden brauchten.

In der Stadt meiner Postadresse traf ich einen entfernten Bekannten mit einer Dose Bier in der Hand. Ich dachte, er sei unter die Menschen ohne Zuhause gegangen, doch nein.

„Ich wohne jetzt hier in der Stadt. Das Haus, indem ich wohnte ist letztes Jahr durch den Schnee kaputtgegangen. Da war ich gezwungen, hierher zu gehen. Aber es gefaellt mir nicht. Ich wuerde lieber auf dem Land wohnen.“

Ein Typ mit ziemlichem Bauch, um nicht zu sagen Wanst gesellte sich zu uns.

„Und du bist auf der Reise?“ sprach er mich an.

Ich erfuhr, dass er im gleichen Dorf wie Raphael wohnte, bei einer Frau mit einer 26-jaehrigen und einer 18-jaehrigenTochter und das in einer Sozialwohnung.

„Im Dezember gehe ich weg. Vielleicht kannst du dann bei ihr wohnen. Du kannst heute bei mir schlafen, dann lernst du sie kennen. Ich uebernachte im Wohnzimmer auf einer Couch.“

Nachdem ich ein wenig aus meinem Leben erzaehlte, meinte er:

„Ich bin auch Nomade, aber mit fixen Orten. Ich habe zwei feste Orte in der Stadt, beides Squats und hier bin ich wegen meiner Tochter. Sie ist sechzehn und lebt in einer Gastfamilie bei einer Ballettaenzerin mit deren 18-jaehrigen Tochter. Mit der Mutter meiner Tochter bin ich noch locker befreundet. Uebrigens, wir koennen mit dem Zug fuer einen Euro zurueckfahren. Er faehrt um halb acht.“

Wir hatten noch eineinhalb Stunden Zeit und ich zeigte ihm den Park am Flussufer, der ihn jedoch nicht sonderlich interessierte. Im Zug trafen wir seine Mitbewohnerin, die, wie wir erst nach einiger Zeit feststellten, direkt neben uns sass. Es wurde ein netter Abend, bloss am naechsten Morgen rastete er aus. Erstens weckte er mich um viertel nach acht. Dann fragte er mich schon im Bett tausend Fragen, wie wann ich gehen wuerde und so. Was weiterging, nachdem er mit dem Hund zurueckkam. Als ich ihn bat, mit seinen bloeden Fragen aufzuhoeren, bekam er einen Totalausraster. Er hoerte gar nicht mehr auf zu reden: dass er in Brasilien zu fuenfzehn Jahren verurteilt waere, in Mexiko zu zehn und ich weiss nicht wo noch alles zu wie vielen Jahren, dass er ein famoeser Hausbesetzer sei, schon riesige Feuersaeulen gegen die Polizei errichtet hatte, wenn ich was mit ihm machen wuerde, dann auch Probleme mit der Polizei kriegen wuerde und und und. Er war aggressiv bis zum Anschlag, respektlos uns Frauen gegenueber, grenzueberschreitend und fast schon verletzend. Und er machte einem angst.

So machte ich mich lieber auf, um meine Post zu holen und trampte zurueck zu meinem Bus. Ich stellte mich auf den Wohnmobilparkplatz in die Stadt. Eine Frau in einem Kleinbus stand ebenfalls dort und ich kam mit ihr ins Gespraech. Sie brachte mich allerdings schon innerhalb von fuenf Minuten auf die Palme, indem sie ebenfalls lauter bloede Fragen stellte. Wie zum Beispiel, ob der Bus meine Zweitwohnung waere… Sie habe jetzt eine Wohnung hier gemietet.

„Ich finde alle Leute in unserem Alter sollten eine Wohnung haben.“

Ja, das fand ich auch.

„Ach, das soll man gar nicht sagen, oder doch? Gerade erst recht, um etwas zu veraendern,“ schob sie hinterher.

Dann ging es um Spanien, das im Winter waermer ist. Aber sie sah nicht einmal ein, dass Spanien wesentlich gefaehrlicher als Frankreich ist. Sie hatte einfach ueberhaupt keine Ahnung. Zum Glueck kam ein Auto angefahren und blieb mit laufendem Motor stehen. Der  Laerm stoerte sie derart, dass sie Tuer zumachte. Ich nutzte die Gelegenheit, abzuhauen, obwohl sie mich eingeladen hatte, in ihren Wagen zu kommen.

Dann sah sie mich, als ich mit dem Fahrrad wegfuhr.

„Faehrst du spazieren?“ fragte sie in einem dermassen bloeden Tonfall, dass es mir schon wieder reichte. Und als ich wiederkam und ihr ein Brot anbot:

„Brot, nein danke, ich esse nur bio, aber das ist nett. Klapperst du die ganzen Geschaefte ab und schaust in die Muelltonnen?“

Ich hatte keine Lust, auch nur noch einen weiteren Satz mit ihr zu wechseln und dampfte ab, um mir etwas zu Essen zu machen.

Am naechsten Tag begann ich zu packen bevor ich ins Internet ging und die Fotos von indischen Goettern ausdruckte, die mir Jay zugemailt hatte. Das Bild von Krishna und seiner Frau Radha hatte eine Groesse von exakt 66,6 Kilobyte, was mir nicht gerade Vertrauen einfloesste.

Am Abend schaute ich noch bei Tom vorbei, der sich offenbar ueber meinen Besuch freute.

„Ich habe seit gestern einen neuen Fernseher, schau.“

„Der ist aber interessant; ein Flachbildschirm. Er stoert mich gar nicht. Alle anderen Fernseher stoeren mich ungemein, wenn sie angeschaltet sind wegen der enorm negativen Energien, die sie ausstrahlen. Dieser jedoch ueberhaupt nicht.“

Ich fand die Bedienungsanleitung.

„Es ist ein LCD-Bildschirm, deshalb.“

„LCD? Genau. Mein Nachbar hat ihn gestern eingestellt.“

Tom schaute viel besser aus als zuvor.

„Wie geht’s dir?“

„Besser. Ich habe eine Siesta gemacht und sogar gegessen.“ Er laechelte.

Dann schaute ich mir wieder ein Buch ueber Drachen an. Auch hier stand die Geschichte von Tristan und Isolde und auch, dass in der westlichen Welt Drachen durchweg als boese angesehen werden, waehrend sie in China als Gluecksbringer gelten.

„Ich finde bloss ein Buch nicht,“ sagte er, „‘Der Pfad des friedvollen Kriegers‘.“

„Von Dan Millmann. Das habe ich. Das hast du mir gegeben. Ich habe es schon zu zwei Dritteln gelesen. Wenn ich es fertig habe, gebe ich es dir zurueck.“

Er gab mir Schokolade und ich ass fast die ganze Tafel.

„Ich selbst habe aufgehoert, Schokolade zu essen,“ berichtete er. „Meine fruehere Freundin hat mir ganz viele Tafeln gekauft. Sie sind alle noch da. Das ist sie, da auf dem Foto. Neben dem Tipi aus Plastik. In dem hat sie ihr letztes Kind zur Welt gebracht. Es ist auf einer Insel im Fluss, wo man nur durch ein Seil hinkommt. Kein Arzt wollte zu ihr kommen, als sie entbunden hat. Dann habe ich sie die naechsten Tage nach der Geburt jeden Tag ins Krankenhaus gefahren. Jetzt hat sie ein Haus gemietet, aber sie lebt kaum darin. Sie hasst es. Sie schlaeft mit ihren beiden Kindern in ihrem Bus. Der Grosse ist jetzt fuenf, die Kleine ein Jahr alt. Und sie kuemmert sich um die Beiden ganz allein. Sie hat sich vom Vater, einem Freund von mir, getrennt.“

„Sie sieht symphatisch aus. Ich wuerde sie gerne kennenlernen. Ja, mir scheint fast, ich wuerde sie kennen.“

Von ehemaligen Gefaengnisinsassen und Rainbow warriors

Mir gingen noch die Gespaeche mit meinen Strassenkuenstlernachbarn im Kopf herum.

« Wir duerfen unsere Autos jetzt nur noch 24 Stunden auf einem Parkplatz parken. Und es ist nicht mehr erlaubt, mit einem Menschen ohne Zuhause zu sprechen. Das ist ein Gesetz gegen wohnungslose Menschen, damit sie nicht mehr miteinander sprechen. Eine Frau bekam eine Strafe ueber 35 Euro, waehrend sie mit ihnen sprach.  Sie dachten , sie sei wohnungslos, doch sie war eine Studentin fuer Recht. »

« Und jemand erzaehlte mir letzt, es sei verboten als eine Gruppe von Leuten draussen zusammen zu sitzen, ausser im Sommer. »

« Gruppen von mehr als drei Personen sind verboten. Ich habe die ganze Zeit Probleme mit der Polizei. Wir sind in ganz Frankreich mit dem Bus unterwegs gewesen. Doch die schlimmste Region, wo wir die meisten Probleme mit der Polizei hatten, die gewalttaetiger als sontwo war, war im Suedosten. Und im Elsass checken sie alle Leute, ob sie Cannabis rauchen. So haben alle Leute dort, die wir kannten ihren Fuehrerschein deswegen verloren. Und dort ist so viel Polizei, dass sie einen frueher oder spaeter erwischen.

A propos Cannabis. Cannabis ist eine Pflanze, die umso besser THC produziert, je schlechter man sie behandelt. Wenn du sie in guten Boden setzt, wird sie nichts ; wenn du hingegen Sand in die Erde mischst, waechst sie gut. Erstaunlich nicht ? Es ist ein Unkraut.

Und wusstest du, dass die meisten Dinge in Frankreich einen von drei Firmen gehoert ? Kanalisation, Telekommunikation usw. Wenn du ein Haus baust, kommen sie und machen dir die Kanalisation. Du hast kein recht, dir dein eigenes System zu kreieren.

Aber in China stecken sie die Leute, die eine bestimmte Religion (Falun Gong – Anm. d. Verf.) verfolgen in Konzentrationslager und verkaufen all ihre Organe, wenn sie tot sind. Und eine beruehmte franzoesische Kosmetikfirma, die mit O. anfaengt, benuetzt Kollagen von Kadavern in ihren Cremes. «

Alles starker Tobak.

Auf dem Weg hielt ich kurz an einem Wohnmobilstellplatz und sprach mit den Besitzern eines Wohnmobils.

« Wir waren im Sommer am Strand auf einem Parkplatz mit vielleicht hundert Wohnmobilen  und in der Nacht raubten sie vier Wohnmobile aus. Unser Nachbar hatte keine Papiere und kein Geld mehr, einfach nichts. Nicht mal einen Fuehrerschein. Und wir anderen hoerten nichts. Sie spruehten Gas in die Fenster und so schliefen die Leute. Am Morgen wachten sie benommen auf und sahen, was los war. »

Danach besuchte ich meine Bekannte Dominique. Sie oeffnete die Terrassentuer.

« Ich bin krank. Ich habe Fieber und Angina. Aber wenn du mit deinem Bus hier bleiben willst, bist du willkommenn. »

« Ich bin eher vorbeigekommen, um dich zu besuchen und zu schauen, wie es dir geht. Brauchst du irgendwas ? »

« Nein, ich habe alles, was ich brauche, danke. Willst du einen Tee trinken ? »

« Ja, gerne. »

Sie schaute fern.

« Ich habe immer Probleme mit meinem Nachbarn. Er mag keine Hippies. Jetzt will er einige von meinen Freunden hier nicht mehr sehen. Einer davon ist der Schwarze, der das Eis auf dem Markt macht. Er wollte hier Haushueten, wenn ich unterwegs bin. Ich bin sogar auf die Polizei deswegen gegangen. Aber ich sprach nicht mit dem richtigen Polizeibeamten. Er wollte nicht, dass ich irgendetwas unternehme. Naechste Woche gibt es eine interessante Veranstaltung ueber Medizinalpflanzen in der Naehe. Dort moechte ich hingehen. Jetzt gibt es einen interessanten Dokumentarfilm ueber die Alpen. Den moechte ich gerne sehen. »

« Ich ziehe es vor, zu gehen und ein andermal wiederzukommen. »

« Du kannst auch deinen Bus hier lassen, wenn du ohne ihn reisen willst. Ueberlege es dir. »

Ich uebernachtete im naechsten Dorf bevor ich in die Stadt weiterfuhr. Als ich am Abend Wasser von einem Brunnen holte sprach mich ein junger Mann an.

« Du holst aber viel Wasser. »

« Ja, ich brauche viel Wasser. »

« Ich bin neu hier in der Stadt. Ich komme gerade aus dem Gefaengnis. Der Richter sagte, ich soll fuer fuenf Jahre hierbleiben. Aber es scheint eine sehr kleine Stadt zu sein. »

« Das stimmt. Aber es ist nicht der schlechteste Ort. Ich komme hin und wieder vorbei. «

« Jetzt bin ich seit drei Wochen auf der Strasse. Aber ich bin ein luxurioeses Leben gewoehnt.  Ich komme gerade aus der Grosstadt. Gestern war ich am Vagabundenrestaurant und dort wurde ein Freund von mir mit einer Axt geschlagen. Ich bin abgehauen und hierher gekommen. Ich glaube, sie suchen mich.

Und ein Freund von mir ist, als er von der Arbeit kam in eine Demonstration geraten und wurde mit dem Gummiknueppel auf die Nase geschlagen. Er sieht kaum noch was und wenn, dann nur ganz unscharf. Seine Augen sind rundherum blau fuer immer. Die Venen sind kaputt gegangen. Und es war sogar auf dem Video zu sehen, dass er nichts mit der Demonstration zu tun hatte und abseits war, aber das interessiert sie wenig. »

« Einer erzaehlte mir letzt, er war mit Freunden in einer Bar und da kam die Polizei mit Hunden vorbei und griffen sie an. Es war ganz klar provoziert. »

Ich nahm ihn mit auf Dumpstertour, fand an dem ueblichen kleinen Supermarkt aber nichts. Dann zeigte ich ihm, wo er fruehstuecken kann.

« Ich habe Autos geklaut und Benzin. Sie haben 12 Behaelter mit 500 Litern bei mir gefunden. Mein Vater war immer im Gefaengnis. Als ich fuenf Monate alt war, kam er in den Knast. Er hat jemanden todgefahren. Mit Absicht. Er war verrueckt. Ich sah ihn immer nur im Gefaengnis. Vierzehn Jahre war er dort, dann starb er. »

Er telefonierte immer wieder.

« Ein Freund hat mich eingeladen, zu ihm zu kommen. Er hat eine Wohnung. Ich habe nein gesagt. Ich bleibe lieber hier und schlafe draussen. Er meint, ich waere verrueckt. Aber er wohnt in einer anderen Stadt und kommt auch gerade aus dem Gefaengnis. Und ich habe aufgehoert zu rauchen und zu trinken. Ich moechte ein anderes Leben beginnen. «

Ich zeigte ihm noch, wo er im Trockenen schlafen kann, falls es regnet und er witzelte immer wieder, dass er sich frage wie er an eine Gefaengniszelle kommen kann fuer eine Nacht. Zwischendurch sprach er eine Wahrheit aus : « Die, die wenig haben teilen das, was sie haben und die, die viel haben geben nichts. »

Ich fuhr dann auf den Wohnmobilparkplatz und machte mir dummerweise beim Einparken ein Ruecklicht kaputt, genauer gesagt den Blinker. Ich reparierte ihn am naechsten Tag notduerftig mittels einem Fahrradreflektor, was ziemlich gut funktionierte.

Am Abend sprach ich einen Alt-Hippie an, der mir schon am Mittag aufgefallen war wie er in einer Jacke aus Regenbogenfarben auf der Terrasse einer Bar sass. Er hatte graue lange Haare und ein kleines Kopftuch auf. Er war Englaender und sprach nur rudimentaer franzoesisch. Doch er verstand mehr, als er sprach. Er lud mich gleich zu einem Tonic Water ein und ich erfuhr, dass er viel gereist war, vor allem auch in einem Bus.

« Ich hatte eine Freundin und wir sind zusammen gereist, aber dann habe ich den Bus verkauft. Dann hat sie mich verlassen und war mit meinem besten Freund zusammen. Ich habe sie einander vorgestellt. Ich habe auch zwei Jahre in Deutschland gelebt – in einem Bauwagen in einer Wagenburg. Ich habe in einer Bar gearbeitet. Jetzt bin ich schon dreizehn Jahre in Frankreich. Ich war Rainbow Warrior und habe auf Baeumen gelebt. Wir haben Tunnels gebaut und Fallen gestellt. Eigentlich wollten wir alle nach Spanien und einen Tunnel bauen, aber dann kamen wir hierher… Drei Jahre habe ich hier auf der Strasse gelebt. Jetzt habe ich eine kleine Wohnung. Ich komme gerade aus dem Krankenhaus. Mich hat man drei Monate wegen Depressionen behandelt. Ich nehme vier Tabletten am Tag. Jede Woche muss ich einmal meine Medikamente holen und einmal im Monat zum Arzt.

Meine Ex-Freundin kommt mich immer wieder besuchen. Sie reist auch viel mit ihrem Bus umher. »

Es schaute dann ein Bekannter von ihm vorbei, der jemanden suchte, um ihn in ein nicht sehr weit entferntes Dorf zu fahren.

« Ein paar Pferde eines Freundes sind ausgerueckt und wir muessen sie wieder einsammeln. »

Ich bot ihm an, ihn zu fahren, aber als ich von der Toilette zurueckkam, war er schon nicht mehr da. Es hatte sich jemand anderes seiner erbarmt.

Ich nahm Tom mit zum Bus, um etwas zu essen. Er wollte jedoch nichts essen und redete auch gar nicht mehr. Er sagte ja, er wuerde trinken, um zu reden und jetzt trank er nicht mehr…

Am Wochenende fuhr ich raus aus der Stadt und hielt an einem See. Ich trampte in den naechstgroesseren Ort, um zu dumpstern, wo mir ein Typ ueber den Weg lief, der ebenfalls gerade auf Dumpstertour war.

« Wir finden hier immer Sachen, dass es fuer zwei Wochen fuer die ganze Familie reicht. Und wo kommst du her ? »

« Aus Deutschland. Und du ?»

« Ich habe schon in ganz Frankreich gelebt, in Italien und Griechenland. »

Wir fanden eine ganze Menge Trauben, die er mir aus der Tonne fischte.

« Kommst du noch mit zu meiner Freundin etwas trinken ? »

« Fuer einen Moment. Ich muss noch zurueck zu meinem Bus bevor es dunkel wird. »

Seine Freundin war unglaublich nett und lud mich zu einem leckeren Essen ein : Lachsquiche und ueberbackenem Blumenkohl. Und Brot, Hokkaidokuerbis und Pains au chocolats gaben sie mir auch noch mit.

Mit « komm wieder jeder Zeit », verabschiedeten sie sich.

Zurueck in der Stadt traf ich Tom zusammen mit dem Freund, der jemanden zum Fahren gesucht hatte. Sie assen in einem neuen Restaurant zu Abend.

« Sie haben am Freitag aufgemacht. Es ist das internationalste Restaurant am Platz. Eine kommt aus Venezuela, die andere aus Katalonien. Komm, iss. Das Omelette ist phantastisch. »

« Ah, ich mag lieber die wilden Kartoffeln. »

« Bedien dich. Wir teilen alles. Das Omelette habe ich heute mittag schon gegessen. Ich bin naemlich eigentlich Spanier, aber ich lebe hier. Und gut, dass du mich letzt nicht gefahren hast, denn wir wurden mit einem Gewehr empfangen. »

« Einem Gewehr ? »

« Ach, ganz normale Geschichte. Fuer mich jedenfalls. Mir passieren immer solche Geschichten. Na ja, die Pferde sind ausgerueckt, weil der Nachbar eine wunderschoene Stute hat und seine Pferde nicht kastriert sind. Sie haben den Zaun kaputt gemacht und sind abgehauen. Und ich wusste wo sie sind. Der Nachbar ist eben ein Faschist und hat uns mit einem Gewehr empfangen. Aber der mich gefahren hat, ist ein Araber und ein Schrank von Mann. Da haben sie dann schnell abgelassen. Und wir haben alles wieder in Ordnung gebracht. Ich habe ein paar Sachen geerntet, bio, die wuerde ich Euch gerne vorbeibringen. Super Cherrytomaten. Tom, koennen wir zu dir nach Hause kommen ? Bei mir ist nicht aufgeraeumt. »

Tom war einverstanden. Jetzt kam er zu Wort :

« Ich kam am naechsten Morgen mit Kaffee und Croissants zu dir an den Bus und du warst weg. Da dachte ich, ich werde dich nie wiedersehen und habe die Croissants weggeschmissen. » Er erzaehlte die Geschichte zwei mal und ich war echt betroffen deswegen.

« Ich habe einige Buecher, die ich dir zeigen wollte, aber ich kann sie nicht holen. Zwei meiner Finger sind gebrochen. »

Ich zog Dan Millmanns « Way of the peaceful warrior » und « Srimad Bhagavatam » hervor.

« Du kannst sie beide mitnehmen. »

« Oh, danke. »

Spaeter drueckte er mir noch eine Reihe von Buechern ueber Drachen, Feen und die Ritter der Tafelrunde in die Hand. Letzteres lieh er mir ebenfalls aus, um es zu lesen. Zwei Nachbarn kamen noch vorbei und es wurde eng in dem kleinen Zimmer. Doch bald ging ich mit den Buechern bepackt zum Bus.

Strassenkuenstlerfestival

Ich schaute mir zwei wirklich faszinierende Strassenkuenstler an. Einer jonglierte mit Plexiglaskugeln, der andere vollfuehrte einen wahren Tanz mit einem Stab mit zwei brennenden Enden. Auch die Beiden, die mich hergefuehrt hatten, traf ich beim Getraenke verkaufen. Am spaeten Abend sassen ein paar Strassenkuenstler, die mit ihren Bussen da waren noch beisammen und ich gesellte mich zu ihnen.

« Wo kommst du her ? » wollten sie wissen .

« Aus Deutschland. »

« Wir waren vor ein paar Jahren in Deutschland fuer ein paar Monate. Es hat uns sehr gut gefallen. Vor allem finanziell war es viel besser als hier. In Deutschland haben schon die Kinder eigenes Geld im Portemonnaie. In Frankreich nicht. Wir machten mal 80 Euro in fuenf Minuten. Wir waren mit dem Bus dort, einem anderen, aehnlich wie deiner. Es war alles o.k. bis es kalt wurde und wir heizen mussten. Wir hatten einen Holzofen mit einem kleinen Schornstein und sobald Rauch herauskam, kam die Polizei und schickte uns fort. Wir konnten an keinem Ort mehr bleiben und waren gezwungen, zurueckzufahren. Wir waren echt traurig deswegen.

Aber manchmal bekamen wir auch Aerger mit der Polizei. Zum Beispiel wenn sie wollten, dass wir die Reinigung der Strasse bezahlten…

Und hier auf dem Festival gibt es drei Kategorien : die IN-Leute, die eingeladen wurden und viel Geld bekommen ; die OFF-Leute, die eingeladen wurden und wenig Geld bekommen und die OFF-Out-Leute, die nicht eingeladen wurden und gar nichts bekommen. Wir sind die OFF-Out-Leute. »

Ich fuhr zum Flohmarkt, den ich per Touristoffice ausfindig gemacht hatte, aber es war keine gute Idee. Ich tat mir auf dem Weg weh und hatte dann mit einer Nachbarin zwei Staende weiter die groessten Probleme. Sie fragte naemlich ziemlich bald mit meinem Nachbarn zusammen : « Haben sie die Standgebuehr bezahlt ? » Damit war es in der Regel aus.

Und schon kam der Aufseher vorbei und bat mich, als ich nicht zahlen wollte, weil ich die Sachen kostenlos anbiete, zu gehen. Ich packte also ein, waehrend ich mit einem schwulen Paerchen sprach, die an meinen Sachen interessiert waren, weil sie offensichtlich kein Geld hatten. Bis ein anderer Nachbar mich einlud, mich zu ihm zu stellen.

« Mein Stand ist bezahlt. »

Einer der beiden Jungs war jedoch im Tabakladen gewesen, in dem der Aufseher arbeitete und hatte mitbekommen wie die Frau ihn aufforderte die Polizei zu rufen ; sie koenne mich nicht mehr sehen. Dann kam sie vorbei und fragte noch einmal :

« Haben Sie den Stand bezahlt ? »

« Der Stand ist bezahlt », gab ich zurueck, woraufhin sie behauptete, ich sei unehrlich. Der Langhaarige der beiden Schwulen meinte : « Du hast kein Glueck, aber du wirst sehen : diese Frau ist dermassen neidisch, dass sie heute nachmittag nichts mehr verkaufen wird. Denn sie hat kein Herz. Und sie ist es, die unehrlich ist, denn ihre Familie holt ihr die Sachen aus dem Muell und sie verkauft sie zu einem stolzen Preis. Viel zu teuer. »

Auf jeden Fall packte ich mein Zeug zusammen ; ich hatte genug. Eine Frau hatte sich eine meiner Tueten genommen und war so freundlich mir dies mitzuteilen, doch als ich ihr sagte, ich braeuchte die Tuete, um die Sachen zurueckzubringen, wollte sie mir die Tuete nicht zurueckgeben. Gluecklicherweise gab mir eine andere Dame vom Stand gegenueber dann eine ihrer Tueten !

Ich lief noch mit den beiden Jungs zum Bahnhof. Dort kamen Bekannte von ihnen vorbei.

« Ich habe zwanzig Jahre in einem Bus gelebt », erzaehlte einer davon. « Doch jetzt habe ich keinen mehr und bin seit einem Monat auf der Strasse. Das Leben halt. Ich schlafe bei der Bibliothek . Doch ein Bus ist schon etwas Gutes. Ein eigenes Zuhause zu haben. Ohne hat man die ganze Zeit seinen schweren Rucksack bei sich. Aber ich will dieser Tage zu meinem Sohn. Er hat ein Auto geklaut und damit einen Unfall gehabt. Er liegt im Krankenhaus in kuenstlichem Koma. Weil die Schmerzen sonst zu stark waeren. »

Ich fuhr dann vorsichtig zurueck, denn das hintere Bremskabel war inzwischen gerissen. Ich kaufte jedoch gleich ein neues und reparierte es, nachdem ich zurueckkam.

Das einzige, was ich vom offiziellen  Programm sehen sollte war eine Inszenierung, in der es laut Ankuendigung um Nomaden gehen sollte. Sie liessen die Leute erstmal ewig warten. Dann kamen ein paar Schauspieler, die sich als Indigné, Sans papiers und aehnliches ausgaben. Dann hiess es wieder lange warten bis sie mit Helmen aus dem Camp kamen. Es war die Anspielung auf ein Konzentrationslager, in dem sie gelandet waren. Mir wurde schlecht. Genau das war es : erst Indigné, dann Konzentrationslager.

Ich hatte erstmal genug vom Festival und ging dumpstern. Ich fand einiges an Obst und Gemuese. Erst spaeter schaute ich mir nochmal den « Magier » an, wie ihn jemand nannte, der auf phaszinierenden Weise verschiedene Kristallkugeln und sogar ein Zwei-Euro-Stueck in der Luft kreisen liess und meinen Nachbarn, den phantastischen Feuerkuenstler.

Am Abend und zum Mittagessen sassen wir Nachbarn zusammen.

Der Feuerschlucker erzaehlte : « Wir lebten das letzte Jahr hier in der Stadt, nachdem wir drei Jahre mit dem Bus in ganz Frankreich unterwegs waren. Es tat uns gut, uns fuer eine Weile hier zu installieren. Erst waren wir im Squat. Es ist eine Squatstadt. Es gibt vielleicht dreihundert Stueck. Einige nur mit ein bis zwei Personen, aber andere mit vielen Leuten. Du koenntest dir mal welche anschauen. Einer ist ganz bekannt. Wir fahren dort vorbei, wenn du mitkommen willst… Aber wir wollen jetzt auch wieder raus auf’s Land. Die Stadt ist Babylon.

Und mit den Squats hier ist es so : wenn sie einen schliessen, oeffnen wir drei neue. Und das mit System. So werden es immer mehr. Und das, seitdem das Gesetz Lobsy II rauskam, in dem sie den Leuten verbieten wollten, in alternativen Habitaten zu wohnen. Da bildete sich eine Gruppe, die Haeuser besetzt hat und sie haben vor Gericht gewonnen. Das machte den Weg frei, Hausbesetzungen zu legalisieren.

Du hast sicher von der Occupy-Bewegung gehoert. Damit ist es jetzt vorbei. Sie haben ein Gesetz erlassen, das es erlaubt, auf die Demonstranten zu schiessen. Sowieso haben sie alle polizeilich aufgenommen. In Frankreich ist es genauso. Deshalb gibt es jetzt fast keine Demonstrationen mehr hier. Wir leben mitlerweile in einer Diktatur.

Jetzt haben sie eine kostenlose Telefonnummer eingerichtet, wo man Leute denunzieren kann. Dort kann jeder anrufen und sagen : ‘Der und der steht schon seit einer Woche auf dem Parkplatz.’ Und das ist verboten. Und wusstest du das ? Die Franzosen haben die Leute waehrend der deutschen Besetzung denunziert bevor die Deutschen danach gefragt haben !»

Zwischendurch berichtete seine Freundin: « Ab und zu holt er sich eine Benzinvergiftung. Einmal schlief er vier Tage und ich brachte ihn ins Krankenhaus. Am fuenften Tag ist er aufgewacht. Er hatte zu wenig Sauerstoff im Blut. Damals machte ich mir wirklich ernsthaft Sorgen. Die Tage hier verbraucht er zwanzig Liter Benzin. Normal machen wir bei sieben Litern am Tag Schluss, damit er der Gefahr der Vergiftung entgeht. »

Nachdem die anderen zum Reifen reparieren fuhren und wir uns verabschiedeten fuhr ich mit dem dritten im Bunde zum Kuenstlersquat. Er war allerdings wenig interessiert.

« Ich lass die lieber ihr Ding machen und fahre mit dem Fahrrad in die Stadt. Mich interessiert das wenig. Ich wohne selbst in einem Squat. »

Er kam trotzdem mit mir auf eine Rundtour durch die alte Fabrik, in der verschiedene Kuenstler ihre Werkstaetten hatten, fuhr dann jedoch weg ohne sich explizit zu verabschieden. Ich nutzte derweil einen der Computer fuer’s Internet.

« Entweder ich drueck mich aus oder ich deprimiere » stand als Slogan auf der Website der Fabrik…

Nach langer Pause war ich ziemlich lange im Internet und fuhr dann noch mit meinem Fahrrad umher, allerdings ohne etwas Essbares zu finden. Stattdessen fand ich Buecher.

Am naechsten Morgen fragte ich den Typ, der immer wortlos neben mir am Computer sass nach einer Dusche.

« Oh, die Dusche geht mal und mal geht sie nicht. «

Er stand auf und zeigte sie mir. Es lag eine Zange auf den kaputten Armaturen, um die Wasserhaehne aufzudrehen. Aber sie funktionierte.

Zum Dank befreite ich die Toilette und den Gemeinschaftsraum von einigen dutzend Spinnweben. Nach dem Fruehstueck machte ich mich startklar zur Abreise, wusste jedoch nicht wohin genau ich fahren sollte. Doch just in dem Moment, in dem ich losfahren wollte, kam der Schauspieler mit seinem Auto vorbei.

« Ich fahre mit den anderen zu Freunden nach Wunderland. »

« Oh, ich wollte eventuell auch dorthin zurueck fahren, denn ich war dort bevor ich herkam. Vielleicht kann ich mit Euch fahren – im Konvoi. »

« Ja, komm. »

« Ich muesste nur tanken bevor wir losfahren. »

« Alles klar. »

Er lieh mir seine Geldkarte, so dass ich direkt tanken konnte ohne in der Schlange zu warten. Er schaute nicht einmal nach wie viel es gekostet hatte und nahm mein Geld dankend an. Pures Vertrauen.

Die anderen schienen jedoch weniger begeistert, dass ich mitgekommen war.

« Wir besuchen einen Freund, bei dem wir eine Person mitbringen koennen, aber keine zwei… »

« Kein Problem. »

« Aber komm bei uns zu Hause vorbei, wenn du willst… »

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